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Feminismus an Münchens Wänden: „Fotzen first!“

Degfotzerten

 

Plakate von Frauen mit Schlagstöcken in der Hand – Falschgeldregen im Kaufhaus – Wahlplakate der etwas anderen Art mit dem Titel „Fotzen first!“. Seit letztem Jahr August gibt es diese Aktionen in München. Doch was genau steckt eigentlich dahinter und vor allem wer?

Wir haben es für euch herausgefunden und haben mit der Aktivist*innen Gruppe Degfotzerten ein Interview geführt – natürlich anonym und online. Als feministische Street-Art Gruppe könnte man sie auch verstehen, doch was genau wollen sie mit ihren Aktionen erreichen? Hier findet ihr die Antworten.

Wer seid ihr? Und was macht ihr genau?

Wir sind eine Gruppe von Münchner Aktivistinnen, die in ihrer Stadt ein Zeichen setzen gegen sexualisierte Gewalt, Rassismus,  Homo- und Transphobie. Mit verschiedenen Aktionen skandalisieren wir Missstände und machen die Stadtgesellschaft darauf aufmerksam. In der Tradition anderer Streetart-Aktivist*innen (wie Banksy oder Barbara) und um den Fokus auf die Aktionen zu richten, bleiben wir als Personen ungenannt und anonym.

Wofür steht ihr? Und was sind eure Ziele?

Wir stehen für feministischen Widerstand. In den letzten Jahrzehnten hat die Frauen*bewegung unglaublich viel erreicht. So dürfen Frauen* heute z.B. wählen, berufstätig sein, ein Bankkonto haben, sie dürfen lieben, wen sie wollen, sich für oder gegen Kinder entscheiden, abtreiben, sich scheiden lassen, Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar und seit letztem Jahr gilt auch im Sexualstrafrecht endlich ‚Nein heißt Nein‘.

Und trotzdem können wir uns noch nicht auf dem Erreichten ausruhen, weil es zum einen immer noch Bereiche gibt, in denen noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter erreicht ist und weil zum anderen die Gleichberechtigung häufig zwar rechtlich festgeschrieben ist, in der Realität aber nicht umgesetzt ist.

Dazu zählt z.B. die Tatsache, dass Frauen* nach wie vor im Schnitt 21% weniger als Männer* verdienen, dass es überwiegend Frauen* sind, die von häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffen sind, dass Mädchen* von klein auf mit einem eindimensionalen Mädchen*- und Frauen*bild konfrontiert sind, das bei vielen zu Bodyshaming und Selbsthass führt.

Unser Ziel ist ein gutes Leben für alle! Für ein Leben, in dem jeder Mensch leben kann, wie er_sie möchte und in dem Vielfalt zelebriert wird!

Was hat es mit dem Namen „Degfotzerten“ auf sich?

„Fotze“ ist wohl so ziemlich das ekelhafteste Schimpfwort für eine Frau*, das die deutsche Sprache hergibt. Im Bayerischen meint das Wort jedoch etwas ganz anderes: eine Fotzn ist keine Hure und auch keine Vagina, sondern das Wort bedeutet Mund. Eine Gfotzerte ist daher eine Frau*, die auch mal ungemütliche Wahrheiten ausspricht und sich nicht den Mund verbieten lässt.

Seit wann gibt es euch und wie kam es zu eurer Gründung?

Wir haben uns Anfang 2016 gegründet. Mit der Idee haben wir schon länger gespielt, aber die widerliche Instrumentalisierung von Frauen*rechten nach den Vorfällen der Silvesternacht in Köln 2015/16 durch rechte Gruppierungen und Parteien, um rassistische Stimmung zu machen, hat dann letztendlich den Ausschlag gegeben, aktiv zu werden.

Es war Zeit für lauten, gfotzerten feministischen Protest! Der ist aktuell bitter nötig, wo neurechte, fundamentalistisch-christliche und konservative Strömungen wie die sog. „Demo für alle“, die erst neulich in München ihr Unwesen getrieben haben, versuchen, feministische Errungenschaften in Frage zu stellen und die Zeit zurückzudrehen.

Degfotzerten GeldscheineWas für Aktionen macht ihr? Und was wollt ihr mit diesen erreichen?

In der Vorweihnachtszeit 2016 ließen wir z.B. in einem großen Münchner Kaufhaus Fake-Geldscheine regnen, um auf die Lohnungleichheit zwischen Frauen* und Männern* aufmerksam zu machen.

Wir haben die Münchner Erklärung „Nicht in unserem Namen“ unterstützt und mitunterzeichnet, die deutlich macht, dass Gewalt gegen Mädchen* und Frauen* kein „Flüchtlingsproblem“, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Diesen Sommer haben wir uns mit einem offenen Brief an das Tollwood-Veranstaltungsteam gewandt, um auf das Missverhältnis bei der Auswahl der Musikacts aufmerksam zu machen. Hinzugefügt haben wir eine Liste mit Musikerinnen und die Aufforderung an das Festival, im nächsten Jahr mehr weibliche* Acts und Frauen*bands in ihr Programm zu nehmen.

Ein großes Medienecho kam dann auf unsere Girl Gangs, die wir in Unterführungen entlang der Isar plakatiert hatten. Da waren dann plötzlich lebensgroße Frauen* zu sehen, die mit Baseballschlägern etc. bewaffnet waren und damit ein anderes Bild von Frauen* zeigen als das, was öffentliche Darstellungen von Frauen* viel zu oft vermittelt. Auf Werbeplakaten und -postern werden Frauen* meist als schwach, süß und sexy dargestellt. Sie werden reduziert auf ihr Aussehen und ihren Körper. Die Aktion zeigt, dass Street-Art dazu beitragen kann, starke Frauen* sichtbar zu machen, die sich Männergewalt entgegenstellen, anstatt Frauen* als Objekte männlicher Lust zu inszenieren und so herabzuwürdigen.

Unsere Aktionen sind ein sichtbarer Ausdruck von Wut über nach wie vor bestehende Missstände. Uns geht es darum, Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken und Menschen zum Nachdenken anzuregen. Und natürlich sind sie eine Aufforderung an alle Frauen*, sich uns anzuschließen und eigene feministische Kollektive zu bilden! Bildet Banden!

Wer unterstützt euch?

Aktuell tragen wir die Kosten für unsere Aktionen selber, sind aber für Unterstützung offen 🙂

Was hat es mit den Wahlplakaten auf sich die momentan überall in München zu finden sind?

Momentan versprechen uns die Parteien auf ihren Wahlplakaten ja das Blaue vom Himmel. Das wollten wir zum einen nicht unkommentiert stehen lassen und zum anderen wollten wir die Chance ergreifen, Frauen* nochmal aufzufordern, zur Wahl zu gehen und ihr Wahlrecht auch zu gebrauchen – schließlich mussten sich das unsere Vorgängerinnen vor 99 Jahren hart erkämpfen!

Wir fordern mit unseren Plakaten alle Frauen* auf, die Parteiprogramme der Parteien genau zu durchforschen – nicht überall, wo Frauen*rechte drauf steht, sind auch tatsächliche Frauen*rechte drin! Und schon gar nicht bedeutet das dann, dass diese Parteien dann auch antirassistische Politik macht! Eine Bundeskanzlerin alleine macht noch keine feministische Agenda!

Degfotzerten WahlplakateKönnen wir demnächst auf mehr Aktionen hoffen?

Davon ist auszugehen :-). Wir sind jedenfalls schon wieder am Planen nächster Aktionen! Lasst euch überraschen!

 

* „Das Sternchen soll zum Einen darauf hinweisen, dass Kategorien wie Mann* und Frau* konstruiert und eben nicht ’natürlich‘ sind. Zum Anderen öffnen sie den Raum für alle, die sich diesen zuordnen wollen“ (Degfotzerten).

Für mehr Informationen und aktuelle Aktionen findet ihr Degfotzerten bei Facebook und Instagram.


Fotos: © Degfotzerten

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