Kultur, Nach(t)kritik

Das Schiff der singenden Spinner

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Die Kammerspiele bringen Fellinis „E la nave va“ auf die Bühne. Elena Stingl war für uns da und erlebte ein tosendes Meer, taumelnde Schauspieler und ein bisschen Applaus.

Noch ist der Theatersaal hell erleuchtet, noch verschließt der Samtvorhang das Bühnenbild als eine jingelige Melodie im Zuschauerraum ertönt. Von fern und Überall her klingt sie und schiebt sich von den Rängen Richtung Rampe. Ein hochgewachsener Maskierter erscheint und spricht: „Man sagt zu mir, mach die Chronik, erzähle, was passiert. Aber wer weiß schon, was passiert?“ Kurz darauf hebt sich der Vorhang und es erscheint gleich dahinter eine transparente Leinwand, darauf ein riesenhaftes Scherenschnitt-Schiff, die Gloria N. Denkt man am Ende des Stückes rund zweieinhalb Stunden später an diesen bizarren Auftakt zurück, erscheint er einem wie die kuriose Ruhe vor dem polyphonen Sturm.

Die gleichnamige Adaption von Federico Fellinis E la nave va aus dem Jahr 1983 erzählt von einer illustren Gesellschaft – Creme de la Creme der Opern- und Kunstwelt – die von Neapel aus auf hohe See sticht, um die Asche der verstorbenen Sängerin Edmea Tetua auszustreuen. Die Seebestattung ereignet sich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und im Laufe des Stücks greift die kontinentale Kriegsstimmung zunehmend auf das ozeanische Gefährt zu. Eines Nachts gewährt der Kapitän einigen Serben Zuflucht auf der Gloria N. Jedoch droht kurz darauf ein Österreichisch-ungarisches Militärschiff mit Kanonenschüssen und fordert die Preisgabe der Flüchtlinge.

So setzt der erzählerische Rahmen Koordinaten für wesentliche Dynamiken des Stückes: das schepse Toben der Künstler auf dem Oberdeck, die nostalgische Heraufbeschwörung der verstorbenen Edmea Tetua, die Konfrontation der distinguierten Gesellschaft mit den serbischen Eindringlingen – und, ach ja, natürlich noch der Klassenkonflikt mit den Arbeitern im Kesselraum. Die Aufzählung verrät es schon: sparsam geht es in Johan Simons Stück zur Saisoneröffnung nicht zu.

Schräg auf das Publikum läuft das Oberdeck zu, im Hintergrund rollt kontinuierlich eine auf Walzen gespannte Wellenlandschaft. Der Aufbau schreit geradezu nach einigen Spielereien mit der Schwerkraft und tatsächlich arbeiten sich die feinen Artisten immer wieder an Kulissen und dem rutschigen Bühnenbild (Bert Neumann) ab: besondere Erheiterung im Publikum fand Olliver Mallinsons hiefendes Intermezzo als fettleibiger Großherzog, der sysiphosartig seine Körpermassen gen Liegestuhl am oberen Rand der Bühnenschräge schiebt. Oder die köstliche Möwenjagd am ersten Tag der Seereise, die die grazile Künstlergesellschaft als zappelige und schreckhafte Spinner entpuppt. Und schließlich der hysterische Anfall der jungen Monika, gespielt von der eleganten Brigitte Hobmeier, die aus lauter Unterschichtenromantik in den Kesselraum steigt und sich dort am rauhen, haarigen Arbeiter Yank und seinem Kumpanen, dem Affe, erschrickt.

Romantisierend auch erscheint der Eifer der Illustren, die sich irgendwann von den serbischen Wilden zum Tanz hinreißen lassen. Wirkliche Zuneigung ist das jedoch nicht. Die spätere Ablehnung der Flüchtlinge wird zeigen: eigentlich kommt den Sängern und Künstlern alle Ablenkung recht, denn, bei aller Hingabe an die große Edmea, die Seefahrt zieht sich. Oder, wie der Chronist Orlando (bravourös: Stephan Bissmeier) in einer anderen Szene kommentiert: „Das Eigenartige an Seereisen ist, dass man nach ein paar Tagen wer weiß wie lange unterwegs zu sein meint, und die Leute, die mit einem unterwegs sind, schon ewig zu kennen glaubt.“

Die Konfliktherde, die Johan Simons in seiner Version von E la nave va köcheln lässt, verdichten die längst bekannten politischen Oppositionen zur Zeit des Ersten Weltkriegs mit ganz aktuellen und akuten Katastrophen am Rande Europas: die Flüchtlingsbewegungen von Nordafrika Richtung Italien, Griechenland, Frankreich.

Reichlich explosiver Stoff also für den ohnehin klaustrophobischen Charakter einer Schiffsreise. Es verwundert insofern nicht, dass alle paar Minuten einer der Schauspieler auf der Bühne rumbrüllt, gekonnt fuchtelt oder schnaubt. Jedoch verpuffen all diese Gesten nicht in einem heillosen Wirrwarr. Johan Simons fasst all seine Figuren in der zweiten Hälfte zum musikalischen Großauftritt zusammen: elegisch singen gefühlte füfzig Leute auf der Bühne Verdis Requiem.
Wie beiläufig hingegen vollziehen die Illustren in einer der schönsten Szenerien des Sückes das Seebegräbnis der Edmea Tetua. Grell leuchtet die Bühne, mit dem Rücken zum Publikum stehen die Schauspieler, hastig wird die Asche verstreut.

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„Halt!“, ruft Orlando am Ende, als man gerade meinte, der Vorhang würde fallen: „Ihr wollt natürlich wissen was mit dem Affen passiert ist.“ Manche Minen im Publikum deuteten an, dass sie vielleicht lieber gewusst hätten, was mit Fellini passiert ist. Die Virtuosität seiner Filmsprache hat E la nave va in den Kammerspielen oft zitiert. Die Kuriosität seiner Bilder hingegen scheint im Auftakt im Scherenschnitt hängen geblieben zu sein. Und der Applaus? Der hat sich von der Lautstärke auf der Bühne kaum anstecken lassen.

Weitere Vorstellungen im Schauspielhaus der Kammerspiele:

Fr., 7.10., Sa., 8.10., So., 23.10., Sa., 29.10., Sa., 30.10.
jeweils um 19 Uhr

Fotos: Julian Räder

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