Kultur, Kunst

LUX-Filmpreis 2015 – Filme für Europa

Anahit Chachatryan

Europäisches Parlament, Informationsbüro in München // Fotografin und Wörterklaus: www.anahitchachatryan.wordpress.com // Blog www.freesights.wordpress.com für mainz.free und münchen.free // Freie Journalistin für ww.campusleben.de
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Drei Filme, ein Abend und jede Menge spannende Diskussionen gab es beim Kinoabend zum LUX-Filmpreis 2015 in München. Der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz betont: „Das sind drei sehr unterschiedliche Filme, die uns vor fundamentale Fragen stellen, die wir aber in unserem Alltag hier diskutieren: Wie kommen wir mit der Einwanderung nach Europa klar, welchen Platz haben die Frauen in unserer Gesellschaft und wie bedroht ein hemmungsloser Krisenmechanismus in der Wirtschaft die Zusammengehörigkeit in unserer Gesellschaft? Ich bin sehr froh, dass wir in diesem Jahr wieder, wie in den vergangenen Jahren, zu einer sehr großen Verbreitung dieser Filme beitragen können.“

Am 20. November 2015 präsentierte das Informationsbüro des Europäischen Parlaments im Münchner Monopol-Kino die drei Finalisten des Wettbewerbs um den LUX-Filmpreis 2015. Peter Paul Huth, LUX-Filmpreis-Jurymitglied und Filmkritiker bei ZDF/3sat, führte durch den Abend. Über 300 Besucher*innen folgten gespannt dem späteren Gewinner „Mustang“, sowie den beiden internationalen Produktionen „Mediterranea“ und „Urok“, die alle im Original mit deutschen Untertiteln gezeigt wurden. Tobias Winkler, geschäftsführender Leiter des Informationsbüros des Europäischen Parlaments in München, freute sich über den regen Zuspruch und begrüßte unter den zahlreichen Gästen auch den Generalkonsul der Türkischen Republik Mesut KOÇ. Dessen Besuch wurde angesichts der kritischen Auseinandersetzung von „Mustang“ mit dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne in der türkischen Gesellschaft viel beachtet. Der Film der jungen türkischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven wurde am 24. November von den Abgeordneten des Europäischen Parlaments zum Gewinner des LUX-Filmpreises 2015 gekürt.

Filme für die europäische Debatte

Der LUX-Filmpreis ist eine Auszeichnung des Europäischen Parlaments, mit der seit 2007 jedes Jahr eine europäische Kinoproduktion gewürdigt wird. „So entsteht Kunst, die die komplexe Welt, in der wir leben, interpretiert, was uns dabei hilft, uns gegenseitig besser zu verstehen. Nicht nur in Europa, sondern weltweit“. erklärt Silvia Costa, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung. Die meisten europäischen Gemeinschaftsproduktionen werden nur in ihrem Ursprungsland gezeigt und selten im Ausland vertrieben; selbst innerhalb der EU nicht. Die drei Finalisten des LUX-Filmpreises werden in allen 24 Amtssprachen der EU untertitelt. Sprachliche und kulturelle Vielfalt stehen dabei im Vordergrund. Dadurch wird ein einzigartiges und grenzüberschreitendes Erlebnis in ganz Europa ermöglicht.

Die Filme werden in allen 28 EU-Mitgliedstaaten in insgesamt 40 europäischen Städten gezeigt – in Deutschland in München, Berlin und Essen. Die Luxfilmtage treiben die Debatte zum europäischen Film an und fördern die Diskussion zu wichtigen, sozialen Fragen wie Einwanderung, Integration, Armut, Meinungsfreiheit, Bildung und Frauenrechte. Zusätzlich zum Preis, der durch die Abgeordneten bestimmt wird, gibt es einen Publikumspreis. Bis zum 31.01.2016 haben alle Zuschauer die Möglichkeit, ihren Favoriten zu wählen. Wer abstimmt, nimmt an einer Verlosung teil. Mit etwas Glück kann man zum Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary 2016 eingeladen werden und dort die Auszeichnung überreichen. Zahlreiche weitere Filmfestivals sind Partner von LUX, u.a. die Berlinale, Directors‘ Fortnight (Cannes), Venice Days, Viennale und Tallinn Black Nights.

In dem Film „Mustang“ von Deniz Gamze Ergüven (Koproduktion von Frankreich, Deutschland, Türkei, Katar) geht es um Lale und ihre vier Schwestern. Sie sind heranwachsende Waisenkinder, die bei ihrer Oma in einem abgelegenen, türkischen Dorf leben. Am letzten Schultag vor den Sommerferien gehen die Schwestern in Begleitung einiger Klassenkameraden ans Meer. Die unschuldigen Spiele am Strand lösen einen Skandal im Dorf aus. Über Klatsch und Tratsch erfährt auch ihr Onkel Erol davon und wirft der Großmutter eine falsche Erziehung vor. Daraufhin verwandelt sich das Zuhause nach und nach in ein Gefängnis: Gitter am Fenster, verriegelte Türen, Schulunterricht zu Hause, Ehen werden arrangiert. Erol lebt unter dem Deckmantel von Tradition, Moral und Religion jedoch lediglich sein Patriarchat aus. Die fünf Schwestern sind in ihrer Leidenschaft für Freiheit miteinander verbunden. Gelingt es ihnen, den Zwängen zu entkommen?

Keineswegs soll die Geschichte als Abbild der alltäglichen Realität verstanden werden. Die Türkei ist ein Land voller Kontraste. Frauen dürfen dort z.B. seit 1934 – lange vor vielen europäischen Staaten – bei nationalen Wahlen abstimmen. In der Politik sind sie aber nach wie vor eine kleine Minderheit. Emanzipatorische Werte des laizistischen Staates stehen hier den patriarchalischen Traditionen gegenüber, die tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Dieser Zweispalt besteht zwischen Stadt und Land, Metropole und Provinz; aber auch zwischen dem öffentlichen Raum, der sich der Moderne verpflichtet und dem privaten Raum, der unter dem Einfluss der traditionellen Werte steht. Deniz Gamze Ergüven gelingt es, diese spannungsgeladene Koexistenz zweier Welten eindrucksvoll zu inszenieren.

„Mediterranea“ von Jonas Carpignano (Koproduktion von Frankreich, Deutschland, Italien, USA, Katar) erzählt die Geschichte von Ayiva und Abas, die ihre Heimat Burkina Faso in der Hoffnung auf ein besseres Leben zurücklassen. Der Film beginnt mit ihrer Ankunft in Algerien. Ayiva nutzt seine Kontakte zu einem Schmugglerring, um gemeinsam mit seinem besten Freund Abas nach Europa zu fliehen. Dafür müssen sie zu Fuß durch die Wüste marschieren, wo sie auf Plünderer stoßen und ihr ganzes Hab und Gut verlieren. In Tripolis angekommen, stellen sie sich in einem kleinen Fischerboot dem rauen Meer. Das Flüchtlingsboot kentert und nur mit viel Glück schaffen es die beiden zu überleben. Ayiva und Abas kommen im italienischen Rosarno unter und beginnen sich dort einzuleben. Doch schnell merken sie, dass sie nicht willkommen sind. Als es zu fremdenfeindlichen Unruhen kommt, wird die Situation immer gefährlicher. Schaffen es die beiden Freunde ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen?

Die Tragödie der illegalen Einwanderung im Mittelmeerraum ist schon seit Jahren ein hoch aktuelles Thema. Gerade in den Ankunftsregionen steigt die Fremdenfeindlichkeit. Selten bekommt man einen so intensiven Einblick aus der Perspektive eines Geflüchteten. Es sind Aufnahmen, die dem Zuschauer ein Leben am Rande der Gesellschaft zugänglich machen. Hilft der Film Empathie für Flüchtlinge zu entwickeln?

Unter der Regie von Kristina Grozeva und Petar Valchanov (Koproduktion von Bulgarien und Griechenland) wurde der Film „Urok“, zu Deutsch „Die Lektion“, gedreht. Nadezhda ist Englischlehrerin und lebt mit ihrem arbeitslosen Mann und ihrer 4-jährigen Tochter in einer bulgarischen Provinzstadt. Sie ist aufrichtig und hat hohe Ansprüche an sich und ihre Schüler. Als eines Tages eine Schülerin bestohlen wird, beschließt sie, ihrer Klasse eine Lektion über Gut und Böse zu erteilen. Zuhause empfängt sie der Gerichtsvollzieher. Das Haus soll gepfändet werden. Ihr Mann hat einen Kredit nicht bedient. Nur wenige Tage bleiben, um zu zahlen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Als sie Schulden bei einem Kredithai macht, beginnt ihr Kampf zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen und ihren eigenen Vorstellungen von Würde und Moral. Findet sie den richtigen Ausweg? Die Hauptfigur Nadezhda ist bewusst als humorlose, pedantische Frau mit einem sehr hohen ethischen Bewusstsein dargestellt. Sie soll polarisieren. Sie möchte ihrer Klasse eine Lektion erteilen, bis ihr das Leben selbst eine Lektion erteilt. Das Thema Schulden wird in vielerlei Hinsicht aufgegriffen. Nadezhda hat Schulden bei der Bank und später beim Pfandleiher. Ihr Vater schuldet seiner verstorbenen Frau einen Grabstein. Die Schuldzinsen sind nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch oft moralischer und ethischer Natur. Symbolisch möchten die Regisseure auf die staatlichen Schuldenfragen aufmerksam machen.

Anahit ist Bloggerin und berichtet derzeit im Auftrag des Europäischen Parlaments.

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