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Faust auf die Fresse: Ein feministisches Sportfest steigt in den Ring
Ring frei für den Feminismus: Beim viertägigen Münchner Festival „Faust auf die Fresse“ treffen am 1.-3. Oktober, Theater, Sport und gesellschaftliche Debatten aufeinander. Mit immersiven Performances, Cycling, Boxkampf und StadtfühLung werden patriarchale Strukturen hinterfragt und klassische Rollenbilder aufgebrochen. Im Interview erzählt Malin, warum Goethes Faust kurzerhand ausgeladen wurde, was Feminismus mit Leistungssport zu tun hat und wie sich München aus weiblicher Perspektive anfühlt
„Faust auf die Fresse“ ist ein ziemlich brachialer Titel für ein Sportfest. Wem wollt ihr eine verpassen?
Wir steigen in den Ring mit dem Patriarchat und mit dem klassischen Theatersystem, das immer wieder die gleichen, oft jahrhundertealten Stoffe, starke Männerrollen und Frauen als Opfer reproduziert. Klar gibt es mittlerweile auch feministische Interpretationen von Goethes Faust, aber am Ende ist doch immer wieder das Gretchen die Opferwurst. Wir drehen den Spieß und weil wir sanftmütig sind, bleibt der Titel eine wütende Metapher. Disclaimer: Während der Produktion ist niemand zu Schaden gekommen.
Was hat euch persönlich dazu gebracht, dieses Festival zu entwickeln? Gab es einen Schlüsselmoment?
Wir haben als langjährige Arbeiterinnen im Kulturbetrieb einen gewissen Frust entwickelt. Einen ganz konkreten Moment gab es deshalb nicht, eher das sich langsam aufschichtende Gefühl von Stillstand und den immer gleichen, bis in die Unkenntlichkeit interpretierten (Kanon-)Themen. Um den wohl am meisten dargestellten Problem-Charakter überhaupt, Goethes Faust, entwickelte sich dann die Idee eines ganzen Festivals, zu dem wir Faust selbst dann aber ausgeladen haben. Er hat ja schon genug gesagt.
Wenn wir schon von Sportfest reden: Wie steht ihr eigentlich zur Olympiabewerbung Münchens?
Wir sehen Münchens Olympia-Bewerbung grundsätzlich positiv, gerade weil vorhandene Infrastruktur genutzt werden soll. Wenn Umweltbelastungen minimiert und die Finanzierung verantwortungsvoll gesichert werden, dann kann Olympia eine große Chance für München sein. Und wenn es dazu kommt und dadurch sogar zusätzliche Förderungsmöglichkeiten eröffnet werden, würden wir sehr gerne dazu beitragen, dass Gleichstellung nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch im kulturellen Programm sichtbar wird.
Das IOC versteht die Olympischen Spiele ausdrücklich als Plattform für Geschlechtergerechtigkeit. In Paris gingen erstmals gleich viele Männer wie Frauen an den Start. Allerdings wird aktuell unter anderem erbittert gestritten, wie die Frauenkategorie im Sport definiert und geschützt werden soll. Wie bewertet ihr die feministische Gleichberechtigung bei Olympia?
Aus historischer Sicht hat sich bei Olympia natürlich viel für die Gleichstellung getan. Dieser historische Rückgriff bringt uns aber nur bedingt weiter, wenn wir über Hosen-Eklats sprechen oder Kamerapositionen. Wir glauben, dass die Olympischen Spiele noch viel mehr als Parität für ein Erreichen von Gleichstellung tun müssen. Es geht um Sichtbarkeit, Ressourcen, mediale Darstellung und Entscheidungspositionen.
Die Olympischen Spiele stehen wie kaum ein anderer Ort für die Logik „höher, schneller, weiter“ – für Wettbewerb, Leistung, Vergleich und permanente Optimierung, wie man es meist vor allem aus männlichen Erzählungen kennt. Diese Steigerungslogik, immer leistungsfähiger, effizienter und besser sein zu müssen, steht aus guten Gründen in der Kritik. Ihr setzt mit „Faust auf die Fresse“ ausgerechnet beim Sport an: Wie steht Feminismus zu der Frage, ob wir die Normen und Leistungslogiken des Sports selbst überwinden müssen?
Wir bespielen die Themen der Leistungslogik mit ganz zentralen Themen des Feminismus, darunter z. B. das Älterwerden oder Care-Arbeit von Frauen. Wir haben historisch überwiegend männlich dominierte Sportarten ausgewählt, um unsere Protagonistinnen in Kämpfe zu schicken, anhand derer das Publikum die Struktur dahinter verstehen kann, die wir heute Patriarchat nennen. Wir haben z. B. mit BlackBike München eine Female Lead Company, die ein ganz hervorragendes Beispiel dafür ist, wie Sport auch funktionieren kann. Sport und (körperliche) Leistung erbringen kann ja auch etwas sehr Positives sein, sowohl in der körperlichen Selbsterfahrung als auch im Zuschauen. Es besteht ein besonderes Gemeinschaftsgefühl zwischen Menschen, die über sich hinauswachsen, und solchen, die ihnen dabei zusehen, ihre Leistung bezeugen und würdigen.
Sprechen wir mal allgemeiner: Wo begegnet euch die Benachteiligung von Frauen heute am deutlichsten – Ihr nennt ausdrücklich soziale, körperliche und ökonomische Benachteiligungen. Welche davon wird eurer Meinung nach in der öffentlichen Debatte am meisten unterschätzt?
Es entspräche nicht dem Gedanken des Festivals, diese Parameter voneinander zu trennen. Manche korrelieren miteinander oder bedingen sich, wieder andere sind isoliert. Gerade das Zusammenspiel dieser Faktoren, aus denen Benachteiligung entsteht und dauerhaft reproduziert oder verstärkt wird, ist doch, wo wir ansetzen müssen und um Sichtbarkeit kämpfen.

Wie feministisch ist München? Wo erlebt ihr in der Stadt echte Gleichberechtigung – und wo stoßt ihr trotz zwei Bürgermeisterinnen noch immer auf patriarchale Strukturen?
Wir haben von der Stadt München die großartige Möglichkeit bekommen, dieses Festival durch Projektmittel der „Feministischen Förderung“ zu realisieren. Solche gezielt für Gleichberechtigung und Aufklärung eingesetzten Mittel ermöglichen echte Gleichberechtigung und den Erhalt von Kultur, die kritisch und auch manchmal provokant, aber vor allem bildungsorientiert und kulturstärkend agiert. Wie patriarchal sich das Leben in einer von Männern konzipierten und gebauten Stadt anfühlt, wie viele Emotionen eigentlich in unseren Straßen stecken, können unsere Gäste dann gern auf der StadtfühLung am 02.10. selbst erfühlen.
Kommen wir zu eurem Sportfest: Das Festival findet an sehr unterschiedlichen Orten statt – vom Pathos Theater über das BOXWERK bis zum blackBIKE und dem Bahnwärter Thiel. Was erzählt diese Route durch München über eure Idee?
Uns war es ein Anliegen, mit etablierten Institutionen in München im Kultur- und Sportbereich zusammenzuarbeiten. Wir wollten in unterschiedlichen Bezirken ein möglichst diverses Publikum erreichen, das gar nicht unbedingt so theateraffin sein muss. Unsere Veranstaltungen sind niedrigschwellig inszeniert, uns geht es darum, miteinander in den Austausch zu kommen und Theater dahin zu bringen, wo es ganz anders wirken kann als in der Stille auf plüschigen Sesseln.
Eröffnet wird das Festival mit einer immersiven Zeremonie. Wie muss man sich das als Zuschauerin vorstellen?
Immersiv heißt im Theater, dass nicht ganz klar wird, was echt ist, was gespielt und welche Rolle man als Zuschauerin selbst spielt. Wir kreieren gerne diese leichte Verwirrung, die zum Beispiel dazu geeignet ist, alte Denkmuster aufzurütteln. Wir sagen also vorab nur so viel: Es gibt einige Kameras, die auf den Ursprung des Lebens gerichtet sind. Lasst euch überraschen.
Danach folgt Cycling mit Charlotte Salomon. Was hat Charlotte Salomon auf einem Fahrrad zu suchen?
Charlotte Salomon war eine jüdische Künstlerin aus Berlin, die in einer großbürgerlichen Enge im Berlin der Zwischenkriegszeit aufgewachsen ist. Sowohl familiär als auch politisch bedingt hatte sie ein unglaublich anstrengendes kurzes Leben, das trotz viel Dunkelheit sehr bunt und voller Gefühl war. Sie war eine begabte Malerin, die viel Zeit auf der Flucht und in manischen Schaffensphasen verbracht hat. Wir erhoffen uns von diesem Experiment, Theater und Cycling zu verbinden, dass wir ihr Leben, die Anstrengung, die Flecken der Schönheit in ihrer Autobiographie ganz anders begrifflich machen können, wenn sich das Publikum auch anstrengen und eigene Gedanken zu ihr und zur aktuellen politischen Lage in unserem Land machen muss.
Auf dem Programm steht auch eine StadtfühLung durch Schwabing. Schönes Wort. Aber was hat das noch mit Sport zu tun?
Bei der StadtfühLung gehen wir gemeinsam durch Schwabing und fragen zwischen lauter von Männern gebauten Häusern, Autos und Straßen: Für wen und von wem wurde dieses Konstrukt Stadt eigentlich gebaut? Was fühlt man denn, wenn man einmal bewusst darauf achtet, wie grau die Straßen, wie ruppig der Verkehr oder wie prächtig die Alleen sind? Wie sicher fühlt man sich als Mann, als Frau, als Kind? Nach einer Fühlung, die körperlich und emotional ist, braucht man vermutlich erst mal eine lange Pause und legt die Beine hoch. So wie nach einem Marathon.
Ihr wollt das Publikum nicht nur zuschauen lassen, sondern teilweise selbst in die Auseinandersetzung bringen. Was sollen die Besucherinnen nach vier Tagen körperlich oder gedanklich mit nach Hause nehmen? Muskelkater oder kluge Gedanken?
Im besten Fall beides! Aber da es uns um das Erleben geht, forcieren wir keine „klugen“ Gedanken. Das Erlebnis entfaltet sich auch, aber nicht nur, durch die Fülle an Aktivitäten und Breite des Programms, wo sicherlich für jeden und jede etwas dabei ist. Wir stellen uns einen Muskelkater im Kopf vor, bei dem alle so viel Inspirierendes gesehen haben, dass sie unbedingt zur nächsten Veranstaltung wollen und dann bei der Closing Ceremony und Cool-down-Party im Bahnwärter Thiel bis in die frühen Morgenstunden alles ausschütteln.
In welchem Moment habt ihr bei der Vorbereitung des Festivals das Gefühl gehabt: Hier muss ich mich als Frau stärker behaupten, als ich eigentlich möchte?
Wir haben uns ein Team zusammengestellt, in dem wir wunderbar arbeiten konnten und sind deshalb bereits vielen hierarchischen oder strukturellen Herausforderungen aus dem Weg gegangen. Wir suchen immer Kollaboration, Zusammenarbeit und Gemeinschaft und bestärken die Menschen, die am Festival mitarbeiten, ihre eigenen Ideen und Gefühle einzubringen. Meist geht es nicht ums Behaupten, sondern ums Zuhören, um Großes zu erschaffen, egal ob Frau oder Mann.
Mehr Infos und Tickets auf der Website: faustaufdiefresse.de
Foto ganz oben: zweifrauentanzen (Jenny von Reiche und Malin Kraus) fotografiert von Mona Shatry
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