Kultur, Live

In Drew Sarich We Trust

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Selbst eingefleischte Atheisten sollte diese Inszenierung dem Glauben ein wenig näher bringen — Jesus Christ Superstar, Webbers unsterbliches Rockmusical, feierte am Dienstag Premiere. Eine nicht ganz objektive Review.

© Christian Zach

© Christian Zach

Ich könnte nun versuchen, eine journalistische Distanz zu diesem Stück zu bewahren und trocken das Bühnengeschehen interpretieren. Aber das fällt mir bei diesem Meisterwerk eher schwer. Also Feuer frei für ungefiltertes Excitement!

Man weiß gar nicht, wo man seine Augen lassen soll, so viele Leute tummeln sich in der Manege des Circus Krone, wo das Gärtnerplatztheater aufgrund seines Umbaus zu Gast ist. Die Bühne lässt auch nicht wirklich Spielraum für visuelle Ausschweifungen, es sind eigentlich nur zwei Mini-Podeste, aufeinandergestapelt in der Mitte des Rondells. Der Manegenrand lädt die, geben wir es zu, doch etwas zu üppig besetzten Ensemblemitglieder zum Rasten ein. Denn wenn sie nicht gerade die Händler im Tempel mimen oder als das Volk mit dem gefolterten Jesus Selfies schießen, haben sie nicht wirklich viel zu tun.

Den Judas spielt kein geringerer als Alex Melcher, den Musicalaffine als Galileo in We Will Rock You wiedererkennen könnten. Er sieht aus wie ein abgerissener Rockstar, der schon bessere Tage gesehen hat, und klingt schwer nach Brian Johnson von AC/DC. Ein Traum in Röhrenjeans und Kajalstift. Maria Magdalena, dargestellt von Peti van der Velde, flötet Everything’s Alright souverän, die Bösewichte trumpfen mit langen Ledermänteln und Basstönen auf und die drei Soulgirls unterstützen Judas bei Superstar so unterhaltsam wie qualitativ.

© Christian Zach

© Christian Zach

Und dann ist da noch Drew Sarich, eigentlich im Hamburg bei Rocky (ebenfalls schwer zu empfehlen) eingespannt, und schafft es irgendwie noch, die Hauptrolle zu übernehmen. In weißem Muskelshirt, Jeans, weißen Doc Martens und einer Stimme, die die Zuschauer noch während seines Solos von den Sitzen aufspringen lässt, fabriziert er mit seiner Interpretation von Gethsemane mal eben den epischsten Musicalmoment seit Jahren (übrigens auch kurz im Trailer unten zu sehen). Verzweifelt, leidenschaftlich und, ganz untypisch, wütend ist sein Jesus. I have to know my Lord! schreit Sarich und reißt sich seine graue Mütze vom blanken Schädel, brüllt, trampelt, fällt auf die Knie. Das sind, ohne Zweifel, die mitreißendsten vier Minuten, die ich jemals auf einer Bühne erleben durfte.

© Christian Zach

© Christian Zach

Dennoch ist der Circus Krone nicht für ein Orchester gebaut worden und die Akustik ist meistens mau bis gruselig. Und naja, es ist ein Rockmusical, da könnte man auch mehr als eine traurige E-Gitarre einsetzen. Und die Drums etwas runterdrehen. Aber all dies verschwimmt angesichts dieser unglaublichen Stimmen und ja, dem Hauptdarsteller. Tut euch selbst einen Gefallen und holt euch für Freitag oder Montag noch eine Restkarte. Es lohnt so sehr!

Weitere Vorstellungen am 25.07. und 28.07., jeweils 19.30
Karten ab 8 Euro

Informationen unter www.gaertnerplatztheater.de

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