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Rückschau: Matinée der Saubande im Volkstheater

theatre lighting

Seit über einem Jahr gibt es die „Saubande“ nun schon. Als Mitgründer des Valentin-Karlstadt Förderverein e.V. gedachten die bekanntesten Münchner Volkssänger und Kabarettisten dem Künstlerduo. Gut 600 MünchnerInnen haben sich am 17. November zum Matinee im Volkstheater eingefunden. Hans Well mit den „Wellbappn“ machte wie letztes Jahr den Auftakt und begrüßte alle Anwesenden persönlich. Aufgezählt wurden immer zwei Personenkreise, die sich gegenüber stehen, wie beispielsweise die „Ehrlichen und die Fußballpräsidenten“, die „Millionäre und die Steuerzahler“. Im Anschluss kam Luise Kinseher auf die Bühne. Die Solokabarettistin, die mit ihrem aktuellen Programm „einfach reich“ entzückt, zauberte auch an diesem Sonntagmorgen den Zuschauern ein Lächeln ins Gesicht. Die Müdigkeit wich einer freudigen Erwartung, als Luise leicht lallend (in ihrer Rolle) den Ton angibt: „So und ihr leiht mir jetzt alle 20,- Euro und dann gehen wir ins Wirtshaus nebenan und ich lad euch alle ein.“ Als „Mary from Bavary“ kann sie leicht reden, unter anderem von ihrer Millionen, von der sie nicht mehr weiß, was sie mit ihr anstellen soll. Sie habe ja schon viel gekauft und gemacht. Im All sei sie gewesen. Aber da bekäme man Heimweh und könne nicht auf die Toilette gehen. Für alle die sich fragen, wo das Oktoberfest den Rest des Jahres stünde, hier die Antwort: In Texas auf ihrer Range. Zu beneiden sei sie darum aber nicht: So ganz alleine im Brau Rösl zu sitzen ist jetzt auch neda so, und wer meine, dass ein espressotrinkender George Clooney Besucher da was ausrichten könne,… Als nächstes warb die Musäumsleiterin Sabine Rinberger um weitere Mitglieder. Frei nach Valtentins Zitat „Sie san net auf uns angewiesen, aber mir auf Eahna!“ wünsche sie sich, dass die Anzahl von 170 noch ein bisschen steigen tät. Denn Valentins Stücke seien nicht nur zeitlos, sonder würden auch immer wieder über die Landesgrenzen hinaus inszeniert und gespielt. Die Komik des berühmten Bühnenpaars Karl Valentin und Liesl Karlstadt ließe genau wie damals das Publikum in Lachen ausbrechen. Zum Beweis wurde als nächstes eine Szene von Bele Turba mit dem Valentin-Karlstadt-Theater aufgeführt. Der Theaterdirektor kündigte zunächst ein zehn stündiges Klavierstück namens „Quälerei“ an, als diesem auffällt, dass der eine Bühnenstrahler kaputt sei. Er rief seine Techniker Valentin und Karlstadt herbei, die in dem nächsten zwanzigminütigen Sketch versuchen, den durch einen „kurzen Schluss“ geschädigten Scheinwerfer zu reparieren. Während sich der Lehrling (in der Rolle Karlstadt) dienstlich erweist und erst einmal eine Brotzeit holt, wird der Theaterdirektor immer ungeduldiger, verliert schließlich das Vertrauen, und kündigt sowohl Fachmann als auch „Fachknabe“.

Im Anschluss sorgten Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun, zusammen „Fünferl“ genannt, mit einer erheiternden Gesangseinlage für Abwechslung. Der Text über einen Bandwurm in ihrem Lied ist genauso wie Valentins Volksgesänge mitleiderregend tragisch-komisch. Ein wenig politisches Cabaret kam mit Christian Ude herbei. Zuschauer der hinteren Reihe rätselten bis zuletzt, ob es sich um den echten Ude oder seine Double Uli Bauer handle. Dass Ude in Valentin ein Vorbild erkennt wundert nicht. Grauenhaft fände der Politiker, dass seit fast einem Jahrhundert das Frauenwahlrecht gelte. Nur Männer wählten schlechter. Bis zur nächsten Komikeinlage wusste der Moderator  Holger Paetz die Umbauphase zu überbrücken, und zitierte eine moderne Kommunikationslapalie: „Bin kurz Zähneputzen gewesen. Jetzt wieder online. Hallo.“, „Bin später noch einmal auf die Toilette. Bin dann wieder offline.“

Wirklich anrührend war die nächste Einlage von der diesjährigen Poetentaler-Preisträgerin Ilse Neubauer, die Luise Karlstadt durch fremde Erinnerungen und eigenen Recherchen ergänzte und Texte mit einer Stimme vorgetragen hat, die einem eine Gänsehaut einjagt. „Die blitzgescheite Liesl“, anno 1892 in Schwabing geboren, bringt aus der Schule nur Einser nach Hause und darf nach damaliger Sitte als Frau ihren Traum, Lehramt zu studieren nicht nachkommen. Sie verdient zunächst Geld als Hertie-Verkäuferin. Doch bald zieht es sie, die mehrere Musikinstrumente beherrscht, „auf die Bretter, die die Welt bedeuten“. 1911 trifft sie auf Valentin und wird dessen lebenslange Soubrette. Mit sehr anrührenden Schilderungen wird deutlich, dass das Künstlerduo mit schier unendlichem Ideenreichtum zunächst improvisierte, und dann Stücke schrieb. Liesl habe aber auch mit dem schwierigen Charakter Karl Valentins zu kämpfen gehabt. Sie probierte sich deshalb nebenher an anderen Theatern ohne Valentin. Valentin gönne ihr die „Seitenauftritte“, formuliert aber gleichzeitig in einem Brief an sie: „So richtig Liesl bist du nur an meiner Seite.“ Und hat irgendwie recht damit. Nach einem Aufenthalt in der Psychatrie bleibt sie dessen treue zweite Hälfte. Erst nach seinem Tod im schicksalhaften Jahr 1948 gelingt ihr noch eine recht erfolgreiche Solokarriere. „Aber davon vielleicht ein anderes Mal.“, endet Ilse Neubauer.

Für eine abwechlungsreiche zweite Hälfte sorgten Zither Manä (bekannt geworden durch seinen Zither Blues), die Couplet AG, sowie Maria Peschek (als schwitzerische Finanzberaterin) und Hannes Ringlstätter, der mit einem Lied am Klavier übers Fliegen das  Publikum berührte. Den krönenden (weil atemberaubend schnell gespielt und gespickt von intelligenten Gedankensprüngen) Abschluss machte Christian Springer. Sein Schlusslied war eine Hommage an alle Einbrecher, die sich am Hab und Gut bereicherten. „Komm Einbrecher, komm.“, singt der Textdichter und Provokateur, der sich lieber bestehlen lasse und dem Materialismus die Zunge raus strecke, als sich an den Spätsommer zu erinnern, in dem man gewählt habe. Für den Zuschauer war der Vergleich zu ziehen: Die Wähler heute werden wie Valentin damals nicht ernst genommen.

www.valentin-musaeum.de/saubande

Text: Asja Döring

Fotocredit: flickr.com spDuchamp

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