Kultur

„Ich war eine ganz normale Heterofrau …“

Hakan Tanriverdi

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2009 hat der Münchner Stadtrat auf Antrag von Thomas Niederbühl (Rosa Liste) und Lydia Dietrich (Die Grünen) beschlossen, die Sichtbarkeit von lesbischen Frauen in der Gesellschaft zu erhöhen. Ein erstes Ergebnis ist die Ausstellung „“Sie war ganz schlimm schön…“ – Lesbische Porträts“. mucbook spricht mit einer der beiden Künstlerinnen, Stephanie Gerlach.

Frau Gerlach, Sie bezeichnen den Stadtratsbeschluss als „Revolution“. Warum?
Auch die CSU hat sich dafür ausgesprochen.

Gibt es deutschlandweit keine ähnlichen Ausstellungen?
Grundsätzlich muss ich sagen, dass München einsame Spitze ist, in Bezug auf die Politik gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensweisen. Das hat sich unsere Stadtpolitik auf die Fahnen geschrieben. So eine Ausstellung gibt es in dieser Form in keiner anderen Stadt.

Die Ausstellung trägt den Titel „Sie war ganz schlimm schön“ Was genau meinen Sie damit?
Das ist ein Zitat einer der zehn Frauen, die wir vorstellen. Für sie ging es darum, das Gefühl in ihr auszudrücken, das so stark wurde, dass sie ihm nicht länger widerstehen konnte. Es war Entsetzen und Entzücken.

Warum Entsetzen?
Das müssten Sie diese Frau fragen. Aber ich würde es so zusammenfassen: Sie lebte damals nicht in Deutschland und als sie anfing, dieses Gefühl zu genießen, sah sie, dass die anderen 12-jährigen Mädchen sich allesamt für Jungs interessierten. Gesellschaftlich war ihre Liebe nicht anerkannt.

Warum sind es genau zehn Frauen?
Zehn Frauen in Wort und Bild, das war von der KGL so festgelegt, um dem Ganzen einen Rahmen zu geben. Wir haben versucht, eine größtmögliche Vielfalt abzudecken, sowohl vom Alter als auch vom Hintergrund, den Lebensumständen und der Herkunft. Natürlich sind das trotzdem nur Fallbeispiele, aber ich denke, dass uns die Auswahl in diesem Rahmen gut gelungen ist.

Ein anderer Satz, den ich gelesen habe, lautet: „Ich war eine ganz normale Heterofrau…“. In meinen Ohren klingt das pessimistisch.
Da steht nicht: Ich war glücklich oder unglücklich als Heterofrau, sondern ich war in meinem traditionellen Fahrwasser drin und dann habe ich mich in eine Frau verliebt – das hat mein Leben total verändert. Die wichtige Frage ist ja, wie der Satz nach den Pünktchen weitergeht.

Wie würden Sie Sichtbarkeit definieren?
Man ist sichtbar, wenn über eine Person oder eine Gruppe berichtet wird, ob das nun in Zeitungen passiert, im Radio, im Fernsehen oder in Schulbüchern. Wenn diese Gruppe, ganz ohne Wertung, selbstverständlich vorkommt.

Was können die Gründe sein, um lieber unsichtbar bleiben zu wollen?
Das erste Gebot ist, dass man für sich entscheidet, ob man gut geschützt ist. Wenn man sich das Coming Out nicht zutraut, und das Gefühl hat, nicht so weit zu sein, dann muss man schauen, wo man sich Unterstützung holen kann. Man darf nicht an dem Anspruch verzweifeln, ein Coming Out ist keine Pflicht. Natürlich sage ich, kommt raus, wo auch immer ihr seid. Aber es gibt auch Situationen, da ist es besser, den eigenen Schutz vor alles andere zu stellen.

Wie sichtbar ist die lesbische Community?
Ich denke, das ganze Thema lesbisches Leben ist raus aus der Tabuzone und damit aus der kompletten Unsichtbarkeit. Aber trotzdem ist es so, dass die lesbischen Frauen für diese Sichtbarkeit kämpfen müssen, gerade m Verhältnis zu schwulen Männern, auch wenn dieselben Interessen vertreten werden. Da ist dann von Schwulenparaden die Rede und von einer Schwulenehe – was übrigens nicht stimmt, rein legal gesehen ist es keine Ehe, sondern eine eingetragene Partnerschaft. So oder so: Die Lesben fallen hinten runter.

Haben Sie Begriffsvorschläge?
Ich denke es ist wichtig alle zu benennen, wenn man alle meint. Anstatt alles unter einen Hut zu bringen, muss man erst mal ausdifferenzieren, alle angucken und bewusst wahrnehmen. Für einen Sammelbegriff ist es noch zu früh.

Ursprünglich sollte der CSD dieses Jahr in Christina Street Day umbenannt werden – das Vorhaben wurde massiv kritisiert und schließlich fallengelassen. Wie waren die Reaktionen innerhalb der lesbischen Community?
Ich muss sagen, die Vereine, die den CSD veranstaltet haben, waren enttäuscht. In dieser Form hat man nicht mit dem Protest gerechnet. Das war ja ein Stück Augenzwinkern, mit der man darauf hinweisen wollte, dass die Lesben in der Öffentlichkeit nicht sichtbar sind. Denken Sie an die Berichterstattung: Man sieht immer die gleichen Drag-Queens. Wie unglaublich langweilig das ist.

Ein Argument der schwulen Männer war, dass man die schwulen Männer, die in der Öffentlichkeit ohnehin als verweiblicht gelten, noch tiefer in diese Ecke drücken würde mit der Umbenennung.
Ich sehe das aus einer ganz anderen Perspektive, wie gesagt. Es war überhaupt nicht beabsichtigt, in diese Richtung zu gehen. Wenn das dann aber als Argument gebracht wird, finde ich es besonders bitter. Ich kann gewisse Standpunkte schon verstehen – auch den historischen Hintergrund. Aber da wurde zu wenig diskutiert. Man hätte das auch im Gespräch klären können, aber am Gespräch haben sich dann nicht so viele beteiligt. Ich dachte, dass wir viel weiter wären.

Wenn ich an homosexuelle Bars denke, dann kommen mir nur Schwulenbars ins Gedächtnis. Gibt es lesbische Bars?
Früher gab es die ein oder andere Lesbendisco. Heute nicht mehr.

Warum?
Das hat mehrere Gründe. Früher waren die Ansprüche bescheidener, der Fortschritt heißt auch, dass die Szene viel größer geworden ist, weil sich mehr trauen, rauszukommen aber zum anderen fehlt die Masse, die das Geld hat, ständig wegzugehen. Man kann nicht alle Szenen an einem festen Ort etablieren, für die lesbische Community ist München zu teuer. Für die Männer ist das kein Problem: Männer haben mehr Geld, gehen öfter weg und trinken mehr. Aber es gibt Partys mit verschiedenen Mottos in unterschiedlichen Orten. Die sind regelmäßig.

AUSSTELLUNG
„Sie war ganz schlimm schön …“

Lesbische Portraits
7. Juli 2011 bis 28. Juli 2011

Münchner Stadtmuseum/Foyer
Schirmherrschaft: Bürgermeisterin Christine Strobl
Veranstalterin: Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Landeshauptstadt München
Fotografie: Barbara Stenzel

Text: Stephanie Gerlach

Mehr Infos hier.
Foto: Barbara Stenzel

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