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Hörgang Textpassagen: Literarisches Schlachten

Veronika Draexler

Medien/Kunst, Herausgeberin Selbstdarstellungssucht.de

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Hörgang_Schlachthofviertel_fürMucbook

Vroni und Natalie haben für mucbook den Hörgang verfolgt. Hier ist der Nachbericht über Münchens ungewöhnlichstes Literaturfestival.

Wie es sein muss unter Würsten zu lesen und Geschichten zu lauschen habe ich leider nur auf den zahlreichen Foto-Uploads auf Facebook zu der Holleschek & Schlick Veranstaltung „Hörgang: Textpassagen“ am Samstag, den 20. April 2013 nachverfolgt.

Mein Hörgang durch das Münchner Schlachthofviertel hat mich nicht durch die Fleischereien und Wurstläden geführt. Natalie und ich starten in der Moschee Darul Quran. Vor der Moschee stehen gut 20 aufgeregte Menschen, die sich alle darum sorgen noch Karten für die Veranstaltung zu bekommen. Fast alle Hörgänge, für die online eine Reservierung getätigt werden musste, sind ausverkauft. Aber auch wir sind ein wenig nervös, weil wir uns verlaufen haben und eigentlich bei der Orgelbalustrade St. Korbinian anfangen sollten. Zum Glück stehen wir beide aber auch bei der Moschee mit auf der Namensliste.

Drinnen stapeln sich vor dem Gebetsteppich viele Schuhe. Ich ziehe die Schuhe aus und hoffe sie später auch wieder zu finden. Die Lesung von Bernhard Setzwein, der schon so einige Literaturpreise mitunter dem Bayerischen Staatsförderpreis gewonnen hat, bekomme ich nur peripher mit. Leider kann ich mich nicht auf seine Stimme konzentrieren. Das Szenario in der Moschee ist spannender, in den Regalen an einer weißen Wand warten Hunderte von Kartons mit der Aufschrift: Geschenk von Darum Quran. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, was da auf uns wartet? Nach gefühlten zwei Minuten hat Setzwein fertig gelesen, um was ging es noch Mal in der Geschichte? Ich hätte zehn Minuten früher da sein sollen, zur Einstimmung und um wirklich aufnahmebereit zu sein. Wir werden vom Gastgeber zum Verbleiben eingeladen, zum Auspacken unserer Geschenke und zu der einmaligen Gelegenheit den Gläubigen hier beim Beten zuschauen zu dürfen. Der Vorbeter klärt uns auf: „Die Frauen beten hinter den Männern. Nicht weil sie weniger wert sind, sondern weil sie so hübsch sind und damit die Konzentration rauben.“ Daraufhin beginnt das Rezitieren – was sie singen ist mir leider nicht verständlich, aber schon bei Reisen nach Istanbul und Kairo hat mich dieser meditative Sprechgesang melancholisch gestimmt, auch jetzt könnte ich stundenlang zuhören. Währenddessen öffne ich aber noch ein Päckchen, darin Bücher. Natalie blättert in einem Quran und ich in einem Werk über das Leben des Propheten Mohammed. Dann ist es auch schon wieder Zeit weiterzuziehen: zum Brückenlager Kamel.

Wir folgen den bunten Luftballons wie zu einem Kindergeburtstag. Leichter Nieselregen nervt. An der Ecke Ruppertstraße Tumblingerstraße ist es nachts nicht so gut beleuchtet. Das Tor zum Brückenlager ist schmiedeisern, viele Pfützen säumen den Weg. Ein langer von Bauscheinwerfern beleuchteter, überdachter Gang fährt in einen höhlenartigen Raum. Ein Gabelstapler steht in dramatischem Licht, feuchte Kartons sind an der linken Seite gehortet – es ist eine düstere Kellerstimmung, schon auch gruselig. Am Ende des Gangs biegen wir um die Ecke in ein kleines Kabuff. Gut zwanzig Menschen sitzen dicht gedrängt auf Bierbänken. Fabian Bross und Markus Michalek, die Herausgeber des Literaturmagazins Parsimonie stehen in einer Ecke hinter einem hohen Berg von flach gestampften Kartons. Sie stellen sich vor, Fabian Bross liest von einer Geschichte über Hund und Aggression, Markus Michalek vom Fahrkartenfälschen und Beziehungsleben eines untypischen Pärchens. Meine Sommerschuhe sind eindeutig zu kühl für diese Location, aber der enge Raum ist perfekt für diese Lesung. Die Konzentration ist da, die beiden Lesen gut, dem Publikum gefällt es. Zusammen mit den Autoren laufen wir die Tumblingerstraße hoch und trennen uns am Schlachthof. Sie gehen nach rechts, wir nach links zum Laden Tragbar.

Dieser Laden erscheint von außen ein wenig unauffällig, die paar Schmuckstücke im Aushang lassen vermuten, dass hier vielleicht ein Erbe der Räumlichkeiten sein kostspieliges Hobby auslebt? Vorurteil! Das Innenleben des Ladens zeigt eine liebevoll eingerichtete Goldschmied-Werkstatt. Hier steckt mehr hinter der Vitrine als vermutet – ein kreatives Gemeinschafts-Schmuckatelier. Es gibt Getränke und Schnittlauch-Butterbrote für einen Euro. Genau das Richtige für ausgehungerte Lesungswanderer. Die Brote schmecken vorzüglich, liegen aber plätzlich etwas mulmig im Magen, als Jovana Reisinger einen schwer verdaubaren Auszug aus ihrem Roman „Außer Rufweite“ liest: Über eine Mutter, die Spülmittel trinkt, um sich selbst umzubringen. Während sie liest, sitze ich auf einem bequemen Lederschemel, mein Blick bewundert die pastellgelben Fließen an der Wand, über meinem Kopf baumelt sanft ein Steak aus Wolle. Aufgewärmt und mit Kalorien versorgt brechen wir zusammen mit der Autorin zu unserem letzten Leseort auf: das Umwerk.

Fast laufen wir an dem kleinen, süßen Laden vorbei – der für Kommunikationsdesigner und andere Gestaltungsästheten doch eine kleine Fundgrube ist. Das Slanted, kleine hübsche Notizheftchen, aus alten Postern recycelte Briefumschläge und kleine Schmusetierchen sind hier zu finden und über den Umwerk-Online-Shop rund um die Uhr kaufbar. Marco Eisenack, Gründer und Herausgeber von Mucbook, liest Beiträge von der Seite „Der Klima Lügendetektor“ und am Ende noch einen Text über Urzeitorgien mit Tintenfischen von Jörg Koopmann der für den Fengelschen Bildatlas für den Villa Stuck Blog entstand. Angeregt von der letzten Geschichte geht es nun zum Meet&Greet und Ausklingen lassen dieser schönen literarischen Entdeckungsreise in die Markthallen, zu einem Glas Weißwein.

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Website der Veranstaltung Hörgang: Textpassagen

Webseite des Veranstalters

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Fotos: Titelbild h+s, Alle anderen Bilder Natalie Mayroth

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