Kultur, Nach(t)kritik

Goethe! auf der Leinwand

Natalya Nepomnyashcha
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„Was ich weiß, kann jeder wissen. Mein Herz hab‘ ich allein.“ [Werther, Am 30. Julius 1771]

Der wohl größte deutsche Dichter aller Zeiten, Johann Wolfgang von Goethe, legte diese Worte seinem  Alter Ego in den Mund, dem Rechtspraktikanten Werther, der sich anno 1771 unsterblich verliebt. In Lotte, die allerdings mit Werthers Vorgesetztem Albert verlobt ist.

Bis hierhin stimmt die Geschichte des jungen Werther mit der des jungen Goethe überein (der damals noch nicht “von” war). Diese erzählt auch der Regisseur Philipp Stölzl (“Nordwand”) in seinem neuen Film, der den Dichterfürsten als ungestümen Jüngling zeigt, der sich eher für Frauen und Alkohol als für sein Jura-Praktikum interessiert.

Alexander Fehling, Absolvent der Ernst-Busch-Schauspielschule (und Lebensgefährte von Nora Tschirner), verkörpert einen wenig erfahrenen, frechen Johann Goethe, der sich bedingungslos einer unmöglichen Liebe hingibt, der feige genug ist, seine Gedichte vor den Augen der Welt zu verbergen und gleichzeitig mutig genug, sie der Einzigen vorzutragen, vor der es zählt, Charlotte Buff (Miriam Stein). Seine Stimme und seine Blicke schaffen es, den Zuschauer schlucken zu lassen bei einem Satz, den selbst Rosamunde Pilcher nicht hätte kitschiger formulieren können: “Ohne dich kann ich nicht leben.”

Es mag sein, dass der Alltag der Menschen im 18. Jahrhundert sich nicht der Heiterkeit erfreute, die dieser Streifen ausstrahlt. Gewiss hat man sich damals anders ausgedrückt, als es Moritz Bleibtreu als Lottes Verlobter oder Henry Hübchen als Goethes Herr Vater in diesem Film tun. Und höchstwahrscheinlich hat sich Charlotte Buff dem Liebesverkehr mit ihrem Goethe nicht hingegeben. Was soll’s?

Der Romantik und Frische der filmischen Biographie tut dies keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: „Goethe!“ sprudelt nur so vor Esprit und Geistesreichtum. Noch nie hatte diese Persönlichkeit, die die meisten Deutschen mit Ehrfurcht und Schwerfälligkeit verbinden, so viel Leichtigkeit und Wonne ausgestrahlt. Nach der Vorstellung wünscht man sich diesen naiven Goethe vor sich, ja fast schon diese Zeit zurück, in der so viel Romantik und Leidenschaft unter für die heutige Zeit fast schon langweiligen Bedingungen möglich war. Nicht ganz unschuld daran ist der Soundtrack des Films, der die prächtigen Bilder mit passenden Tönen schmückt.

“Daß ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu sterben! Lotte, für dich mich hinzugeben! Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wiederschaffen könnte. ” [Werther, Alpin]

Der Werther der Dichtung zerbricht an seinen Gefühlen. Sein Freitod wird zum romantischsten literarischen Erfolg seiner Zeit und macht seinen Schöpfer zum Dichterstar, gar zu einem zeitlosen Phänomen, das dieser schwungvolle Film gebührend feiert.

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