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Die Suche nach der Angst: ANGST_ESSEN im HochX

Caroline Giles

Ich habe Angst. Eigentlich ständig. Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren, Angst vor Hass, Angst vor Spinnen, Angst davor, nicht gut genug zu sein. Angst davor zu fallen. Und obwohl die Angst uns alle begleitet (und die Menschheit wohl schon immer begleitet hat und begleiten wird), fällt es so wahnsinnig schwer, die Angst selbst zu begreifen. Elisabeth Maschas und Gina Penzkofers Produktion der Studiobühne, ANGST_ESSEN, wagt das Experiment und versucht das Thema Angst in allen seinen Facetten in Wort und Bewegung zu erfassen.
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„Da ist Platz nach oben!“

Durch eine Mischung aus Worten und Bewegung wird das Phänomen der Angst systematisch und aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert. Die Gründe, die Ursachen für die Angst rücken dabei eher in den Hintergrund. Elisabeth und Gina geht es eher darum, das Gefühl selbst greifbar und spürbar darzustellen. Ich finde es sehr wichtig, kein “Zeigefinger-Theater” zu machen, zu sagen ‚das ist Angst, das sind die Gründe für Angst und so kannst Du sie überwinden‘. Wir wollen ja kein Ratgeber für Angstbewältigung sein!” erzählt mir Gina lächelnd, Elisabeth nickt zustimmend. Nach einem der letzten Probe-Durchläufe des Stücks haben die beiden jungen Regisseurinnen sich dazu bereit erklärt mir zu verraten, was sie dazu bewegt hat, eine Theaterproduktion über die Angst in Angriff zu nehmen.

Angst. Sie kann ganze Gesellschaften zur Hysterie bewegen, Individuen in die Knie zwingen. So nimmt das Stück Schritt für Schritt verschiedenste Formen dieses Ungetüms unter die Lupe: unsere kapitalistische Gesellschaft ist zum Scheitern verurteilt – zumindest wenn man den absoluten “worst case scenarios”, brought to you by the media, Glauben schenken mag. Und wer geht schon vom Guten aus, wenn man genau so gut Panik verbreiten kann? Vor dem vollkommenen Zusammenbruch des Kapitalismus geht der Kampf um die Karriere jedoch erst einmal in die nächste Runde, wiederum getrieben von Angst – der Angst davor abgehängt zu werden, ausgewechselt zu werden, nicht zu genügen. So verbringen wir unser Leben damit, an unserem Lebenslauf zu feilen um Fremde zu beeindrucken, während “da ist noch Platz nach oben” zur Parole einer ganzen Gesellschaft wird.

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“Ich habe Angst vor Deiner Angst”

Auch der menschliche Körper selbst bietet reichlich Futter für die Furcht. Sie sitzt wohl irgendwo in allen von uns: die Angst davor nicht perfekt genug zu sein und als “menschliche Mangelware” wahrgenommen zu werden. Elisabeth, die den kompletten Text des Stückes selbst verfasst hat, hat sich auch durch die aktuelle gesellschaftspolitische Situation zu ihrer Angstanalyse inspirieren lassen.“Die Angst als Thema an sich fand ich schon immer spannend, und aus tagespolitischen Gründen naheliegend. Teilweise sind Ängste zwar wahnsinnig irrational, aber dadurch dass sie da sind, man sie fühlt, sind sie trotzdem real.“, erklärt sie. So thematisiert ANGST_ESSEN auf intelligente Weise nicht nur die Angst vor dem Fremden an sich, sondern auch die resultierende Angst vor ebendieser Angst der Anderen. Vor Hass, Gewalt und Hetzte.

Wie kam es zur Produktion dieses originellen Stücks? “Wir beide haben uns vor Jahren bei einer anderen Produktion der Studiobühne kennengelernt.”, verrät Gina. “Eli hat mich dann gefragt, ob ich mit ihr zusammen [an ANGST_ESSEN] arbeiten würde. Ich fand das Thema einfach wahnsinnig interessant und aktuell – Angst ist ja ein Thema, dass wirklich niemanden nicht angehen kann! Dadurch, dass wir beide sehr Tanz- und Bewegungs-affin sind, fanden wir es besonders toll, dem Thema nicht nur mit Textflächen zu begegnen sondern das Ganze mit Bewegung und Musik zu verweben.”

Die drei Komponenten des Stücks – Wort, Bewegungen und (Live-)Musik – verschmelzen also perfekt miteinander und versuchen, das Unfassbare zu fassen. Der poetische (aber messer-scharfe!) Text wird eindrücklich von den performativen Bewegungen der Schauspieler, sowohl im Verhältnis zueinander als auch zum Bühnenraum, ergänzt und kommentiert. Die Frage nach etwaigen Hindernissen bei der Zusammenarbeit während des Stücks beantworten die beiden Regisseurinnen eindeutig: “Es ist schon fast beängstigend, wie gut die komplette Produktion bisher lief!” gesteht Elisabeth, lachend. Das läge auch am Ensemble der Schauspieler (Lisa-Christin Barner, Verena Gärtner, Susanne Glasl, Lisa Grinda, Carolina Heberling, Lisa Hörmann, Andrea Lerchl, Danijel Szeredy, Katharina Wizcek), das sich für die Prouktion zusammengefunden hat. “Wir konnten uns auf unser Team – von den Schauspielern, übers Marketing, Fotografie, Bühne, Technik, Kostüm und Musik – wirklich vollkommen verlassen”, fügt Gina hinzu.

Sinnlich, humorvoll, manchmal beunruhigend widmet sich ANGST_ESSEN diesem negativsten unserer Gefühle und verwandelt es in etwas Wunderbares. Am 10./11./12. Februar könnt ihr die Aufführungen im HochX besuchen. Tickets gibt’s hier.

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Beitragsbild/Fotos: Jean-Marc Turmes

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