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Der Kampf um die Seele unserer Stadt I Urban Places – Public Spaces

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So oft sich Städte sonst voneinander abgrenzen wollen und ihre Einzigartigkeit betonen – an diesem Abend rücken die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund: „Wem gehört die Stadt?“ ist das Anliegen, das in den Metropolen immer mehr zum Besorgnis der Bürger wird. Wo sonst Hamlet und Faust auf der Bühne stehen, fragen Experten, Künstler und Aktivisten – live zugeschaltet aus Istanbul, São Paulo und München – nach der Zukunft der Stadt.

friedenengel

Das Istanbul der Megabauten

Den Anfang der Veranstaltungsreihe „Urban Places – Public Spaces“ macht Istanbul, wo Stadtbewohner zu Gunsten ausländischer Investoren aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Die Menschen, die sich durch diese Spekulationen am Immobilienmarkt verschulden, interessieren die Partei AKP nicht. Der wirtschaftliche Aufschwung, der die Megaprojekte verursacht, überstrahlt die Kehrseite der Entwicklungen: Immer mehr arme Menschen werden an den Rand der Stadt gerdrängt. Trotz dieser düsteren Aussichten lassen sich die beiden Gäste aus Istanbul nicht unterkriegen. Der Filmemacher Imre Azem zeigt sich optimistisch: Die sogenannten Nachbarschaftsbewegungen, die ihr Recht auf die Stadt und ihr zu Hause einfordern, führen auch einen Kampf für Demokratie, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Urban Places - Public Spaces - Erste Debatte

© Judith Buss   v.l.n.r Stefan Kaegi, Geraldine de Bastion, Alex Rühle

Der Kampf um einen Platz in der Stadt São Paulo

Besetzung ist eine Methode, die in vielen Städten zu funktionieren scheint, wenn es um die Rückeroberung des öffentlichen Raumes geht. Das zeigt auch der kurze Film zu São Paulo. Megaevents wie die Weltmeisterschaft im Jahr 2014, da ist sich die Stadtplanerin Raquel Rolnik aus Brasilien sicher, führen zwangsläufig dazu, dass die verwundbarsten Bewohner einer Stadt leiden müssen. Zurückzuführen sei diese Fehlentwicklung auf ein gemeinsames Merkmal, das auch in anderen Städten als eine Folge von Globalisierungsprozessen zu beobachten sei. Urbaner Raum verwandelt sich in eine Ware, die nur noch für diejenigen zugänglich ist, die das nötige Kleingeld mitbringen. Dabei beschränkt sich der Nutzen der Stadt lediglich darauf, dass Profit für einige wenige herausspringt.

Wem gehört München?

Die Wortmeldung geht nun nach München, in den Saal der Kammerspiele. Der Journalist Alex Rühle schlägt die Gentrifizierung mit ihren eigenen Waffen, um das absurde Vorgehen der Immobilienhaie aufzuzeigen. Mit seiner Initiative Goldgrund Immobilien war er auf diese Weise recht erfolgreich, wenn es um die Rückeroberung von zum Abriss erklärten Wohnräumen ging. Dabei sind er und Stefan Kaegi sich einig: Debatten und Prozesse rund um das Thema Stadtpolitik müssen im Zentrum der Stadt ausgetragen und transparent gestaltet werden, sodass jeder die Möglichkeit hat, sein Recht auf Mitbestimmung umzusetzen. Der Kampf für Wohnungen und gegen den Abriss sei Rühle zufolge vor allem eines: Ein Kampf gegen die Lethargie und die Überzeugung, dass wir als Stadtbewohner genauso wenig Einfluss auf die Entwicklungen der Gentrifizierung nehmen können, wie auf das Wetter.

Urban Places - Public Spaces_ Erste Debatte

© Judith Buss    v.l.n.r. Stefan Kaegi, Geraldine de Bastion, Alex Rühle

Und wem gehört denn nun eigentlich die Stadt?

Die Stadt – das sind nicht nur Gebäude und Straßen, sondern in erster Linie Menschen, die in Beziehungen und Netzwerken miteinander leben. Doch wenn es so weiter geht, würden unsere Städte und unser zu Hause über kurz oder lang ihre Seele verlieren. Auch München verliert seine Einzigartigkeit – das merke man am Besten, wenn man an Geschäften wie Zara, Benetton und Co. vorbeigeht und gar nicht merkt, in welcher Stadt man sich nun eigentlich befindet.

„Ein großer Teil von Widerstand ist Träumen“, erklärt Yasar. Wichtig sei, dass wir die Stadt und damit auch den Wert der Stadt hinterfragen, der abseits des ökonomischen Wertes zu suchen ist. Doch genau der werde ihnen von der neoliberalen Agenda mit ihrem Interesse an Wachstum aufgezwungen. Wie soll das konkret funktionieren, dieses „Reclaiming the City“? Auf jeden Fall solle man utopisch denken und auch handeln, sagt Raquel mit Bestimmtheit. „Schafft Kunst, seid kreativ und zwar in einer organisierten Art und Weise“, rät Imre und macht damit Mut, dass „unsere“ Stadt nicht doch vollends gefangen in den kapitalistischen Strukturen unserer Gesellschaft an jene verloren geht, die ihre gläsernen Bürobauten dahin stellen, wo einst Familien wohnten.

 

In den kommenden Wochen folgen noch zwei weitere globale Debatten zum Thema Stadt:

Wer macht die Stadt? 22.03.15

Was ist die gute Stadt? 26.04.15

 

Bild 1: CC digital cat

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