Kultur, Nach(t)kritik

Forsche Musik, keine Show

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Am vergangenen Freitag beehrte uns die italienische Ska-Punk-Band Talco mit einem fast schon traditionellen Gastspiel zum Jahresanfang im Feierwerk. Im dritten Jahr in Folge füllten sie das Hansa 39 mit ihrem forsch nach vorne getragenem Sound.

Sagt jemand Ska-Punk, denkt man zuallererst an Ska-P. Nicht nur dass die Madrilenen die Musikrichtung praktisch im Namen tragen, sie waren und sind wohl die bekanntesten Repräsentanten des Genres. Dies liegt unter anderem auch an ihrer gewaltigen Bühnenshow, bei der sie mit Kostümen und Kulissen ihre Lieder interpretieren.

Nach der Auflösung von Ska-P 2005 ging die Suche nach einem würdigen Nachfolger in der Szene los. Zwar hat sich die aktuell neunköpfige Formation 2008 wieder zusammengefunden, aber andere Bands mit der Verbindung von Ska und Punk schafften den Aufstieg.

Talco ist eine davon. Mit ihrem linkspolitischen Anspruch in ihren Texten und ihrer unbedingt tanzbaren Musik stellen sie sich ganz in diese Tradition. Seit über zehn Jahren sind sie auf Bühnen in ganz Europa unterwegs, neben zahlreichen Festivals auch bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm oder am Millerntor auf St. Pauli, dem sie sogar ein Lied gewidmet haben.

Den Anfang am Freitag Abend machten fast pünktlich um 21 Uhr Roughneck Riot aus Warrington, England. Sie spielen eine Mischung aus Punkrock mit Folkelementen und benutzen für eine Punk-Band ungewöhnliche Instrumente wie Banjo, Mandoline und Akkordeon. Ihre Musik funktioniert und ist vor allem trinkbar, denn die bereits anwesenden Gäste warteten natürlich auf die Hauptband des Abends: Talco.

Die kamen dann auch nach einer kurzen Umbaupause und einem von Platte eingespieltem mystischem Intro auf die Bühne. Die Menge, die sich bis an die äußersten Ränder des Raumes drängte, tobte ab der ersten Minute. Und sie hörte auch bis zum Ende nicht auf. Wer die Lieder von Talco kennt, weiß, dass es keine Verschnaufpausen gibt. Kaum eine ruhige Stelle lädt zum Verweilen ein, Ska-Teile gehen direkt in Punkrock über und der Pogo ist vorprogrammiert.

Vorprogrammiert mutete auch das gesamte Konzert an: Der Auftritt erschien komplett geplant, durchinszeniert vom Anfang über die Zugabe bis zum letzten Akkord. Songs gingen einfach größtenteils ineinander über, Ansagen außer „Hey! Hey!“ fanden einfach nicht statt. Dies lag vielleicht auch an der scheinbar nur physischen Anwesenheit des Sängers, der teils den Eindruck erweckte, als sei er auf einem LSD-Trip hängengeblieben. Auch die schon traditionelle „Wall of death“ wirkte wie ein weiterer Akt des Theaterstücks ohne Handlung und Aussage.

Dem Publikum gefiel es allem Anschein nach dennoch. Und wer bis zum Schluss nur mit dem Kopf genickt hatte, tanzte und gröhlte doch spätestens bei dem vielleicht besten Cover von „Bella Ciao“. Auf volle Häuser können die Jungs von Talco also weiterhin bauen. In die Fußstapfen von Ska-P treten sie dennoch nicht. Dazu fehlt ihnen die Show.

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