Kultur, Live

Bloody Shakespeare

Juliane Becker

Viel Nacktheit, viel Kunstblut, viele Lacher: zum vorletzten Mal inszeniert Michael Thalheimer auf der Bühne des Residenztheaters William Shakespeares Ein Sommernachtstraum.

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

Dass Shakespeare nicht nur aus säuselnden Romeos und sabbernden Julias besteht, sondern auch viel Raum für Versautes lässt, ist den Wenigsten bekannt. Beim Sommernachtstraum im Residenztheater finden Nymphomanie, Leidenschaft und literweise Kunstblut zu einer wunderbar lustigen, schweinischen und doch sehenswerten Inszenierung zusammen.

Heimliche Hauptdarstellerin ist Andrea Wenzl als die allen Männern den Kopf verdrehende Hermia. Sie liebt ihren Lysander (Michele Cuciuffo), was ihrem Vater Egeus (Götz Argus) jedoch gar nicht gefällt. Er hält Demetrius (Norman Hacker) für die beste Wahl; letzterer ist auch ganz vernarrt in die schöne Hermia. Was wiederum deren beste Freundin Helena (Britta Hammelstein) zur Verzweiflung bringt, denn sie ist unsterblich verliebt in Demetrius.

Lysander und Hermia fliehen in den Wald, wo die Herrscher des Elfenreichs Titania (Sibylle Canonica) und Oberon (Götz Schulte) sowie dessen Gehilfe Puck (Oliver Nägele) einen heftigen Streit austragen. Erfüllt von Hass, bringt Oberon ein Liebeszaubermittel ins Spiel, das sämtliche Beteiligten in Verwirrung stürzt.

Sybille Canonica, Götz Schulte, Oliver Nägele, Alfred Kleinheinz

Foto: Matthias Horn

Dieses Mittelchen, auf der Bühne als blutfarbene, dickflüssige Substanz dargestellt, wird fröhlich herumgespritzt und verwandelt die Betroffenen in sexgeile Zombies. Wer etwas von der Schmiere abbekommt, fängt mindestens an, sich in der Hose herumzugrabbeln, die meisten jedoch entledigen sich gleich ihrer Kleidung und wanken stöhnend, starrend, liebestoll auf der Bühne herum. The Walking Dead in der Shakespeare-Edition sozusagen. Der Witz dabei: Man kann es sich trotzdem gut ansehen! Selbst die ältere Generation amüsiert sich königlich. Möglicherweise gab es in den letzten Jahren auch einfach schon zu viel Nacktheit auf Münchens Bühnen, um davon noch abgestoßen zu sein. Auf jeden Fall ist Michael Thalheimers Interpretation ein Hochgenuss, die schweren Verse fliegen leicht wie die Blumen der Elfen, ein Gag jagt den nächsten und die Schauspieler präsentieren sich ohne Scham und in Höchstform. Weiß der Teufel, warum diese fantastische Inszenierung nach der Premiere als „Sommerschocker“ (Abendzeitung) betitelt wurde und man von ohnmächtig werdenden Besuchern hörte. Dies ist Shakespeare, wie er sein sollte. Voller Magie, Leichtigkeit und einer großen Portion Witz.

Ein letztes Mal wird das Residenztheater den Sommernachtstraum noch zeigen; Karten dafür gibt es voraussichtlich ab Mai.

Regie Michael Thalheimer
Bühne Olaf Altmann
Kostüme Michaela Barth
Musik Bert Wrede
Dramaturgie Sebastian Huber

Informationen und Spielplan unter www.residenztheater.de

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