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„Da ist ein Durst nach dem Echten“ – So gestaltet die neue Leiterin Adele Kohout das DOK.fest
Bald startet das erste DOK.fest München unter der Leitung von Adele Kohout. Sie erklärt MucBook, wie sie Evolution und Erbe zusammenbringt und unsere gesellschaftliche Sehnsucht nach Authentizität stillt.
Ein interview von Fiona Rachel Fischer

Filmstill: Hello New Body
MUCBOOK: Das DOK.fest hat einen neuen Look bekommen. Was sagt uns dieses Makeover?
ADELE KOHOUT:
Wir wollen die neuen Nuancen sichtbar machen, die das Festival jetzt nach dem Leitungswechsel bekommt. Das hieß für uns, das altbewährte Orange, diese wunderbare Signalfarbe zu behalten, aber neue Farbtöne hinzuzufügen: dieses Lila ist die Farbe der Kultur, sie steht für Diversität, Offenheit und Inklusion. Diese lila Linien stehen für Dialog, dafür Berührungs- und Knotenpunkte zu finden und manchmal auch über Grenzen zu gehen.
MUCBOOK: Das ist natürlich neu, aber eigentlich sind du und deine Stellvertreterin Maya Reichert beide schon lange dabei. Du warst davor schon neun Jahre lang die Stellvertreterin deines Vorgängers Daniel Sponsel.
ADELE KOHOUT: Ich habe 2008 beim Festival in der Öffentlichkeitsarbeit angefangen, bin also sogar schon fast 20 Jahre dabei. Ich bin sehr nah an der Kultur aufgewachsen, weil meine Eltern beide Künstler sind, und für Filme habe ich mich schon immer interessiert. Und irgendwann im Studium habe ich gemerkt, ich möchte nicht selbst Kunst machen, aber ich möchte die Kultur unterstützen und ihr eine Plattform bieten. Da habe ich früh beim Dok.Fest München meinen Wirkungsraum gefunden.
MUCBOOK: Und da hast du ganz unten angefangen.
ADELE KOHOUT: Ich habe dann alle Stufen durchlaufen, die es im Festival gab und habe gesehen, wie es immer weiter wächst. Am Anfang war das DOK.fest ganz klein, aber sehr fein. Inzwischen sind wir zahlenmäßig das größte Dokumentarfilmfest in Deutschland und international renommiert. Wir haben gemerkt, da ist ein Durst nach dem Echten, dem Authentischen. In den ganzen Jahren ist diese Euphorie der Zuschauerschaft geblieben.

Filmstill: A Song Without Home
MUCBOOK: Warum funktioniert das heutzutage immer noch, wo Blockbuster und Social Media unseren Medienkonsum prägen?
ADELE KOHOUT: Ein Dokumentarfilm zeigt uns ein Stück des wahren Lebens, auch wenn er natürlich durch filmische Mittel auch gestaltend arbeitet. Aber was wir da auf der Leinwand sehen, hat sich niemand ausgedacht, das ist irgendwo auf der Welt wirklich passiert. Ich kann also sehr bequem vom Kinosessel aus um die ganze Welt reisen und in alle möglichen Lebenswelten eintauchen. Gerade in Zeiten von KI und Bildverfremdung, wo man plötzlich alles misstrauisch betrachten muss, interessieren sich viele Leute immer mehr für das Unverfälschte, für die Kraft des Moments.
MUCBOOK: Welches Potential haben Dokumentarfilme und -festivals dann in diesen Zeiten?
ADELE KOHOUT: Ich glaube, der Dokumentarfilm ist das Ausdrucksmedium der Stunde. Die Einreichungen, die wir bekommen – und das waren diesmal etwa 1.440 Filme – funktionieren wie eine Art Seismograph unserer Welt. Sie bilden genau die vielen Themen ab, die gerade relevant sind, mit denen sich die Filmschaffenden der Welt beschäftigen. Daraus kuratieren wir das Programm und bieten den Menschen damit eine wunderbare Möglichkeit, sich tiefer mit den Themenkomplexen zu beschäftigen, die sie davon interessieren. Ich glaube, dass das hilft, sich in den ganzen Stimmen, Konflikten und Berichten zu orientieren. Persönliche Geschichten oder tiefere Betrachtungen geben uns noch einmal einen anderen Blickwinkel und macht das alles spürbarer als beispielsweise eine Zeitungsmeldung es kann. Wir ordnen unsere Filme inzwischen genau deshalb nach Themen, damit unser Publikum sich ganz gezielt aussuchen kann, womit sie sich beschäftigen wollen.
MUCBOOK: Das war eine Neuerung von 2025. Aber was hat sich noch verändert?
ADELE KOHOUT: Diese Entwicklung habe ich tatsächlich schon in meiner Rolle als stellvertretende Leitung begleitet. Ich möchte deshalb gar keinen Cut zu den letzten Jahren, aber wir arbeiten diese Struktur jetzt weiter aus. Aus den eingereichten Filmen ergeben sich thematische Schwerpunkte, die wir in Themenreihen clustern, wie „ZusammenLeben“, „HerStory“ und „Beyond Borders“. Zu jeder davon gibt es jeweils einen Signature-Film, anhand dem man das Thema wunderbar diskutieren kann. Dazu veranstalten wir Fokus-Talks mit Expert*innen zum Thema, um darüber ins Gespräch zu kommen.
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MUCBOOK: Das führt doch eher von der Leinwand weg.
ADELE KOHOUT: Genau, das darf es auch. Es gibt einige Veranstaltungen, die das Medium Film verlassen oder in andere Medien übergreifen. Zum Beispiel zeigen wir einen Dokumentarfilm zum bekannten Musikfestival „Wacken“ und direkt im Anschluss bringt eine Heavy-Metal-Band das Deutsche Theater zum Wackeln. Ich finde das ist ein ganz toller Clash, der diese Medien toll verbindet. Es ist uns wichtig, den Menschen solche echten Erlebnisse zu bieten. In dem Film „Watching People Watching Birds” begleitet man Menschen, die Vögel beobachten. Und vor der Vorstellung bieten wir unseren Zuschauerinnen und Zuschauern eine Birdwatching-Tour durch den Englischen Garten an – geleitet von einem der Protagonisten des Films.

Filmstill: Chosen Family
MUCBOOK: Das Programm bietet eine große Auswahl. Hast du denn einen ganz persönlichen Tipp, was man nicht verpassen sollte?
ADELE KOHOUT: Ich bin ganz begeistert von „Finding Connection“, das ist der Signature Film der Reihe „Visions of the Future“. Da geht es um Personen, die emotionale Bindungen mit KI-Chatbots, einer Companion-App eingehen. Das zu sehen, fühlt sich am Anfang erst einmal merkwürdig an, aber grundsätzlich geht es in dem Film um das menschliche Bedürfnis nach Beziehung, Nähe und die Verletzungen, die daraus entstehen können. Danach gibt es einen Talk mit einem Psychologen, einem der Protagonisten aus dem Film und dem Geschäftsführer von Replika, dem führenden Hersteller solcher Companion-Apps.
MUCBOOK: Das wird sicherlich ein spannendes Gespräch.
ADELE KOHOUT: Darum geht es uns: es soll diskutiert werden, die Leute sollen neue Perspektiven bekommen und diese Erfahrung mit Nachhause nehmen. Schlussendlich geht es darum, die Zuschauenden zu berühren und sie soweit zu bewegen, dass sie ins Machen kommen. Gerade dafür sich solche transmedialen Veranstaltungen super! Und genau da sehe ich das Dok.Fest auch in Zukunft, als offene Dialogplattform, die dazu beiträgt, Werte und Haltung in der Gesellschaft zu entwickeln.