Kultur, Live

Interpretation, intravenös

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Bereits mit This Is The Land feuerte der israelische Regisseur Eyal Weiser im Rahmen von Radikal Jung 2014 ein wildes Gemisch aus Video, Theater und Performance ab – das neueste Bühnenwerk Nystagmus ist nun im Volkstheater zu sehen.

Max Wagner. Foto: Arno Declair

Max Wagner. Foto: Arno Declair

Eins vorweg: Wenn man öfter mal ins Volkstheater geht und das Ensemble kennt, ist das Ganze nur halb so spannend. Denn dann weiß man sofort, dass dieses Projekt nur fingiert ist. Andererseits müsste diese „Kunstausstellung“ ziemlich durchgeknallt auf Zuschauer wirken, die ihren Fuß zum ersten Mal in dieses großartige Haus setzen.

Der Kurator Anton Ehrlich – es ist Oliver Möller mit Bart – hat insgesamt neun Künstler eingeladen, die ihrerseits eigene Performances und Werke darbieten werden. Wirkliche, echte, existierende Kunstschaffende sind davon nur wenige, zu ihnen gehört aber unter anderem Rami Maymon, der das Titelbild zur Austellung gestaltet hat.

Nystagmus – das ist ein Krankheitsbild, bei dem die Augen unkontrolliert zu zittern beginnen. Adolf Hitler „diagnostizierte“ es bei modernen Künstlern, da deren Ansichten nicht mit seiner Weltanschauung übereinstimmten. Der Untertitel Eine große deutsche Kunstausstellung existiert ebenfalls als Anspielung auf die hitler’sche Titelgebung der beiden Exhibitionen Entartete Kunst und Große deutsche Kunstausstellung, wie sie 1937 in München veranstaltet wurden.

Man fürchtet eine weitere, fingerhebende Konfrontation mit der deutschen Vergangenheit. Doch schon beim Einlass zeigt sich, dass dieser Abend anders werden wird. Man kommt von hinten auf die Bühne, wo eine vielleicht fünf mal fünf Meter große Installation aus Holzbalken aufgebaut wurde, innerhalb der einige Objekte dargeboten werden: Zwei Goldbarren, ein in Dauerschleife laufendes Video von zwei tanzenden Menschen, sowie ein auf dem Boden sitzender Mensch in einem sehr seltsamen Kostüm, der die Vorbeiziehenden unter seiner riesigen, aus Stroh und Papyrus gebauten Kopfbedeckung beobachtet. Anschließend, eingeschüchtert in der ungewohnten Situation, sich auf einer Bühne zu befinden, lässt man sich erleichtert auf die Plätze fallen.

Oliver Möller. Foto: Arno Declair

Oliver Möller. Foto: Arno Declair

Nach einer kurzen Einführung durch Anton Ehrlich, beginnt Nystagmus mit dem Deutsch-Israeli Uriah Rein-Merchav. Und auch wenn er androgyn kostümiert ist, erkennt man Volkstheater-Schönling Max Wagner sofort. Sein Werk, als connecting dots bezeichnet, zeigt das Portrait einer Frau, das er nicht mit Farbe, sondern mit einer Schnur zeichnet, indem er sie mit an der Wand montierten Punkten verbindet. Im Hintergrund wird die Lebensgeschichte der Dargestellten, Emma, skizzenhaft erläutert. An Schizophrenie erkrankt, wird sie 1944 von den Nazis hingerichtet. Schnitt. Rein-Merchavs Großvater Georg Rein hilft bis 1945 den Nazis beim jüdischen Massenmord und wird danach Richter in der DDR. Die totale Verdrängung gelingt, am Ende erlöst ihn Alzheimer von etwaigen Rückständen im Gedächtnis. Schnitt. Reins Tochter Helene will die Schuld ihres Vaters kompensieren und entflieht der BRD in ein israelisches Kibbuz, wo sie einen Mann mit dem Nachnamen Merchav heiratet, der zu Uriahs Vater werden soll. Er stirbt vor der Geburt seines Sohnes im Libanonkrieg. Uriah stellt sich nun dem Dämon, der seine Familienbiographie heimsucht und verbindet Ahnenforschung und Vergangenheitsbewältigung. Eine bewegende, romantische, traurige Performance.

Man könnte fast beleidigt sein, sobald man erkennt, dass sie nur erfunden ist.
Max Wagner, den man bisher nur als zwar ästhetisch hochwertigen, aber dramaturgisch eher unspektakulären Schauspieler zu sehen bekam, verblüfft durch eine atemberaubende Perfomance (echte Tränen!) und szenische Präsenz, die Geschlechtergrenzen sprengt. Chapeau, der Junge kann was!

Danach: Eine Seance, dargeboten vom Medium Sybille Lang (Ursula Maria Burkhart) und ihrer Tochter Felicitas (Lenja Schultze), ufert aus, als die „zufällig aus dem Publikum gerufene“ Kunstsammlerin Frau Fitschen (Mara Widmann) durch den Geist eines Verstorbenen den Standort des Kruzifixs von Ludwig Gies finden will. Letzteres war ebenfalls Bestandteil der Ausstellungen Hitlers und würde nun ein Vermögen wert sein. Doch anstatt von Ludwig Gies channelt Sybille Lang einen gewissen Alois, der sich als von Adolf beklatschter Jesus-Darsteller der Oberammergauer Passionsspiele herausstellt. Eine gelungene Spitze auf die Habgier, die auf dem Kunstmarkt herrscht. Und ein paar esoterisch angehauchte Zuschauer betrachteten das Geschehen auf der Bühne mit so heiligem Ernst, dass man das fast auch schon als Performance ansehen konnte. Lustig, aber zu lang.

Mara Widmann, Ursula Maria Burkhart, Lenja Schultze. Foto: Arno Declair

Mara Widmann, Ursula Maria Burkhart, Lenja Schultze. Foto: Arno Declair

Die Gebrüder Sturm (Leon Pfannenmüller und Johannes Meier) nehmen die Irrungen und Wirrungen der Werbung aufs Korn. Mit der Performance „Werbeunterbrechung“ wird nur durch den Ausspruch einiger Slogans ein Geschlechtsakt simuliert, während im Hintergrund ein Zusammenschnitt aus Werbeclips, Pornoszenen und nebulösen Psychodelika-Videos läuft. Es ist wahnsinnig witzig und gleichzeitig erschreckend, weil man zu jedem Slogan sofort den Hersteller im Kopf hat. „Für das Beste im Mann“ war da noch das einfachste, aber ohne Probleme ordnet das liebe Hirn jeden noch so dummen Spruch dem passenden Werbenden zu. Da hinterfragt man dann schon seinen Medienkonsum. Immerhin kam keine Seitenbacher-Werbung.

Jean-Luc Bubert. Foto: Arno Declair

Jean-Luc Bubert. Foto: Arno Declair

Zum Schluss schießt Bruno Spatz (Jean-Luc Bubert) den Vogel ab. Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Magdalena Wiedenhofer, diese adrett im schlumpfblauen Einteiler, begleiten wir ihn in seiner Performance „Mein MutterMund“, beobachten ihn und versuchen, einen interpretatorischen Ansatz zu finden. Und werden herrlichst verarscht, als die beiden uns mit Hitler-Manier „Wollt ihr die TOTALE INTERPRETATION?“ entgegenschreien und klar wird, dass diese Sequenz rein darauf abzielte, uns in unseren Bemühungen zu vergackeiern. Spatz ist der Künstler, den wir in Berliner Galerieräumen antreffen, umgeben von in der Interpretation seiner Werke zu Höchstleistungen auflaufenden Kunstkritikern, er präsentiert Scheiße als Gold und ist damit erfolgreich. Er ist der Kunstschaffende der Gegenwart, eine dieser Personen, denen man „Ist das Kunst oder kann das weg?!“ auf den Körper tätowieren möchte. Es ist die durchgeknallteste, aber auch die kreativste Darbietung, und auch hier geht es um Auseinandersetzung. Mit dem eigenen Ego, mit dem Kunstmarkt, mit Kritikern. Es ist eine Bullshitparty, die erst im Nachhinein richtig wirkt.

Eyal Weiser hat zwar für einige klassische WhatTheFuck-Momente gesorgt, aber der Zauber von Nystagmus liegt wirklich in seiner Nachwirkung. Mehr Raum für Diskussion gab es bei einer Inszenierung selten. Wenn auch das Konzept teils etwas zu chaotisch war, so ist die Idee der Fiktion, die uns als Wahrheit verkauft wird, ein starker und nachdenklich stimmender Ansatz. Wieder einmal muss man dem Volkstheater und seinem Adoptivvater Christian Stückl applaudieren. Danke, dass es in Schickeria-München einen Platz für Kreatives gibt.

Weitere Vorstellungen am 21. Mai, 5. und 19. Juni sowie 4. Juli, Karten ab 6,50€

Regie Eyal Weiser
Fotographie und Konzept Rami Maymon
Kostümbild Muslin Brothers
Informationen und Spielplan www.muenchner-volkstheater.de

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