Kultur, Nach(t)kritik

Das Back to the Woods ist ein glückliches Festival

Jan Rauschning-Vits

Das Back to the Woods (BTTW) ist ein glückliches Festival. Als Kronprinz des großen Schall im Schilf waren die Erwartungen groß. Doch wie man oft bei dem internationalen Promi-Nachwuchs beobachtet, kann solch ein Erbe schon mal sehr erdrückend wirken und einen Jahre langen Absturz zur Folge haben.

Das BTTW jedoch überstrahlt mit seinen 5000 Gästen seit zwei Jahren den Erzeuger noch! Malerisch am Isarufer gelegen tanzt hier die urbane Neo-Hippie-Raver Generation, trinkt und isst bevorzugt nachhaltig und schießt neue Fotos für ihre Instagram Follower. Das Konzept ist stimmig, die Stimmung oft euphorisch, die wild gezimmerten Holzaufbauten erinnern an die großen Legenden der elektronischen Festivals im Norden der Republik.

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Wie es in München üblich ist, stiegen die Partys von kellerkind schnell vom Geheimtipp zum Pflichttermin für die Münchner Szene auf. Mittlerweile sind nicht mehr nur die überzeugten, abgebrannten Kreativen hier anzutreffen, sondern auch der hedonistische Selfiestab-Student, der die Hippness erst sieht, wenn Facebook und die Gespräche mit den Kommilitonen ihn ausdrücklich darauf hingewiesen haben.

Wahrscheinlich könnten die kellerkinder auch 20.000 Tickets verkaufen für ihre Festivals. Für das Schall im Schilf war die Nachfrage so hoch, dass die Server zusammenbrachen und der Schwarzmarkt so richtig auf Touren kam. Manche versuchten wohl sogar ihr Ticket für die Fusion gegen eine einzige Schall im Schilf Karte zu tauschen.

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Beim Back to the Woods geht es nur unwesentlich gesitteter zu. 5000 Tickets brauchten dieses Jahr 2 Stunden, um sich über München und Umgebung zu verteilen. Wachsen kann es nicht mehr, da die Location die Anzahl der Leute festlegt. Doch das will man auch gar nicht.

Nach der lahmen Stimmung beim letzten Schall im Schilf hat man beim Back to the Woods gehandelt und vermehrt auf härteren Sound gesetzt. Mit Nick Höppner kam ein alter Großmeister aus dem Berliner Berghain. So war der Sound ganz anders als beim Sonnen verliebten Schall im Schilf am Garchinger See. Ganz nach dem Motto: “Am Ende wollen es doch immer alle nur hart”, wie ein berühmter Münchner Produzent einmal gesagt hat.

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Dazu kam eine bombastische Lichtshow. Endlose Gänge, Wellen und kubische Formen projizierten riesige Laser in die Staubwolke über der tanzenden Meute. Selbst erfahrene Festivalgänger vergaßen oft das Tanzen und zeigten wie kleine Kinder mit dem Finger auf das Spektakel aus Licht über ihren Köpfen.

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Wie letztes Jahr auch war allgemein die Organisation hervorragend. Ein kleines Dorf aus Klo-Häuschen verhinderte endlose Schlangen und nirgendwo knirschte oder hakte es erkennbar. Getränke gab es nur aus Plastikbechern, was mit dem weichen Boden es ermöglichte, komplett auf Schuhe zu verzichten. Den Neo-Hippies hat’s gefallen. Und die mürrischen Stampfer aus den harten Clubs vom Ostbahnhof kamen dank dem härteren Sound auch auf ihre Kosten. Der Sonnenuntergang gegenüber der Mainstage ließ die zwei gigantischen Mickey Mouse Ohren, auf denen später die Visuals zu sehen waren, golden schimmern. Spätestens jetzt rasteten auch die Instagram-Opfer völlig aus.

 

Man könnte meinen, das Back to the Woods ist so beliebt, weil München jeden Hype und jede coole Party ins Absurde treibt, bis es an seiner eigenen Überdrehtheit verreckt. Doch so ist es nicht. Es ist schlicht das beste Open Air des Jahres.

 

Hoffen wir, dass es so bleibt.

 Fotos: Diego Reindel (Link zu seinem feinen Blog)

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