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„Jeder hat das Zeug zum Jesus“ – Dreiviertelblut im Interview

Dreiviertelblut erobern mit ihrem zweiten Album „Finsterlieder“ das zurück, was unserer Gesellschaft verloren gegangen ist, nämlich der Mut, den Tod anzunehmen, ihn willkommen zu heißen. Wir von MUCBOOK haben Sebastian Horn, den Sänger der Band, zu dem neuen Album, den Umgang mit dem Tod und ihrer politischen Aktivität befragt.

Ihr bringt jetzt euer neues Album „Finsterlieder“ raus: Wie lange hat es gedauert vom ersten Lied zum Album?

Nachdem unser letztes Album fertig geworden ist, ging es gleich weiter. Es steht eine dreijährige Liedschaffungsphase zwischen den beiden Alben. Im Studio waren wir dann vier Monate. Das Studio kann man sich wie ein Wohnzimmer vorstellen, wir haben auf der Couch sitzend aufgenommen.

Dein Kollege Gerd Baumann sagte einmal: „Es geht um Dinge, die uns beschäftigen. Und Dancing Queen ist es nicht.“ Wie kamt ihr darauf, euch mit dem Thema Tod zu beschäftigen?

Das ist eine Auseinandersetzung, die eigentlich schon sehr lange bei mir stattfindet – etwa seitdem ich 13 Jahre alt bin. Anfangs dachte ich schon, ich bin unnormal. Dann hatte ich aber einen Deutschlehrer, der uns Stücke zu lesen gegeben hat, in denen es um ähnliche Themen ging. Damals dachte ich: „Wow, die schreiben genau das, was ich empfinde“.

Ich hatte schon länger Gedichte über den Tod geschrieben und das hat mich dann motiviert weiterzumachen.

Gab es ein ausschlaggebendes Erlebnis, weshalb dich das Thema Tod so früh beschäftigt hat?

Natürlich sind auch bei mir schon sehr wichtige Menschen gestorben. Wenn so etwas passiert, merkt man, wofür eine Beerdigung da ist: nur für die Überlebenden. Um sich die Endlichkeit vor Augen zu halten und zu erkennen, dass man jeden Tag genießen muss, als wäre er der letzte.

Welchen Hörer wollt ihr mit so einem schwierigen Thema ansprechen?

Es ist ja nicht jedermanns Sache, so viel steht schon einmal fest. Eine Schnittmenge sind auf jeden Fall die Menschen, die auf die Filme von Markus Rosenmüller stehen. Oder die The Cure und Nick Cave mögen.

Wollt ihr mit dem Album die Wahrnehmung auf den Tod verändern?

Nein, von meiner Perspektive aus gesehen ist es nicht das Ziel. Aber es ist schön, wenn ich bei jemanden etwas verändern kann. Wenn es zum Beispiel um das Lied „Das Paradies“ geht: Eine Professorin der Palliativmedizin erzählte mir, dass ihre Patienten, nachdem sie ihnen das Lied vorgespielt hat, glücklicher sterben. Das ist schon eindrucksvoll.

Ein anderes Beispiel: Vor acht Wochen ist eine Frau nach einem Konzert zu mir gekommen, bei deren Mann das Lied auf der Beerdigung gespielt wurde. Als sie es auf unserem Konzert wieder gehört hatte, ist sie zusammengebrochen, hat gleichzeitig aber auch Trost in unserem Song gefunden, indem sie sich in diesem Schmerz verstanden gefühlt hat.

In „Ned nur Mia“ geht es um die bayrische Abschiebepolitik- wie politisch seid ihr als Band?

Wir machen schon seit vier Jahren die Musik zum Nockherberg Singspiel, deshalb sind wir sehr nah am aktuellen, politischen Geschehen. Als politisch in dem Sinn würden wir uns allerdings nicht bezeichnen. Eher als nächstenliebende Menschenfreunde – und auf diese Weise sind wir politisch. Wir benutzen Musik nicht, um uns mit Zeigefinger hinzustellen und zu sagen, was richtig und was falsch ist. Unser politischer Aktivismus findet durch Bilder des Herzens statt. Das klingt kitschig, aber so könnte man es ausdrücken.

„Es rengt und es wird kalt, i spür wie die Welt auseinander fällt!“

Warum sind die Songs auf Bayrisch?

Der Startschuss von Dreiviertelblut war eigentlich der Niederbayernkrimi „Sau Nummer vier“. Der Regisseur wollte für eine Beerdigung ein neues bayrisches Lied. Weil für Gerd bayrisch texten gar nicht geht, fragte er mich, ob ich Ideen hätte. Ich bin sowohl hochdeutsch als auch bayrisch aufgewachsen, mir hat es Spaß gemacht meine bayrische Schublade aufzumachen. So sind dann die ersten Stücke als Auftragsarbeit entstanden.

Es dreht sich ja viel um Heimat und ihr singt eben auf Bayrisch, setzt euch aber gleichzeitig für Weltoffenheit ein – grenzt ihr nicht durch die Sprache zum Beispiel Menschen von eurer Musik aus, die nicht aus Bayern kommen?

Mir ist das gar nicht so bewusst. Zu mir kam neulich ein Musiker und hat gefragt, was denn jetzt ein „bleame“ ist- das ist der bayrische Ausdruck für eine Blume. Ich merke das selbst gar nicht mehr so, ich rede wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wem es gefällt, der muss sich eben ein bisschen reinlesen. Es gibt auch ein Textbuch, da kann man dann auch reinlesen.

Ihr geht jetzt zusammen auf Tour. Was könnte euch als Band auseinanderbringen?

Im Moment nichts. Überhaupt nichts.

Was hört ihr privat so?

Für mich gesprochen – und das empfehle ich jedem, der richtig gute Popmusik mag: Andy Schauf, „The Party“. Das ist ein Konzeptalbum über eine Party aus verschiedenen Gesichtspunkten. The Dø mit Shake Shook Shaken ist unglaublich. Da singt eine Frau so toll und auch so eigenartig. Sie singt, als würde es um ihr Leben gehen. Das ist richtig geile Popmusik. Ich mag aber auch viel harte Musik, Death Metal, Black Metal. Auch ein bisschen Country, Johnny Cash. The Cure natürlich, das ist eine der wichtigsten Bands in meinem Leben. Da gehe ich auch auf das Konzert, da freue ich mich schon.

Wie willst du auf keinen Fall wahrgenommen werden?

Als bayrischer Patriot.

Wenn ihr Superkräfte hättet, welche sind das?

Mein Traum ist es, dass ich jede Sprache verstehen und fließend sprechen kann.

Deine Message für den Leser?

Jeder hat das Zeug zum Jesus. Das sollte man sich bewusst machen. Jeder trägt Liebe und Güte in sich, man braucht sie nur anzapfen. Viele Menschen checken das aber nicht. Dafür spielen wir auch.


In aller Kürze:

Was? Dreiviertelblut – Finsterlieder (VÖ 7.10.)

Wann/Wo? Live am 6.11. und 21.11. im Lustspielhaus München


Beitragsbild: zvg Dreiviertelblut

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