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„Der hart erarbeitete Ruf als unbequemer Störenfried“.

Thomas Steierer

Sie sind äußerst bekannt: Seine Bühnenfiguren wie der Rentner Lothar Dombrowski mit dem schwarzen Handprothese-Handschuh oder Oberstleutnant Sanftleben. Georg Schramm, Jahrgang 1949, erhält den diesjährigen Bayerischen Kabarettpreis, Kategorie Ehrenpreis. 
Die Preisverleihung findet am 12.9. statt und wird ab 20:15 Uhr live im BR Fernsehen übertragen.

In der Jurybegründung heißt es: „Auch wenn er mittlerweile sein aktives Kabarett-Schaffen beendet hat: Noch immer treibt sein Zorn ihn an, scheut sein analytischer Scharfsinn keinen Tiefgang und erregt seine gewaltige Sprache – alles stellt Georg Schramm in den Dienst der Vernunft. Schicht für Schicht legte er das Wesen unserer ökonomisierten Gesellschaft frei: Habgier als Prinzip, Pflegenotstand, Zwei-Drittel-Gesellschaft, Entmenschlichung“.
Im Interview spricht der Diplompsychologe und ehemaliger Zeitsoldat aus Bad Homburg über Höhe-und Tiefpunkte seiner Karriere, politisches Engagement, den Abschied von der Bühne und seine Träume.

Was bedeutet Ihnen der Bayerischer Kabarettpreis, Kategorie Ehrenpreis?

Um einem solchen Preis gerecht zu werden, sollte man aufkeimender Lobpreisung und Ehrerbietung schon im Ansatz entgegentreten, um den hart erarbeiteten Ruf als unbequemer Störenfried nicht aufs Spiel zu setzten – oder schlimmer: als altersmilde in der der Erinnerungsvitrine zu landen.

Was verbindet Sie mit der hiesigen Kleinkunst-Szene, mit München und Bayern?

Die Münchner Kleinkunst-Szene hat eine in Deutschland einzigartige Vitalität; ihre Willkommenskultur setzt allerdings eine gewisse Trinkfestigkeit voraus, was mir sehr entgegen kommt. Dabei labe ich mich nachwievor an der sinnlichen und vokalen Ausdruckskraft der bayrischen Sprache und kann mich in ihrer zärtlichen Verdorbenheit suhlen. Für meine Bühnenfiguren unerreichbar!

Sie sind bereits vielfach preisgekrönt: Vor dem Ehrenpreis erhielten Sie unter anderem auch den Bayerischen Kabarettpreis in der Hauptpreiskategorie, den Salzburger Stier, Deutschen Kleinkunstpreis und Deutschen Kabarettpreis. Aller Anfang ist schwer: 1988 versuchten Sie sich zunächst ohne größeren Erfolg als Solo-Kabarettist bevor ein TV-Auftritt Kabarett den Durchbruch brachte. Hatten Sie Zweifel am eingeschlagenen Weg, was hat sie fast 30 Jahre durchhalten lassen? Was war Ihre Motivation fürs Kabarett? Hat sich der Einsatz gelohnt?

Meine Zweifel sind erst mit dem 3. Soloprogramm „Schlachtenbummler“ in den Hintergrund getreten und haben sich von dort vor jedem neuen Programm wieder gemeldet. Am Ende waren sie Teil meiner Entscheidung aufzuhören.

Meine Motivation wurzelt in meiner Herkunft, meinem Wunsch, gegen erlebte Ungerechtigkeit lautstark dagegen zu protestieren und polemisieren. Dazu kam meine Neigung, mich über alles und jeden lustig zu machen und als Spaßmacher soziale Anerkennung zu finden. Dass daraus viel später mit fast 40 Jahren mein Beruf wurde, ist rückblickend eine gute Entscheidung gewesen. Damals war es der Mut der Verzweiflung, der mich dazu getrieben hat.

Welche Höhe-und Tiefpunkte Ihrer Karriere lassen sich in Kürze nennen?

Wenn man von den vielen Tiefpunkten der ersten zwei Jahre absieht, erinnere ich nur einen kurzen Tiefschlag bei einem schweren Texthänger beim „Schiebenwischer“.

Ein echter Höhepunkt war die Durchsetzung und der Erfolg des Konzeptes von „Neues aus der Anstalt“ gegen hinhaltenden Widerstand aus der Redaktion. Es gibt einige Duos und Trios aus meinen dreieinhalb Jahren „Anstalt“, über die ich mich heute noch freue. Höhepunkt meiner Solokarriere waren Performance „Alpha-Omega“ und anschließende Publikumsdiskussion im allerersten Programm und vielleicht der 2.Teil von „Mephistos Faust“.

Eine Frage zu Ihren drei Haupt-Bühnenfiguren, Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben und dem Sozialdemokraten August. Wie viel Georg Schramm steckt in diesen Kunstfiguren, wo liegen die größten Unterschiede zwischen diesen und Ihnen als Schöpfer?

Diese Figur steht mir emotional am nächsten, sie hat als Vorbild meinen Vater. Im Laufe seiner Bühnenexistenz wurde aus August ein Stellvertreter für eine Generation von kleinen Leuten der Nachkriegszeit, er steht exemplarisch für Aufstieg, Erfolg und Niedergang der Sozialdemokratie.
Im Offizier Sanftleben steckt mein Interesse für Kriegsgeschichte, Militär und Waffen, eingepackt in drei Jahre Bundeswehrerfahrung und meine Lust an Parodie militärischer Sprache.

Lothar Dombrowski verkörpert den Oberlehrer in mir, der mit erhobenem Zeigefinger jedes Gespräch zur historischen oder politischen Belehrung seiner Zuhörer degradiert. Ein Zuschauer hat mir eine Definition von Satire geschickt, die der Figur Dombrowski ziemlich nahe kommt. Sie stammt von Jean Paul: “Der Satiriker ist ein gescheiterter Moralist. Und wenn er regelmäßig scheitert, sollte er wenigstens seine Zuhörer anständig beschimpfen.“

Nach Ihren vielbeachteten Engagements in den Satireformaten Scheibenwischer und Neues aus der Anstalt in ARD und ZDF:  Welche Bedeutung hat TV-Präsenz für Sie im Kabarett?  

Zum einen waren Fernsehauftritte eine wichtige Werbung für meine Bühnenprogramme, zum anderen habe ich damit viele Fernsehzuschauer erreicht, die regelmäßig politisches Kabarett im Fernsehen verfolgen, aber nie den Weg zu einer Kleinkunstbühne finden. Dazu gehörten z.B. meine Eltern, die durch gemeinsame TV-Kabarettabende zuhause mein Interesse für Kabarett geweckt haben, aber nie ein Kabarett auf der Bühne gesehen haben.

Abschied vom Kabarett: 2014 haben Sie nach rund 30 Bühnen-Jahren sich vom regelmäßigen Auftreten verabschiedet. In Kürze: Was waren die Gründe, haben Sie die Entscheidung seitdem bereut?

Ich habe die Entscheidung bis heute nicht bereut. Gründe dafür gab es mehrere, einer davon war das Gefühl, dass ich sowohl in der TV-Sendung „Anstalt“ als auch bei meinen Soloprogrammen an einem Punkt war, an dem es nicht weiterging.

Als ehemaliger Zeitsoldat und Psychologe haben Sie den Vergleich: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich zwischen Psychologie, Bundewehr und Kabarett nennen?

Keine.

Sie waren 2012 als Kandidat für das Bundespräsidentenamt im Gespräch, setzten sich gegen Stuttgart 21 und Bankenallmacht sowie für Genossenschaftsbanken ein. Politisches Engagement versus Bühne: Was kann Kabarett erreichen?

Was ich mit meiner Art von politischem Kabarett erreichen wollte und konnte, bewegt sich zwischen zwei Polen, die vielleicht am besten mit zwei Zitaten deutlich werden: In einer Zeitungsrezension stand: “Er gibt dem Kabarett zurück, was die Comedy ihm genommen hat: brennende Relevanz.“

Und der Kabarettist Mathias Beltz antwortete auf die Frage, was er bewirken wolle:“ Ich möchte die Menschen auf ihrem Weg von der Aussichtslosigkeit über die Trostlosigkeit zur Hoffnungslosigkeit begleiten.“

Angesichts der Diskussion zuletzt um Charlie Hebdo und Jan Böhmermann. Gibt es für Sie Grenzen der Satire, wie ist Ihre Position in dieser Frage?

Der Mord an den Leuten von Charlie Hebdo hat die Kraft und die Ohnmacht der Satire auf grausame Art deutlich gemacht. Dagegen ist die Böhmermanndiskussion hierzulande nur Geplänkel im Medienzirkus; in der Türkei dagegen ist Vergleichbares sofort existenz- und lebensbedrohend.

Ausblick: Gibt es Ihrerseits nennenswerte Ziele und Träume?

Der legendäre Großinvestor Warren Buffet hat auf die Frage nach dem zentralen Konflikt unserer Zeit geantwortet: “Der zentrale Konflikt ist der Krieg Reich gegen Arm. Meine Klasse, die Klasse der Reichen, hat ihn begonnen und wird ihn gewinnen.“ – Ich würde gerne noch erleben, dass die Reichen diesen Krieg verlieren.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

Das Beitragsbild stammt von Achim Käflein.

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