Kultur, Warum tust du das?

downstairs. MMA takeover // essen und trinken mal anders

Vom 1. September bis zum 5. Oktober bespielt das junge Künstlerkollektiv der downstairs.Galerie temporär die Atelierräume des Mixed Munich Arts mit Kultur aller Art. Darunter auch drei Performances von Matthias Lamsfuss, Alexander Scharf und Eric Schönemeier. Take Over.Wein und Öl. Triumvirat aus Käse mit Nutellacreme und Kriegsbrot. Halb Huhn. Halb Schwein. Alles runter gespült mit einem großen Schluck Turbobier. So lädt downstairs. zur Völlerei. Übermaß, Maßlosigkeit, Dekadenz, fressen und kotzen. Es trifft sich.
Zu einer Zeit, wenn die Bussi-Bussi-Gesellschaft sich dem kollektiven Massenbesäufnis hingibt, als gäbe es jenseits des Bierzeltes kein menschliches Leben mehr. Und es bis zum weiß-blauen Himmel stinkt.

Im ehemaligen Heizkraftwerk in der Katharina-von-Bora-Straße ist es kalt. Ein Käfig, samt Plastiktonne und drei unschuldig weißen Schiesser-Feinripp-Unterhosen. Von innen aus dem Käfig sieht man nichts, Silhouetten im Scheinwerfer. Im Käfig selbst sieht man Ali, Eric und Matthias auf einem altbackenen Sofa.

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Bild: Leo Konopizky

Im Hintergrund Judith Rakers, im akkuraten Sakko. Aktuelle Weltgeschehnisse. Wirtschaftswachstum. Monsato. ISIS und Ebolafieber.

Im Gegenzug gibt es Marlboro, Deutschländer, Mc Chicken und echt bayrische Alpenmilch, frisch aus dem Großraum der Millionenmetropole München. Das große Fressen beginnt. Bis nichts mehr in die mit Mayonnaise geölten Bäuche passt und alles in einem rotgefärbten Kotzeschwall in der Tonne mündet.

Vom Wurstwasser zum Waterboarding. Eine Woche später ist es immer noch kalt. Und es regnet. Dieses Mal keine Schiesser. Casual-Shorts in torture-grey und zwei Tarnhosen mit Sturmmasken. Einen Kasten Bier.

Bild: Leo Konopizky

Bild: Leo Konopizky

Mit einem Tuch über Mund und Nase, das ständig mit Bier begossen wird, um so unmittelbares Ertrinken zu simulieren, liegen alle drei auf der Bahre. Nacheinander und immer wieder. Festgezurrt. Die Füße nach oben, den Kopf nach unten und immer schön atmen. Um den Kasten herum sammeln sich die Kronkorken.

Dann läuft es einfach. Das Bier fließt und fließt, sucht sich selbst einen Ausgang durch Mund und Nase. Oder fließt irgendwo hin. Immer wieder singen sie das Lied der Deutschen an. Einigkeit und Recht und Freiheit. Und rotes Konfetti. Der Vorhang geht auf, die Musik an und plötzlich scheint alles vergessen.

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Wie geht’s euch, so direkt nach eurer Performance?

Eric: Also mir geht’s gut. Körperlich alles in Ordnung, nach dem vierten Mal wurde alles aber ein bisschen intensiver. Beziehungsweise was heißt intensiver, ich wusste ja nicht wie es sein wird. Es hat dann mein Gemüt doch ein bisschen verfinstert. Und ich bin noch ziemlich am Nachdenken. Es war schon beeindruckend, diese Hilflosigkeit.

Die heutige Performance hat sich ja auch stark von der Völlerei unterschieden.

Eric: Letztes Mal haben wir alles noch im kleineren Rahmen gemacht, diese Kotzerei war auch ziemlich intim. Wir konnten uns so ein bisschen ausprobieren. Dieses Mal haben wir es mehr geöffnet und es waren mehr Leute da. Das war schon bewusst so.

Ein Paar dachten, glaube ich, dass wird hier so eine Superkomasaufparty?

Ali: Ja, es klingt schon ein bisschen so. Von wegen „wir gehen hier saufen“ und dann kommen sie hier her, komische Stimmung…

Aber ist es nicht paradox, dass das was ihr kritisiert, dann auch passiert? Als der Vorhang fiel, war hier ja auch Partystimmung.

Eric: Alles was hier passiert ist irgendwie paradox und ambivalent, weil das aus einem eigenen Lebensgefühl heraus geht. Man sitzt z. B. vor den Nachrichten oder liest mal was nebenbei, was weiß ich, wieder 40 Kinder im Irak von Autobombe getötet. Dann trifft man sich mit seinen Freunden, redet übers neue iPhone, geht in den Club, hört schöne Musik, macht mit irgendwelchen Weibern rum, pennt ein und hat alles vergessen. Und darum ging es heute genauso wie letzte Woche. Was damit passiert ist die andere Frage. Es ist noch nicht einmal so, dass wir uns da selber herausnehmen, sondern sind selbst ein Teil davon. Das hier ist das Ausdrücken eines Gefühls was man hat.

Ali: Wie Matze immer so schön sagt: den Spiegel vorhalten. Allen anderen. Es machen und hoffen, dass die Leute selber kapieren „okay, da ist jetzt so ein bisschen was von mir drin“ und dann denken sie vielleicht nach. Oder nicht.

Matthias: Mir wurde auch berichtet, dass die Musik anfing, die Leute in den Partymodus umgestiegen sind und angefangen haben zu tanzen. Und die Leute, die so was beobachten und diese Tatsache sehen, die denken viel mehr darüber nach. Die Tanzenden erreichen wir wahrscheinlich nicht mehr.

Eric: Es ist fast schon erschreckend, dass es so gut geklappt hat, was wir uns da auch gedacht haben.

Was soll im besten Falle in den Köpfen der Leute passieren?

Matthias: Das ist das Schöne: wir wissen nicht, was der beste Fall ist. Wir haben z. B. nie über das Ende der Völlerei nachgedacht und haben nur versucht, das Ganze so lange zu treiben bis das Ende automatisch irgendwie kommt. Wir wussten auch nicht wie die Leute darauf reagieren würden. Ich hab mir auf jeden Fall keine Gedanken gemacht, wie sehr ich mich in dem Moment entstellen werde.

Bei der Völlerei haben ja auch mehr die Leute alles beendet.

Eric: Bei dieser Performance heute war das nicht drauf angelegt, dass es so sein wird. Da war die Selbsterfahrung wohl mehr im Vordergrund. Dann kann man eben nicht sagen was passieren wird. Wir nehmen uns da auch nicht raus und glauben wir sind etwas Besseres. Das ist einfach eine Fragestellung und was damit bezweckt werden soll, ist erst mal zweitranging.

Wie ging es euch nach der Völlerei?

Matthias: Also ich hab es am allermeisten gemerkt. Ich war zwei, drei Tage danach im Arsch. Ich war superhappy, dass ich es gemacht hab, aber mir ging‘s halt körperlich nicht gut. Vor allem mussten wir gleich wieder das nächste Ding aufbauen. Aber gelohnt hat es sich allemal.

Ali: Es war aber auch das Widerlichste, was ich jemals gemacht habe. Wobei es auch leicht gefallen ist, als man in diesem Wahn war. Dieser Film, der läuft – du frierst zwar, aber dann kommt wieder Matze zu dir her und schreit dich an: „wir machen weiter!“.

Eric: Also das hat auch viel mit unserer Freundschaft zu tun. Wir waren zusammen in der Schule, haben Abi gemacht. Wir haben viel Zeit zu dritt verbracht. Und in dieser Dreierdynamik, die wir da haben, sind unglaubliche Dinge passiert. Das hat man im Käfig auch wieder gesehen. Wir waren total in unserer Welt, das ganze Publikum war ausgesperrt und wir konnten es selber nicht kontrollieren. Als ob wir unsere ganzen Gedanken zusammen stecken und dann da rausgehen und uns treiben lassen. Genau das hat stattgefunden und vielleicht war es deswegen auch so imposant fürs Publikum

Was glaubt ihr, passiert nach dem Projekt?

Ali: Ich glaube generell werden wir nach dem Projekt erst mal alles sammeln, alles verwerten…

Matthias: Ich weiß ganz genau, dass wir uns danach bestimmt mindestens einen Monat nur 4 x mal sehen…

Ali: Da ist quatsch.

Eric: Wir müssen uns sehen.

Matthias: Stimmt, wir müssen Steuer machen…

Bevor die Jungs ihre Steuer machen, machen sie noch das hier:
22.09. – 25.09. Ausstellung von Hannes P. Albert – Krisenfotografie
Donnerstag 25.09. M2/16 – eine Performance von Alexander Scharf, Eric Schönemeier & Matthias Lamsfuss
Freitag 26.09. Das Supra Natura Protokoll – Ausstellung von Team Hula (Alexander Scharf und Josua Rappl)
Donnerstag 02.10. Akere LIVE! – Anschliessend Jam Session
07.09. – 05.10.2014, kleine Halle @ MMA
Freitag 03.11.2014 – Closing Party

 

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