Kultur, Was machen wir heute?

Plötzlich Pakistan – Ein Abend mit Hasnain Kazim

Philomena Poetis

Musik, Gesang, Opern, Konzerte // Kultur und Außenpolitik // Verliebt in München - Vernarrt in die Welt // philomenapoetis.com/blog

//Dream it, Do it//
Philomena Poetis

Für die Münchner Vortragsreihe „Zur Sache…“- Autoren in der Staatsbibliothek, haben sich gut 200 Menschen im Königssaal der Bayerischen Staatsbibliothek eingefunden, um Spiegel-Redakteur Hasnain Kazim über Pakistan und sein neuestes Buch Plötzlich Pakistan: Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt, sprechen zu hören.

Als Deutscher mit pakistanischen Wurzeln begann der Politikwissenschaftler seine journalistische Karriere bei einem niedersächsischen Lokalblatt, immer mit dem Ziel vor Augen, als Südasien-Korrespondent nach Indien zu gehen. 2009 ergab sich die Möglichkeit – nach seinem CNN Journalist Award für den Bericht Angriff auf Mumbai – Protokoll eines mörderischen Feldzugs – im Auftrag von Spiegel Online nach Delhi zu ziehen. Der Container mit allem Hab und Gut war bereits nach Indien unterwegs, als Kazim und seine Ehefrau nach Monaten – auf gepackten Koffern sitzend – die Gewissheit hatten: Indien verweigert dem Reporter auf Grund seiner pakistanischen Wurzeln die Einreise. Also spontan, oder eben auch plötzlich, auf nach Pakistan, wo er von 2009 bis 2013 lebte, recherchierte und berichtete.

Kazim beschreibt seine Beziehung zu Pakistan als gespalten; er spricht zwar Urdu und hat Familie im Land, aber er sieht es nicht als seine Aufgabe, Pakistan positiv darzustellen und zu vermarkten. Dies sei die Aufgabe des anwesenden pakistanischen Honorarkonsuls. In seinem Buch zeigt er die politischen und gesellschaftlichen Missstände auf, beschreibt die große Schere zwischen Arm und Reich und die religiöse Diskrepanz der Pakistanis zwischen Blasphemie-Gesetz und privaten Tanz-Partys, auf denen der Alkohol in Strömen fließt.

Zwar schätzt er die Kultur Pakistans und spricht zeitweise auch davon, das Land lieben gelernt zu haben, trotzdem beschönigt er nichts.

Die Podiums-Diskussion zwischen Autor Kazim und Süddeutsche Zeitung-Feuilletonist Alex Rühle ist sehr persönlich, angenehm kurzweilig und informativ. Fragen, die nachdenklich machen: Wie sucht man eine Wohnung in Pakistan? Braucht man wirklich einen Panik-Raum und bewaffnetes Sicherheitspersonal und was hat es mit dem Zusatz im Mietvertrag auf sich, dass man nach Flut, Krieg oder Terroranschlägen seine Mietzeit verkürzen darf?

 

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Autor Hasnain Kazim mit Süddeutsche Zeitung-Feuilletonist Alex Rühle im Gespräch

 

Spannend sind die kulturellen Unterschiede; durch die landestypische Gastfreundlichkeit finden sich schnell Freunde. Familie und Kinder haben einen großen Stellenwert in Pakistan, da auf Grund der fehlenden staatlichen Unterstützung, Eltern von ihren Kindern bis ins hohe Alter mitversorgt werden müssen. Neben der Notlüge, dass Kazim bereits sechs Kinder hat (aktuell nur einen vierjähriger Sohn), stoßen seine Erklärungsversuche, dass in Deutschland staatliche Anreize geschaffen werden, um Kinder zu bekommen, bei Pakistanis auf völliges Unverständnis und Belustigung:

„Ihr bezahlt Menschen, um Sex zu haben?“

Rechts der Autor, links der Generalkonsulat der Islamischen Republik Pakistan, Dr. Pantelis Christian Poetis

Schriftsteller Hasnain Kazim mit Honorarkonsul der Islamischen Republik Pakistan Dr. Poetis

Insgesamt ist das Buch empfehlenswert, da es die Entwicklung Pakistans mit kurzweiligen Erzählungen des Autors sowie politischen und gesellschaftlichen Strömungen anschaulich erläutert. Mir persönlich fehlt ein abschließender Ausblick für das Land, denn obwohl Pakistan als Entwicklungsland vor vielen Problemen und Hürden steht, gilt es diese zu überwinden, um in der globalisierten Welt eine positive Rolle einzunehmen.

Zur Zeit ist Kazim als Korrespondent in der Türkei stationiert. Seine Berichterstattung über das Grubenunglück von Soma im Mai 2014 mit 301 Toten, in der Kazim einen Überlebenden zitierte, der dem ehemaligen Premierminister Erdogan „Scher Dich zum Teufel“ zurief, führte zu massiven Anfeindung des Reporters und zu über 15.000 Morddrohungen in öffentlichen Netzwerken. Daraus entwickelte Kazim –  mit ebenfalls verbal angegriffenen Journalisten –  die antirassistische Leseshow Hate Poetry, die 2014 mit dem Sonderpreis der Journalisten des Jahres ausgezeichnet wurde.


 

Am 18. Oktober 2015 wird Hate Poetry in den Münchner Kammerspielen zu hören sein.

Plötzlich Pakistan: Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt von Hasnain Kazim, erschienen August 2015 im dtv-Verlag

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In aller Kürze:

HATE POETRY

Sonntag, 18. Oktober 2015, 19:30 Uhr, Münchner Kammerspiele

Antirassistische Lesesshow mit DORIS AKRAP, ÖZLEM GEZER, ÖZLEM TOPÇU, DENIZ YÜCEL, MELY KIYAK, HASNAIN KAZIM, MOHAMED AMJAHID

 

Fotocredit (header): Jenny Downing (flickr) via CC2.0-Lizenz

 

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