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Meine Halte – Folge 14: Tegernseer Landstraße

Marie Höcker

München trifft Italien. Heimat trifft Sehnsucht. Liebe trifft Leben. Sonne trifft Herz. - Schreibelust und Fingerfarben. Das bin ich.
Marie Höcker

Wer tut es nicht gern: Tramfahren in München. Nicht nur, weil das hier weitverbreitete, jedoch im Allerwelts- bzw. „Restvondeutschland“- Jargon weniger frequente Wort Tram so wunderschön heimelig und münchnerisch klingt, sondern auch weil es überiridisch und in gemächlich tuckerndem Tempo auch allerhand Schönes und Stimmungsvolles zu sehen gibt in München. Die meinige Tramlinie 15/25 zieht sich so vom Max-Weber-Platz quietschend und kurvig durch Haidhausen über den Rosenheimer Platz bis nach Giesing und noch weiter hinaus durch Harlaching, teilweise sogar bis ins vorstädtische Grünwald.

Je nach Gesinnung

Hat man also die Reise angetreten, sich (am besten ganz hinten zwecks guter Aussicht) einen Platz in einer Tram ebendieser Linie gesichert, und befindet sich je nach Gesinnung entweder auf dem Weg zum Fußball (Achtung: sowohl 1860 als auch FC Bayern liegen auf dem Weg!) oder ins wohlbetuchtere vorstädtische München oder – ganz Landkind – am Wochenende auf dem Weg nach Hause oder zum Wandern sogar ganz raus aus der Stadt gen Berge, Seenland, Natur und frischeste Alpenluft, so kommt man kurz vor der feinen aber wohl zu ziehenden Grenze zwischen Stadt und Land (ja, auch in München gibt’s die) schließlich auch an meine Halte: die Tegernseer Landstraße. Seit vorletztem Sommer frisch renoviert und umgebaut erstrahlt sie zwischen Wiener Wald und McDonalds auf der einen, Second Handy auf der anderen Straßenseite und flankiert schräg gegenüber das alte 60er Stadion – und fängt damit schon relativ gut den grenzgeladenen Charakter dieser Halte und der gesamten Gegend ein.

Zwischen Stadt und Land, zwischen Alt-Giesing und Autobahnring, zwischen Wiener Wald und McDonalds

Da sich meine Aufenthalte an der Haltestelle Tegernseer Landstraße nicht nur auf die Warte- / Ein- und Ausstiegszeit auf, in und aus der Tram beschränken, sondern auch meine Wohnung sich quasi einen Fallschirmsprung vom Dachfenster meines Wg-Zimmers zur Haltestelle entfernt befindet, kenne ich diese Haltestelle eigentlich zu so ziemlich jeder Tages- und Nachtzeit. Mit und ohne Stadiongesang, Sonntag morgens und Freitag abends und mitsamt allen ihren Ortsansässigen und Durchreisenden. Ich habe von meinem Zimmerfenster schon so mache Streitszenen, Abschieds- und Empfangstränen und auch die monatliche Reinigung der Glasscheiben des Tramhäuschens mitangesehen und erfahre dennoch weder Alltags- noch Gewohnheitstrott. Als ich vor kurzem aus der Tram stieg und sämtliche Baumstämme rund um die Haltestelle mit kunterbuntem Garn ummantelt waren, erschien mir das kein bisschen komisch, sondern passte einfach gut zu den kunterbunten Erlebnissen und Menschen dieser Halte und dieses Stadtteils.

Kontrastreich

Denn dieser Stadtteil, der unter gebürtigen Münchnern und auch wohlinformierten Touristen ja doch als altehrwürdiges und traditionsreiches Giesing bekannt ist, wird immer mehr gesäumt von Kontrasten aus Tradition und neuer Welt: das alte Stadion an der Grünwalder Straße. Das neue, man möchte fast sagen ‚studentische’, Giesinger Bräu. Gleich daneben der Döner, der Thai, der Franzose, der Italiener, der Grieche und der Wiener Wald. McDonalds. Der Stadtteilladen für die ‚Soziale Stadt Giesing’ mit seinen sozialen und kulturellen Initiativen. Der Schuhmacher-Laden auf der einen Seite, auf der anderen wohl einer der ersten Secondhand-Handyläden (Second Handy, ich selber habe dort im laufe der Zeit einige Handys erstanden und abgegeben, angefangen bei unkaputtbaren Nokias bis hin zum fragileren Smartphone).

Die Straßen rund um meine Halte, die Straßen von „Alt-Giesing“ bis hin zum Zubringer zum Autobahnring, erleben dadurch aber keinesfalls einen Wandel von Alt nach Neu, sondern viel mehr eine Bereicherung ihres Facettenreichtums und werden vielleicht gerade deshalb nicht nur von mir so sehr geliebt und gelebt.

Ein harmonisches Wirrwarr aus bekannt und unbekannt, Tradition und Alternative, gestern, heute und übermorgen. Wer will schon retro, wenn er die Tegernseer haben kann.

P.S.: Hier noch eine kleine Info zur Begriffs(-er-)klärung für alle, die eine Tram trotz München dennoch STRAßENBAHN nennen 😉

http://tram.org/fmtm/info/trambahn.html

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