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Nicht mehr als ein Windhauch

David Kreisl

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huhn

In „Huhn mit Pflaumen“ erzählt Regisseurin Marjane Satrapi („Persepolis“) die Geschichte ihres iranischen Großonkels Nassir Ali Kahn, einem neurotischen Geiger mit gebrochenen Herzen. Es ist die zweite Verfilmung einer ihrer Graphic Novels. Diesmal aber ist es kein Animationsfilm, sondern ein Realfilm mit viel Rauch, der ein Märchen ist wie aus Tausendundeiner Nacht.

Faranguisse versucht ihren Mann zum Leben zu verführen. Sie backt Huhn mit Pflaumen, seine Leibspeise. Sie probiert die Soße, die vielleicht nach Zimt, sicher nach Honig schmeckt, und da fällt ihr ein, wie nahe sie sich waren, sie und ihr Mann Nassir Ali. Wenn es Huhn mit Pflaumen gab. Sorgsam als Gedeck angerichtet, trägt sie es jetzt auf einem Tablett in sein Zimmer, nachdem sie das Haar geöffnet und ihre Brille abgenommen hat.

Nassir Ali aber hat sich entschieden zu sterben, und da ist so ein Huhn unpassend. „Du kapierst es einfach nicht“, sagt Nassir Ali zu Faranguisse, er sagt es abschätzig, und dreht sich in seinem großen Bett auf die andere Seite. Weder gebratenes Huhn noch ihr dunkles Haar werden ihn von seinem Entschluss abbringen.

Vorbei der bescheidene Moment der Nähe, der sich sonst mit den warmen Pflaumen einstellte, er ist Vergangenheit wie fast alles, was Regisseurin Marjane Satrapi und Co-Regisseur Vincent Paronnaud in ihrem Filmmärchen „Huhn mit Pflaumen“ erzählt. „Es war einmal, es war keinmal“, so beginnen persische Märchen, und so leicht spinnt die Comiczeichnerin und Filmemacherin die Geschichte des „weltbekannten“ Geigers Nassir Ali Khan. „So wird es erzählt“, raunen die Bilder, sie behaupten nie, es genau zu wissen.

Nassir Ali, den Mathieu Amalric spielt, liebt seine Frau nicht, die Kinder sind ihm fern. Hoffnungslos der Melancholie verfallen, war er sein Leben lang Solist und bleibt es auch jetzt im Sterben. Nassir Alis Geige ist zerbrochen, und keine Stradivari der Welt kann sie ersetzen. Es ist aber nicht die plötzliche Stille, die ihn ins Grab wirft, sondern sein gebrochenes Herz. Iran heißt die Frau, in die er sich einst von Fuß bis Kopf verliebte. Sie heißt bedeutungsschwanger genauso wie das Heimatland der Exilfranzösin Satrapi. Fast hätte sie ein gutes Ende gefunden, diese Jugendliebe, der vor Jahrzehnten ein kurzer Prozess gemacht wurde und von der sich Nassir Ali nie lösen konnte.

Acht Tage muss er auf den Tod warten. Die Tage gliedern die Handlung in Episoden, Geschichten in der Geschichte, die wie Rauchzeichen seine Erinnerung durchziehen. Da ist die Kartenlegerin, sie war einmal schön, die im Zigarettendunst Schicksale mischt, und an ihrem eigenen scheitert. Und seine Mutter (Isabella Rossellini), die sich auf dem Sterbebett nach einer letzten Zigarette in Rauch auflöst. Der Rauch verschleiert und macht gleichzeitig sichtbar. Er zieht sich durch die Episoden und hält sie nebulös. „Das Leben“, sagt Nassir Alis Geigenmeister (weißes Gewand, Erlösermanier), „ist ein Windhauch, ein Seufzer“. Und Nassir Ali raucht immerfort, bläst das Leben vor sich hin, weiter, bis er das Seufzen gelernt hat.

Wieder hat Satrapi einen ihrer Comics verfilmt, doch anders als bei „Persepolis“ ist die Tragikkomödie kein Cartoon, sondern ein Film mit realen Schauspielern, angesiedelt im Teheran der 50er Jahre. Es ist ein Märchen: Satrapi vergrößert und lässt schrumpfen, sie zeigt Holzschnitt, wird schnell, um im nächsten Moment die Langsamkeit einer Träne auszukosten. Satrapi bleibt federführend in der Geschichte, sie zeichnet das Schicksal der Figuren, schiefergrau, wie die Mauern der Stadt, wie das Licht hinter dem halbgeschlossenen Vorhang in Nassir Alis Zimmer.

Nur seine Kinder Lili und Cyrus durchbrechen die morbide Eleganz dieser entrückten Welt. Sie sind laut. Sie furzen und bescheren ihm einen Albtraum, einen amerikanischen, der laut und grell einer Sitcom gleich inmitten der Larmoyanz platzt. Das ist unerbittlich, aber auch sehr komisch.

Marjane Satrapi lässt die Schwere immer wieder verpuffen („Kommst du mit ins Kino?“ „Nein, ich werde sterben.“), sie zwinkert dem Schicksal ihrer Figuren zu, ohne sie alleine zu lassen. Wenn Nassir Ali der Todesengel Azrael erscheint, ist das schrecklich, und wenn der schwarz angemalte Azrael seine schwarzen Zigaretten auspackt und eine kleine Fabel erzählt (ein Heimspiel der Satrapi im Cartoon), ist das schrecklich lustig. Es ist der Comic im Drama, der verspielt von dem zuweilen überdimensionierten Leid, vom naturalistischen Elend befreit. Mit den unterschiedlichen visuellen Erzähltechniken findet Regisseurin Marjane Satrapi für jede Figur und Szene eine eigene Stimme. Sie liest so die Schachtelgeschichten um Nassir Ali, die gewoben sind wie in Tausendundeiner Nacht mit verteilten Rollen. Und das ist kurzweilig und verzaubert.

POULET AUX PRUNES
Frankreich 2011
Regie, Buch: Vincent Paronnaud und Marjane Satrapi
Darsteller: Mathieu Amalric, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani, Edouard Baer, Isabella Rossellini, Chiara Mastroianni
Länge: 91 Minuten
Verleih: Prokino
Deutscher Kinostart: 5. Januar 2012
Foto: Prokino

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