Leben, Live

Pete Doherty in München: Die Empörungsmaschinerie rollt

Sebastian Gierke

Journalist, frei, in München und im Netz.
Sebastian Gierke

Letzte Artikel von Sebastian Gierke (Alle anzeigen)

Und alle schreien Skandal! Es ist kaum zu glauben. Dieses Getöse, dieses künstliche Aufbauschen, diese alles niederwalzende Empörungsmaschinerie der Medien.

Wie ich schon geschrieben habe: Pete Doherty lebt ein Leben weit entfernt von jeder Kosten-Nutzen-Rechnung, jeder Vernunft – und beschädigt sich damit gelegentlich selbst. Zynisch wäre es, das als Marketingstrategie abzutun.

doherty

Ein Marketinggag war es aber wohl, dass er am Vorabend als Überraschungsgast auf dem on3 Festival auftrat. Er passte da nicht so ganz hin und revanchierte sich für ein paar dumme Pfiffe aus dem Publikum mit ein paar dummen Zeilen der ersten Strophe des Deutschlandliedes, live übertragen vom Bayerischen Rundfunk, der das Konzert abbrach. Doherty reagierte nur kurz etwas ungehalten. So weit so langweilig. Das passt ins Bild des medial transportierten Rüpel-Rockers – und ist natürlich und so offensichtlich weit entfernt von einem Skandal. Vielmehr wird da deutlich, dass der Appetit des Publikums auf Skandale und künstlich erzeugte Aufregung zu einem Gefängnis für jeden Künstler werden kann.

Am Sonntag im Backstage ist Doherty dann jedoch schon wieder bester Laune – und spielt ein richtig gutes Konzert. Ein Konzert völlig ohne Aufreger und „hast du schon gehört?“-Geschichten. Doherty solo, nur mit seiner Gitarre. Auf einem Tischchen stehen eine Kerze und eine Flasche Rotwein. Die Bühne wird da noch mehr als sonst zu einem Ort der Exposition, macht den Menschen überdeutlich sichtbar und auf das rücksichtsloseste beobachtbar. Was man beobachten kann: Einen schüchternen Rebellen und einen der genialsten Songwriter dieser Generation. Einen 30-jährigen Musiker, der alle seine Hits spielt und dabei beweist, dass Pop selbst heute noch eine subversive Kraft entfalten kann, weil er das Bewusstsein dafür wach hält, dass ein komplett anderes Leben möglich ist. Und dass der schlimmste Abgrund dessen Fehlen ist.

Am Ende räumt Pete Doherty die Bühne auf, wischt das Tischchen sauber, macht die Kerze aus, packt sie ein – und verschwindet. Unspektakulär großartig.

Ach ja, noch ein kleines Gedankenexperiment: Wie hätte das am Sonntag im Backstage geklungen, wenn es kein Leben und kein Image jenseits der Bühne gäbe für den Star Pete Doherty? Wenn er noch völlig unerforscht wäre durch die Öffentlichkeit? Hätte es anders geklungen? Unverbrauchter? Oder am Ende doch nur langweiliger?

No Comments

Post A Comment

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons