Was machen wir heute?

Schlagzeug im Schnee

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Der Optimal-Plattenladen und Clubzwei Konzerte laden ein:
Samstag, den 28. April 2012, 20h
30 Jahre Optimal präsentiert:
ERIC PFEIL 
“Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“ – Lesung
Optimal Plattenladen, Kolosseumstr. 6

Rocko Schamoni nannte ihn einen „der besten Musikkritiker dieses Landes“ und sprach: „Sein Buch hat mich wieder neugierig auf Popmusik gemacht“. Besagtes Buch trägt den schönen Titel „Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee“. Darin erzählt der kultisch verehrte FAZ-Autor mal brüllend komisch, mal auf surreal-psychedelische Art, mal vor Leidenschaft bebend von seinen seltsamen Abenteuern in der Welt der Popmusik.

Er fährt in Urlaub mit Morrissey, probiert seltsame Drogen, geht mit den Beatles auf Kostümpartys und wünscht James Blunt alles Schlechte dieser Welt. Die Zeitschrift intro schreibt: »Was die Balance zwischen Gelassenheit und Überspanntheit, Galgenhumor und tödlichem Ernst angeht, hat Pfeil den Bogen raus. Er trifft sein Sujet daher sehr gut. Ja, besser als viele andere.«

 Eric Pfeil im Interview mit Reini Jellen.

Q: Herr Pfeil, Sie schreiben Konzertkritiken, die ohne jeden Zweifel besser sind als die Konzerte selber. Wie geht das? Welche Art von Meditation, welche Geistesübung, welches Literaturstudium, welchen Zaubertrank können Sie uns hierzu empfehlen?

A: Danke für das Geblüm! Ich verwende hier einen uralten Zaubertrank aus Enthusiasmus, Vorurteilen, Neugier, Nachurteilen, Freude am Zirzenischen und einer kleinen alkoholischen Beimischung. Studieren hilft hier wenig. Mir geht es darum, ein Bild zu malen, wobei mir relativ egal ist, wer da nun gerade zu malen ist. So lange die Menschen auf der Bühne als Typen fassbar sind, macht es Spaß. Schlimm sind eigentlich nur die Konzerte, wo absolut nichts passiert. Es gibt aber auch Musiker, zu denen man nicht öfter als ein Mal gehen kann. Hierzu gehören Leute wie James Blunt oder Katy Perry ebenso wie Wald und Wiesen-Indierocker wie Mando Diao.

Q: Wir als Northern Soul-Fans, die mit The Jam, Squeeze und Elvis Costello aufgewachsen sind, um sich dann in die Höhen eines Burt Bacharach, Scott Walker und Brian Wilson zu schwingen, beschleicht beim Hören neuerer britischer Bands mitunter das Gefühl eines dezenten Kulturpessimismus, den Sie gottlob nicht teilen. Welche Art von Botschaft entdecken Sie in der Musik jüngerer Künstler die Ihr Schreiben so heiter und behende macht?

A: Ach, dieser Kulturpessimismus befällt mich ja auch dann und wann. Und ich bin mittlerweile ja der Meinung, daß ein wenig Kulturpessimismus gar nicht schaden kann, bei all dem bald reflexhaften, bald gesteuerten Begeisterungsgeschrei. Auch ich fühle mich wohler, wenn die Musik greiser Superkomponisten ertönt und die Songschreiber-Oheime die Gitarren hochschnallen. Aber es gibt immer wieder tolle junge Bands, wobei „jung“ natürlich relativ ist. Ich mochte aber auch schon als junger Knabe keine Musik, die sich allzu quirlig „jung“ gibt. Und alles, was zu nah am sogenannten „Puls der Zeit“ ist, langweilt mich ohnehin. Ein bißchen vorzeitige Vergreisung schadet nicht. Ich mag junge Bands, die etwas ältlich klingen – und die die gibt es immer wieder, denn das Junge ist fasziniert vom Alten. Gerade gefallen mir Brian Lopez aus Tucson und der Brite James Levy & The Blood Red Nose sehr gut. Oder Ja, Panik, an denen ja auch das Ältliche das Jüngste ist.

Q: Offenkundig empfinden Sie keinerlei Abscheu vor deutschpoppenden Rock-Recken á la Udo Lindenberg, Wolfgang Niedecken und Heinz-Rudolf Kunze. Gleichzeitig schätzen Sie das Werk von doch recht eigentümlich anmutenden Barden wie Jochen Distelmeyer und Jan Delay. Können Sie uns die Gründe für Ihre sibyllinische Gewogenheit etwas erläutern?

A: Um es im Duktus auf Zeitgewinn spielender Talkshow-Politiker zu sagen: Da muss man differenzieren! Zunächst: Mit deutschem Zungenschlag zu singen, ist nicht einfach, das hört man an den vielen, die es so bedrückend schlecht machen. Mich hat immer interessiert, was man mit deutscher Sprache machen kann, nicht zuletzt, weil ich ja selbst schreibe und mich Songtextern wesentlich näher fühle als Lyrikern. Hinzu kommt: Ich bin mit diesem Früh-Achtziger-Deutschrock-Unfug aufgewachsen. Das prägt, ob ich nun will oder nicht. Und so werde ich wohl mein Leben lang weich und empfänglich für das Frühwerk der skeptisch beäugten Herren Niedecken und Kunze bleiben, die beide Schönes zuwege gebracht haben. Beider Spätwerk ist überwiegend furchterregend, aber das nur am Rande. Lindenberg bedeutet mir, von wenigen einzelnen Songs abgesehen, nichts, ist aber eine Marke. Bei Jan Delay ist’s ähnlich: Musikalisch interessiert mich das etwa so stark wie Snowboarding oder Torfstechen, aber die Widersprüchlichkeit dieses Typen ist nicht uninteressant. Und Distelmeyer ist – neben Funny van Dannen und Hans Eckart-Wenzel – mein deutscher Lieblingstexter. Er ist zudem eine hochinteressante, weil gewachsene und kantige Bühnenfigur.

Q: Haben Sie journalistische Vorbilder? Wir meinen aus Ihrem Buch z.B. eine Art leise Bewunderung für die gebenedeite Clara Drechsler herausgelesen zu haben….

A: Als Vorbild würde ich Clara Drechsler nicht direkt bezeichnen, aber ich habe ihre Spex-Artikel sehr gerne gelesen, weil sie über Wahn und Humor verfügten. An Frau Drechsler hat mich aber in den Achtzigern mehr beeindruckt, daß hier in Köln die Konzerte immer erst anfingen, nachdem sie Laden betreten hatte. Auch gern gelesen habe ich Wolfgang Welt, aber auch hier würde ich nicht von Vorbildern sprechen. Wirklich beeinflusst haben mich tatsächlich eher Musiker, hier allen voran mein Held, der englische Liedermacher Robyn Hitchcock. Da ist eine Perspektive und ein Ton, eine Weltsicht letztlich, die mich geprägt haben, auch wenn bezweifle, daß man das herauslesen kann.

Q: Wie würden Sie denn Ihre Weltsicht umreißen und was hat die mit Ihrer favorisierten Pop-Musik zu tun?

A: Ich bin geneigt, die Welt als absurden Ort zu begreifen. Das ist nicht sonderlich originell, zugegeben. Es erklärt aber, wie ich auf Musik (oder Kunst im allgemeinen) schaue: Mich rührt es einfach, Menschen bei dem Versuch zu beobachten, inmitten eines Gestöbers von Sinnlosigkeit und entgegen der Beballerung mit Naheliegendem und Banalen Schönheit bzw. Sinnstiftendes entstehen zu lassen, auch wenn sie sich hierbei hoffnungslos verheben. Oft ist es gerade dieses Scheitern, daß dies Sache für mich so rührend macht, da wären wir dann auch schon wieder beim Deutschrock. Oder beim Prog. Und wenn dann jemandem mal etwas wirklich Berückendes gelingt, dann werde ich ganz klein und staune. Es sind Songs, in denen so etwas für mich entstehen kann, denn Songs sind für mich die künstlerische Maßeinheit schlechthin. Das klingt jetzt vielleicht schlicht, aber wenn mir jemand in drei Minuten und zwanzig Sekunden etwas über die Welt erklärt – und wenn es eine weitere Erklärung ihrer Unerklärbarkeit ist -, dann bin ich hin und weg.

Q: Finden Sie, dass Politik in der Popmusik wichtig ist?

A: Alles „Wichtige“ schreckt mich ab. Ich glaube, sie ist zwangsläufig. Wie die Liebe.

Q: Aber die Liebe ist ja gerade ein klassische Thema in der Popmusik!

A: Ja, ich glaube auch, daß Politik einigermaßen klassisch ist.

Q: …also ist die Politik in der Popmusik wie alles Klassische gut aufgehoben?

A: Ich denke ja, wobei ich Liebeslieder vorziehe und mir gerade kein politisches Lieblingslied einfällt.

Q: Hmmm. Kommunist sind Sie schonmal keiner. Sind Sie denn wenigstens Katholik?

A: Natürlich. Das erklärt womöglich auch meine Liebe zu a) Dylan und b) dem italienischen Schlager im allgemeinen und Adriano Celentano im Speziellen. Jetzt fällt mir doch ein politisches Lieblingslied ein: „Prisencolinensinaiciusol“ von Celentano. Aber Celentano hat ja auch mehr politische Songs gemacht als Italien Käsesorten hat.

Q: Celentano ist natürlich ein Genosse…

A: Allerdings könnte ich mir durchaus vorstellen, daß auch ein Kommunist — vorausgesetzt, er ist zugleich auch Ästhet – Anstoß an vielen politischen Songs nehmen könnte.

Q: Selbstverständlich! Die grässlichsten Lieder wie „Joanna“ von Eddy Grant, „Imagine“, „Blowin`In The Wind“ (sorry!) und „We Shall Overcome“ sind alle politisch gemeint. Dabei sind die noch um Klassen besser wie die Deutschpolit-Schunkler á la „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Da erscheint einem der Atomtod schon wieder als Trost.

A: Hierzu empfehle ich Heinz Rudolf Kunzes „Ich bin gegen den Frieden“.

Q: Touché! Jetzt die Frage zum Schluß: Wie stellen Sie sich als katholischer Musikkritiker die Hölle und wie den Himmel vor?

A: Ach, die Hölle, die ist ja so schwer vorstellbar, weil die irdische Realität schon so von Schrecken erfüllt ist. Ich kann also nicht sagen, daß in der Hölle lauter deutsche Schluffi-Jungs mit Xavier Naidoo-Stimme para-sensible Songs singen, in denen möglichst oft von Ratlosigkeit und Verwirrung berichtet wird und ununterbrochen das Wort „irgendwie“ fällt. 
Aber ich bin ja auch kein guter Katholik. Also warte ich auch in Himmelsangelegenheiten nicht aufs Jenseits. Prince hat mal in meiner Gegenwart auf dieselbe Frage geantwortet: „Woher verdammt noch mal soll ich denn wissen, was im Himmel für Musik läuft!?“. Danach hat er des Interviewers Fragenzettel zerrupft. Aber ich bin ja nicht Prince. Ich lasse mich auf das Gedankenspiel ein und schlage ein Mixtape u.a. mit Sinatra, Dylan, Hitchcock, Morricone, Gainsbourg, den Flaming Lips, Celentano und Sam Cooke vor. Und mit Prince natürlich.

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