Leben, Stadt

Ausstellung „Die Münchner Polizei und der Nationalsozialismus“

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Zum ersten Mal nach 60 Jahren findet im Polizeipräsidium München eine Ausstellung statt, die sich mit der Geschichte der Münchner Polizei von 1918 bis 1963 befasst. Sie untersucht die Rolle der Polizei als zentrales Herrschaftsinstrument des lokalen NS-Regimes. Welche Strukturen haben damals das NS-Regime ermöglicht? Wie kann Diskriminierung entstehen? Die 70er/80er Jahre-Geschichtsschreibung wies im Zeichen der damals noch stärker spürbaren herrschaftstechnischen, personellen und ideologischen Kontinuität des Nationalsozialismus einige Lücken auf. Diese werden jetzt geschlossen. Ein spannendes Projekt mit Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und des NS-Dokumentationszentrums:

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Polizisten investierten ihre Freizeit, um mit Ermittlungsmethoden in Archiven zu recherchieren und erarbeiteten unterstützt von der wissenschaftlichen Herangehensweise von Historikern die Ausstellung. Diese Ausstellung war dringend fällig und ist jetzt einfach wichtig. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen der politisch-historischen Bildung und der demokratischen Sensibilisierung aller Besucher und auch der Polizeibeamten dienen. Auch zukünftig wird das NS-Dokumentationszentrum mit jungen Polizeiinspektoren zusammenarbeiten, um etwas für die Gegenwart zu lernen, auch was die momentane Rolle des Präsidiums betrifft.

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Die Reichweite der Publikation kann diesmal als ausreichnend bezeichnet werden: Ca. 30 Journalisten waren bei der Vorbesichtigung und ca. 50-100 geladene Gäste bei der Eröffnung anwesend und einige grosse Lokalmedien berichteten bereits in Kurzform. Einleitend stellten Kulturreferent Volker Küppers und Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer in 2 kurzen Ansprachen das Projekt vor. Die Zerrissenheit des damaligen Polizeiapparats und Schnellebigkeit der neuen Medien wurde vom Polizeipräsidenten in seiner Ansprache thematisiert.

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Die Rede des Polizeipräsidenten Prof.Dr. Wilhelm Schmidbauer zur Eröffnung:

Sehr geehrter Herr Staatsminster, werte Frau Knobloch, meine Damen und Herren Abgeordnete, Frau Landrätin, sehr geehrte Damen und Herren Professoren, Mitglieder des Arbeitskreises, liebe Gäste.

Herzlich Willkommen im Polizeipräsidium München!

Als ich 2008 die Gründung des Arbeitskreises „Münchner Polizeigeschichte“ angeregt habe, haben sich sehr bald viele Angehörige meines Präsidiums bereit erklärt, sich mit der Geschichte ihrer Behörde zu beschäftigen. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Sparten der Polizei. Aber ihnen allen ist eins gemeinsam: Ihre historische Forschungsarbeit haben sie ganz überwiegend in der Freizeit geleistet. Dies verdient meinen ganz persönlichen Dank und unser aller Respekt.

Eins der ersten Themen, mit denen sie sich beschäftigt haben, war der Nationalsozialismus.

Deshalb haben sich meine Kolleginnen und Kollegen 2009 mit Wissenschaftlern des NS-Dokumentationszentrums zusammengetan. Beide Seiten haben von beeindruckenden Synergieeffekten berichtet, als polizeiliche Fachkenntnis, einen Sachverhalt zu ermitteln, auf wissenschaftliche Expertise eines Historikers getroffen ist.
Viele Schwierigkeiten unterschiedlichster Art gab es bis zur heutigen Ausstellungseröffnung zu überwinden. Aber dies würde locker einen eigenen Vortrag füllen.
Ich danke vor allem dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, ohne dessen Unterstützung dieses ambitionierte Projekt nicht möglich gewesen wäre!
Mein Dank gilt auch dem Team des Polizeipräsidiums München, das für die Gestaltung der Ausstellung verantwortlich war.

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Den Vielen, die sich engagiert haben, ist eine Erkenntnis gemeinsam. Die Erkenntnis, dass die Rolle des Polizeipräsidiums München im Nationalsozialismus für die Gegenwart von Bedeutung ist. Dass die Beschäftigung damit einen Wert weit über die geschichtswissenschaftliche Erkenntnisgewinnung hinaus hat. Denn die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt, wie schutzbedürftig die demokratische Ordnung unserer Gesllschaft ist, wie wichtig der Wertbezug auf die Idee der Menschenwürde ist. Wir als Polizei von Heute tragen eine besondere Verantwortung für den Erhalt der Demokratie. Entscheidend ist ein frühes Eingreifen gegenüber extremistischen Bedrohungen. Die Entstehung und Entwicklung der NSDAP im München der 1920er Jahre belegt dies eindrücklich. Hierbei geht es uns nicht um nachträgliche Schuldzuweisungen, sondern um Aufklärung und notwendige Lehren für die Gegenwart.

Den Aufstieg der NSDAP verfolgt Polizeipräsident Pöhner während seiner Amtszeit in den Jahren 1919-1921 mit Wohlwollen. So kann diese sich als antidemokratische, nationalistische Bürgerkriegspartei unter den Augen der Polizei unbehelligt entwickeln. In den folgenden Jahren dann ein ganz anderes Bild. Seit 12.Mai 1923 ist Karl Mantel Polizeipräsident. Er soll es bis zum Jahr 1929 bleiben. Am 09. November 1923 schlägt die Polizei den Hitler-Putsch mit Waffengewalt vor der Feldherrnhalle nieder. Hitlers vollmundig angekündigter „Marsch auf Berlin“ ist gestoppt. Dabei befand sich der Münchner Polizeipräsident Karl Mantel in Geiselhaft der SA, verraten von seinem eigenen Mitarbeiter Frick, dem Leiter der Politischen Polizei der Polizeidirektion München und späteren NS-Innenministers.

Vier Polizisten verlieren ihr Leben, 15 Nationalsozialisten und ein Passant sterben. In den Folgejahren geht die Münchner Polizei deutlich entschlossener gegen die NSDAP vor.

1927 beschwert sich Hitler in einer Rede bitterlich: Im Vergleich zum Reich würden die Nationalsozialisten in München am heftigsten bekämpft. Und zwar durch die Polizeidirektion München, die trotz nicht weniger NS-Sympathisanten in ihrer Beamtenschaft einen striken Anti-Nazi-Kurs vertritt. So hatte sich noch in den 20er Jahren die Münchner Polizei von einer dem Rechtsextremismus gegenüber schwächlichen Institution zu einer tatkräftigen Polizeidienststelle zum Schutze des Freistaats Bayern gewandelt.

Vergeblich! Am 09. März 1933 wird Heinrich Himmler Polizeipräsident in München.

Kaum war im März ’33 auch Bayern kein freier Staat mehr, waren Münchner Polizisten zunächst nur Statisten zur Wahrung des legalen Scheins für die Gewaltorgien von SA und SS – schon bald aber ergriffen nicht wenige von ihnen aktiv Massnahmen im Sinn der nationalsozialistischen Willkürherrschaft.

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Nicht lange, da hatte die Münchner Polizei die neue Marschrichtung endgültig zu ihrer eigenen Linie gemacht: Überzeugte Nationalsozialisten reüssierten in der Behördenhierarchie. Polizeibeamte sorgten auf der Grundlage förmlicher Gesetze für den Vollzug des NS-Terrors. Schleichend und praktisch widerstandslos ging der Übergang vom Rechts- zum Unrechtsstaat in München vonstatten. Polizeibeamte sorgten auf der Grundlage förmlicher Gesetze für den Vollzug des NS-Terrors.

„Dachau“ wurde ein Schreckensbegriff. Und dieses „Dachau“ wurde auch mit der Polizei in Verbindung gebracht. Zu Recht.
Das KZ Dachau war von Himmler als Polizeipräsident schon 1933 eingerichtet worden und avancierte mit dessen Aufstieg zum Vorbild für andere Konzentrationslager im Reich. Noch 1933 gab es die ersten Toten im Konzentrationslager und die Münchner Kriminalpolizei leitete Todesermittlungen ein, die erst dadurch gestoppt wurden, dass der Polizeipräsident seinen Beamten die Ermittlungsakten wegnahm. Wenig später halfen Kriminal-und Schutzpolizei der Gestapo tatkräftig, Gegner des Regimes in diese Vernichtungsmaschine zu schicken.

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Wer gegen den neuen Machthaber Widerstand leistete oder wer nicht der Ideologie des Nationalsozialismus entsprach, der musste nicht nur die Politische Polizei fürchten: Auch die Kriminalpolizei überstellte selbständig Menschen in die Konzentrationslager.

Ab 1933 war die damalige Polizeidirektion München zunächst noch Werkzeug im nationalsozialistischen Normenstaat. Die Normativität des NS-Staates erschöpfte sich allerdings in formeller Rechtsfrömmigkeit. Der „Legalist des Unrechtsstaates“ Frick hatte das Seine dazu getan, die formgerechten Normen von ihrer materiellen Rechtsstaatlichkeit zu befreien.

Spätestens 1938 aber wurde die Rolle des Polizeipräsidiums München als Instrument der NS-Gewaltherrschaft im rechtsfeindlichen Maßnahmenstaat Hitlers, Himmlers, Heydrichs immer deutlicher! Auf formelle Befugnisse durch Gesetze wurde endgültig kein Wert mehr gelegt. Exekutiert wurde, was die nationalsozialistische Führung befahl.
Dabei nahmen viele nicht mehr wahr – oder ignorierten geflissentlich -, dass sie von den Nationalsozialisten längst ihres Berufsstolzes beraubt und um ihre Vertrauenswürdigkeit gebracht worden waren.

Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte – gerade mit der schwierigen – ist mir ein wichtiges Anliegen. Denn dieser Blick zurück ist zugleich ein Blick nach vorn:
Wer die Vergangenheit reflektiert, kann dabei lernen, auch sein heutiges Handeln zu hinterfragen.

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Es ist wichtig, sich als Polizist bewusst zu machen

– wie die Machtergreifung erfolgt ist

– wie der Terrorapparat des NS-Regimes funktionierte

– warum die Polizei die Menschenrechtsverletzungen nicht verhindert hat und

– warum gar nicht wenige sogar selbst aktiv Terrormaßnahmen ergriffen.

Es ist unabdingbar vor allem, um immer aufmerksam zu bleiben gegenüber den Gefahren des politischen Extremismus von Rechts, von Links oder aus dem Ausland.
Wir leben heute in einer schnelllebigen Zeit. Aber von der Niederschlagung des Hitler-Putsches durch die Polizei bis zur Machtübernahme des Polizeipräsidenten Himmler vergingen keine zehn Jahre. Wie viel schneller könnte dies heute gehen im Zeitalter von Internet, social network und smartphone? Umso grösser muss unsere Aufmerksamkeit sein.

Leben und Gesundheit, Freiheit und Eigentum – diese Grundwerte der Menschen zu wahren ist Aufgabe der Polizei. Auf Grund der geschichtlichen Ereignisse muss dies gerade auch Aufgabe der Münchner Polizei sein. Mit vollem Engagement wollen wir einstehen für die persönliche Sicherheit und den Schutz der Grundrechte eines jeden, der in diesem Staat lebt.

Wer in München lebt, soll sicher leben.

„Die Münchner Polizei und der Nationalsozialismus“ – diese Ausstellung, die aus der Mitte des Polizeipräsidiums heraus entstanden ist, soll uns als als Polizei an diese Pflicht erinnern und unsere Gäste darum bitten, uns bei dieser Aufgabe zu helfen.

Kurzbericht von TV München

kurzer Filmbeitrag von BR/Capriccio

Ort: Polizeipräsidium München Ettstrasse 2 , Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 10-19 Uhr , Samstag und Sonntag 10-16 Uhr

Vortragsreihe im Rahmen der Ausstellung:

Kostenlose Eintrittskarten erhalten Sie ab 09.11.2012 an der Pforte des Polizeipräsidiums München, Ettstraße 2, 80333 München.
Für die Vorträge steht nur eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen zur Verfügung. Eine Reservierung der Plätze ist nicht möglich.

15.11.2012, 19:00 Uhr
Prof. Dr. Peter Longerich (Royal Holloway, University of London):
Heinrich Himmler – eine Karriere: Vom Münchner Polizeipräsidenten zum Chef des NS-Terrorapparates

22.11.2012, 19:00 Uhr
Dr. Joachim Schröder (Historiker):
Die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ der Münchner Kriminalpolizei und die Verfolgung der Sinti und Roma

29.11.2012, 19:00 Uhr
Marcus Schreiner-Bozic (Polizeipräsidium München):
Polen – Jugoslawien – Frankreich. Das Münchner Reserve-Polizeibataillon 72 im „Auswärtigen Einsatz“

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Die Zeitzeugen aus der Polizei des 3.Reichs sind tot, da sie an die Front zu Auslandseinsätzen geschickt wurden. Deshalb ist es auch besonders wichtig, die noch lebenden Zeitzeugen in den Altenheimen zu besuchen und sich mit ihnen zu unterhalten. Dies sollte nach den Regeln einer Biografiearbeit geschehen, die nicht arrogant wird und auf einer gleichberechtigten, respektvollen und toleranten Wahrnehmungsebene stattfindet. Diese Regeln werden grundsätzlich in den Ausbildungen zu den Pflegeberufen gelehrt, dennoch bleibt in der Praxis leider oft immer noch zuwenig Zeit, da Ehrenamtliche und Pflegekräfte fehlen.

Von Nazi-Richtern und -Staatsanwälten, die nach der NS-Diktatur im Amt blieben, bis hin zu Firmen wie IG Farben, Siemens, Hoechst, BMW, Bayer, Degussa, Allianz und der Deutschen Bank: Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die Entschädigung der Hinterbliebenen und die Auflistung sämtlicher beteiligten Firmen, Behörden und Institutionen erfolgte teilweise erst sehr spät.

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Die Austellung findet 2012 in Zeiten einer generellen Aversion von Teilen der Bevölkerung gegen die Polizei, Bildungsmängeln, Selbstjustiz bis hin zu Vigilantismus und mangelndem Demokratieverständnis statt. Manche Mitbürger haben noch nicht gelernt, wozu es denn überhaupt Legislative, Exekutive, Iudikative oder die Presse als „4.Gewalt“ braucht.

Weitere Orte der Erinnerung und politischen Bildung:

die Münchner Stadtverwaltung im Nationalsozialismus

NS-Dokumentationszentren, Lernorte, Museen, Gedenkstätten,Archive,Bibliotheken,Institutionen, Geschichte des Nationalsozialismus

Geschichtsarbeit in München

Institut für Zeitgeschichte

Der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen dient Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und deren Angehörigen, indem er ihr Schicksal mit Hilfe seines Archivs dokumentiert.

Memorial Museums

Gedenkstättenforum

Bundesarchiv

Archive in München

Jüdisches Museum München

Entlarven des von der deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen nicht akzeptierten Psycho-Gurus und dennoch zu Unrecht populären Bernd Hellinger, der sich in ehemalige NS-Gebäude einmietete und z.B. mit Umdrehen von Opfer/Täter-Verhältnissen eine völlig falsche Methodik der Erinnerungsarbeit betrieb. Dennoch sind Hellingers Bücher beispielsweise in der Münchner Bibliothek am Gasteig erhältlich.

AStA der Universität München (Hrsg.)„Niemand kann seinem Schicksal entgehen…“ – Kritik an Weltbild und Methode des Bert Hellinger

Internet Archiv

zeithistorische Forschungen

A.I.D.A. Archiv

Apabiz

IBM and the Holocaust

von IBM bis Verichip

Blogartikel rund um Nina Hagen, Truther, Revisionisten und Holocaustleugner

Netz gegen Nazis

Bildung gegen neue radikale Rechte

Antifaschismus

Online-Beratung gegen Rechtsextremismus

Endstation Rechts

BSI für Bürger

Jugendschutz.net

Personensuche

Suchmaschinen.

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