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Platz da! Wohnen bei Freunden statt Fremden auch für Flüchtlinge in Bayern

Natalie Adel

Natalie Adel

Ist München-Liebhaberin, weil es sich hier so herrlich mit dem Rad durch die Stadt düsen lässt und fast nichts über einen Sommerabend an der Isar geht. Ansonsten Theaterfan und immer dabei, neue Dinge auszuprobieren.
Natalie Adel

Was in anderen Bundesländern schon lange Realität ist, soll nun auch in Bayern erlaubt werden. Hier ist es bisher nicht möglich, geflüchtete Menschen bei sich privat aufzunehmen und unterzubringen, so lange ihr Aufenthaltsstatus noch ungeklärt ist.

Um dies zu ändern, ist am 10.5.16 die gemeinsame Kampagne vom Bayrischen Flüchtlingsrat, Bellevue di Monaco, Lichterkette e.V., Refugio e.V. und dem Verein für Sozialarbeit e.V. an den Start gegangen. Sie heißt „Platz da! Privates Wohnen für Geflüchtete“ und soll es möglich machen, dass auch Geflohene ohne klaren Aufenthaltsstatus aus den großen Flüchtlingunterkünften ausziehen dürfen.  Zahlreiche Argumente sprechen dafür, dass Massenunterkünfte für hunderte oder gar tausende Asylbewerber kein Dauerzustand sein dürfen. Die Zustände in den Großraumeinrichtungen bleiben häufig hinter den verodneten Standards zurück. So kann von den 6 qm, die jeder Person für sich zustehen und die vom Sozialministerium festgelegt worden sind, in vielen Unterkünften oft keine Rede sein. Es ist laut und überfüllt. Intimsphäre ist so gut wie nicht vorhanden, der einzig „eigene“ Ort, den die Bewohner für sich haben, ist ihr Bett. Doch das steht in einem Raum, den sich die Geflohenen häufig mit fremden Menschen teilen, die oft nicht einmal dieselbe Sprache sprechen.

Dabei ist die Möglichkeit zur Ruhe kommen zu können für viele Menschen, die eine solch einschneidende Erfahrung, wie die einer Flucht gemacht haben, unerlässlich. „Den Kindern und Jugendlichen ist es in diesem Umfeld kaum möglich, für die Schule zu lernen“, betont Anni Kammerlander von Refugio e.V. Doch während der Asylantrag läuft, sind die Bewerber gezwungen, in den Flüchtlingsunterkünften zu bleiben. Auch wer nur eine Duldung hat, dem ist es nicht erlaubt, auszuziehen. Selbst dann nicht, wenn ein entsprechendes Angebot für eine private Unterkunft vorliegt.

Teilhabe und Integration?

Matthias Weinzierl vom Bündnis Bellevue di Monaco spricht davon, dass sehr viel Rückhalt aus der Bevölkerung kommt. Der Eindruck, dass sich die Stimmung nach dem „Willkommenssommer“ nun gegen die Flüchtlinge gedreht hat, kann er nicht bestätigen. „Wöchentlich gehen Anfragen von Menschen bei uns ein, die bereit sind, Flüchtlinge privat bei sich daheim unterzubringen“. Die Antwort, dass dies in Bayern bislang nicht möglich sei, stößt auf Unverständnis und Empörung.

Es stimmt nicht, dass die Bevölkerung der Flüchtlinsthematik den Rücken zukehrt. Die Bereitschaft zur Mithilfe ist nach wie vor groß.
- Matthias Weinzierl

Der Geschäftsführende Vorstand des Vereins für Sozialhilfe e.V. Johannes Seiser berichtet, dass Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlinge nur bis zu ihrem 18. Lebensjahr unter die Obhut des Jugendamtes stehen. Wenn der Aufenthaltsstatus bis dahin noch nicht geklärt ist, müssen sie in die Großraumunterkünfte zurück. Wie soll es so gelingen, den Geflohenen eine Integration in die Bevölkerung zu ermöglichen und eine Teilhabe zu gewährleisten?

Die Verbindung zwischen Bevölkerung und Flüchtlingen wird nicht gerne gesehen.

Hierfür hat Peter Probst von der Lichterkette e.V. eine Erklärung. Die Isolation, in welche die Asylbewerber getrieben werden, erleichtert den Behörden das Abschiebeverfahren. Das erklärt auch den Plan der Landesregierung, die Unterkünfte zu zentralisieren, sprich mehrere kleine Unterkünfte zu schließen und außerhalb große zu errichten. Wo es keine Beziehungen zur Bevölkerung gibt, herrscht keine Öffentlichkeit und folglich gibt es auch kein Interesse.

Die Großraumunterkünfte sollen nicht zuletzt auch einer Abschreckung dienen.  Solange man noch auf seinen Bescheid über den Aufenthalt wartet, soll man sich hier nicht allzu wohl fühlen. So das Vorhaben der Landesregierung. Dass dabei allerdings die Chance auf eine Integration von Anfang an beinahe unmöglich gemacht wird, könnten wir eines Tages bereuen. „Die Menschen suchen nach einer Aufgabe. Sie wollen Deutsch lernen, zur Schule gehen und eine Arbeit finden. Wer den ganzen Tag zum Nichts-Tun gezwungen ist, dem wird langweilig und kommt womöglich auf dumme Gedanken“.

Was bringt die private Unterbringung von Geflohenen?

Die private Unterbringung von Flüchtlingen würde gegen diese Isolation arbeiten. Die Geflohenen hätten die Möglichkeit, ihr Deutsch zu verbessern und Anschluss an die Bevölkerung zu finden. Kinder und Jugendliche können ungestörter für die Schule lernen.

Das Sozialministerium hat auf Anfrage der Kampagne diesen Vorschlag positiv aufgenommen. Derzeit leben bereits 11 Prozent der Asylbegehrenden in Privatunterkünften. Viele Kommunen haben auf Wohnungen von Privatpersonen zurückgreifen müssen, da die offiziellen Flüchtlingsunterkünften nicht genügend Platz geboten haben.  Diese Form der Unterbringung bietet neben all den sozialen Möglichkeiten, auch die Chance einer Kostenminimierung für die Kommunen.

Wer die Kampagne unterstützen will, kann dies ganz einfach auf der Homepage tun. Auch wer potenzielle Wohnungen zur Verfügung hat, kann sich bereits registrieren. Längerfristig plant die Kampagne zu einer Art Vermittlungsbörse zu werden. Das soll allerdings nicht bedeuten, dass jeglicher Wohnraum ab sofort nur an Geflohene abgegeben werden muss. Die Verantwortlichen wollen, dass es für diejenigen, die Flüchtlinge bei sich unterbringen wollen, „einfach möglich gemacht wird“. So kann die Willkommenskultur als Praxis fortgeführt werden.

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