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Home Stories aus München: Welcome to Jackson’s house!

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

Auf dem Weg zu Jackson Lynch, den ich für die zweite Home Stories-Folge besuchen darf, komme ich an den unzähligen Bars und Cafés der Maxvorstadt vorbei. Auf dem Gehsteig davor rauchen nervöse Erstis, die sich von ihren Erlebnissen zwischen Abitur und Immatrikulation erzählen: soziale Arbeit mit Kindern in Afrika, Backpacken in Südostasien, Work and Travel in Australien. Alles nichts Besonderes mehr.

Wie wohnt ein Reisender?

Auch Jackson, der die monatlichen MUNICH SESSIONS ins Leben gerufen hat, ist ein erfahrener Traveller  – viel mehr weiß ich allerdings noch nicht über ihn. Umso gespannter bin ich, wie seine Wohnung in der Schellingstraße wohl aussieht, wo er nun doch schon seit sieben Jahren lebt: Ist sie völlig leer, weil er sich dort sowieso fast nie aufhält? Oder voll mit bunten Tüchern und silbernen Krügen, weil er einen Orient-Spleen hat? Oder ist sie – aus Nostalgie zu seiner Heimat – im „Australian country style“ eingerichtet?

Gemütlich und persönlich

Als Jackson mir die Tür aufmacht und eine zierliche Katze um meine Beine streicht, stelle ich jedoch beim ersten Blick fest, dass nichts davon der Fall ist:

Die Wohnung ist gemütlich, sehr individuell eingerichtet und vor allem – ordentlich.

Während ich neugierig die vielen Fotos an den Wänden betrachte, erzählt mir Jackson, dass alles in seiner Wohnung verknüpft ist mit Erinnerungen – an Menschen, Orte und Momente, die ihn geprägt haben:

Alles hat eine Geschichte

„Auf meinen Reisen habe ich viel fotografiert, vor allem die Leute, die ich getroffen habe, Kinder aus Kambodscha oder Afrika. Von dort sind auch die Masken, die ich beim Fußball World Cup in Südafrika gekauft habe. Die alten Pfannen stammen aus Bosnien, die Ukulele aus Vietnam. Vor allem aber liebe ich meine antike Bar – die schönen Whiskey-Karaffen habe ich von einem New Yorker Flohmarkt.“

Sogar die Katze „Jagoda“ ist ein Mitbringsel, aus Kroatien. Ihr Name bedeutet „Erdbeere“, wie Jackson mir erklärt. Er sei schon in über 20 Ländern auf allen Kontinenten gewesen – außer in der Antarktis. Da müsse er aber auch noch hin, meint er lachend. Doch wie kommt es, dass Jackson jetzt in der Maxvorstadt wohnt? Und:

Was war davor?

Aufgewachsen ist Jackson im australischen Bundesstaat New South Wales – auf einer Baumwollfarm, meilenweit entfernt von der nächst größeren Stadt Moree (mit 8000 Einwohnern). Schon mit acht hatte er mit dem Golfspielen begonnen, wurde richtig professionell, doch nach neun Jahren gab er die Golfer-Karriere auf – und machte es umgekehrt wie all die europäischen Rucksackreisenden: „I left Australia when I was 18 and went backpacking in Europe“, erzählt Jackson. Erst lebte und jobbte er in Großbritannien, bis er 2003 zum Oktoberfest nach München kam – und blieb.

13 Jahre München, 7 Wohnungen

Doch auch für Australier ist es schwierig, in München eine Wohnung zu finden: Anfangs wohnte er etwas außerhalb bei den Eltern einer Freundin, dann eine zeitlang auf einer Matratze bei einem irischen Freund. Es folgten Stationen in der Poccistraße, in Laim, Milbertshofen und am Englischen Garten – die Möbel waren von den Mitbewohnern oder „picked up from the streets“. Erst seine jetzige Wohnung ist ganz nach seinem Geschmack eingerichtet, meint Jackson. Er habe keinerlei Interesse an Designern, sondern am persönlichen Wert seiner Erinnerungen. Sein Lieblingsstück: Die Tagesdecke im „country style“, die seine Mutter selbst gemacht hat.

„I never played music before.“

Die ersten sechs Jahre in München arbeitete er als DJ und Barkeeper in Irish Pubs und Karaoke-Bars. Und wie das so ist in der Gastronomie: „You get more tips when you sing or play an instrument“, erklärt er lachend. Also begann er mit dem Musikmachen – mit Gitarre, Banjo, Percussion und Gesang.

Just for fun

Nach seinen Jobs in den Bars gab Jackson Englischkurse im Wall Street Institute und arbeitete im Marketing für eine IT-Firma, für die er auch heute noch als Freelancer tätig ist. Gleichzeitig wurde das Musizieren ein immer wichtigerer Bestandteil seines Lebens: Er spielt in mehreren Bands, wie zum Beispiel The Prowlers, mit denen er oft in Irish Pubs auftritt – allerdings nur als Hobby, nicht für seinen Lebensunterhalt.

Von Bob Dylan über die Fleet Foxes bis Neil Young: Jackson hat vier Regale voller Schallplatten.

Die Geburt der Munich Sessions…

Vor etwa anderthalb Jahren fragte ihn eine Freundin, ob er für ein Charity-Konzert ein paar Bands zusammentrommeln könnte – er kenne doch viele Musiker. Jackson sagte sofort zu und es wurde ein tolles Event. „Darum beschlossen wir, regelmäßig solche Sessions zu veranstalten und ins Musikbusiness einzusteigen“, sagt Jackson. Sie organisierten Konzerte an verschiedenen Orten, zum Beispiel in der Glockenbachwerkstatt. Doch als sich eine größere australische Band ankündigte, brauchte er eine größere Location und er kam auf das Lost Weekend, wo dann einmal monatlich die Munich Sessions stattfanden – bis sie wegen Lärmbeschwerden ins AWI verlagert werden mussten.

… und ihre Zukunft

Für 2017 plant Jackson ein paar „unplugged shows“ und eventuell ab März drei Konzerte pro Monat. Außerdem sollen die Sessions größer werden und auch in anderen Städten veranstaltet werden, etwa in Stuttgart oder Bamberg. Jackson hofft auch, dass neben den vielen Singer/Songwritern wieder mehr Bands auftreten, damit ein großes, buntes Konzertangebot aus allen Genres und Ländern entsteht. Übrigens: Die nächste Session ist am 11. November!

„The physical act of listening“

Natürlich hat auch Jackson viele CDs, einen großen Fernseher und eine Xbox. Doch wie seine Schallplattensammlung zeigt, ist er auch großer Fan von Analogem: Der „physische Akt“, eine Platte aufzulegen, sich hinzusetzen und bewusst der Musik zuzuhören seit ein ganz anderes Erlebnis als nebenbei eine Spotify-Playlist laufen zu lassen. Gleiches gilt für Tapes – er nimmt jeden Künstler von den Munich Sessions auch auf Band auf.

Australische Gastfreundschaft

Wie viele weitgereiste Menschen ist auch Jackson ein herzlicher Gastgeber: Wenn Bands für die Munich Sessions von sehr weit weg anreisen, lässt er sie in seinem Schlafzimmer übernachten und schläft selbst auf der Couch. Wichtig ist für ihn als Australier natürlich der Grill auf dem Balkon – wo man im Sommer den ganzen Tag über Sonne hat. So macht selbst das Arbeiten im lichtdurchfluteten Wohnzimmer richtig Spaß, meint Jackson, der in der Schellingstraße auch sein „Home Office“ hat.

 Nur eines würde er sich wünschen, für seine nächste Wohnung: „Einen Raum nur für die Musik!“

Angesichts der Fotos, die an die vielen Reisen in ferne Länder erinnern, liegt mir schon von Anfang an eine Frage auf der Zunge:

Warum München?

Das sei ganz einfach, antwortet Jackson lachend:
Er liebt die Natur und hatte auch eine tolle Kindheit auf der Farm – aber hier ist einfach mehr los, „more culture“. Außerdem liegt München total „in the middle“, in wenigen Stunden ist man in Italien oder Kroatien. Er fügt hinzu, dass er besonders die Umgebung seiner Wohnung mag – all die Bars, Shops und Cafés in der Schellingstraße, und vor allem: die Plattenläden in der Nähe.

„Home is, where your heart is.“

Dieser Spruch klingt furchtbar kitschig, aber bei Jackson trifft er definitiv zu: Sein Herz hängt an seiner Familie, am Reisen und der Musik. An all den Erinnerungen, die er in seiner Wohnung wie Schätze bewahrt. Doch gleichzeitig hängt er an München – und fühlt sich deshalb hier zuhause.

So I want to thank Jackson for showing me his home – it was a pleasure to meet him and listen to all his stories.



Fotocredits: © Sebastian Gabriel

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