Kultur

Sie war Russin.

Hannes Kerber

Hannes arbeitet als freier Journalist in München und mag besonders die BOB und die Regionalbahn 30607, die ihn samstags in die Berge bringen.
Hannes Kerber

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„Felix Hasenmeister“ wird der erste Roman des jungen Münchner Autors Tilman Strasser heißen. Die Stadt München hat dem 24-Jährigen ein Stipendium verliehen, damit er sein Debüt fertigschreiben kann. Schon jetzt veröffentlicht er hier das erste Kapitel. Eine Leseprobe.
Tilman sagt über seinen Roman: „Es geht um Felix Hasenmeister, einen Violinstudenten in seinen Zwanzigern, der an einem extremen Wendepunkt in seinem Leben steht. Bei ihm kommt gerade alles zusammen: Es ist die große Krise mit der Freundin und die große Krise mit dem Vater. Felix ist in der für den Romanautoren sehr glücklichen Lage, dass er in einer Übezelle ist und nicht vorwärts und nicht rückwärts kann.“

Meine erste Lehrerin besaß zwei Augen in zwei Farben. Ihr Blick war grün, wenn ich gut spielte, doch meist sah ich in strenges Blau. Sie war Russin. Deutsch beherrschte sie, aber mochte es nicht. Es sei ihr zu weich, klagte sie, zu konturlos, es streiche über die Lippen, man bemerke es kaum. Deshalb wohl redeten die Leute hierzulande viel. Sie selbst sprach wenig. Tat sie es doch, stieß sie rüde die Konsonanten vor sich her und erwürgte alle Vokale in ihrem langen, blassen Hals.

Zum Unterricht empfing mich das Hausmädchen, eine schmale Gestalt in Schürze. Sie nahm meine Jacke, stellte die Schuhe in Reihe und ging mir voran durch das Haus. An der Tür zum Musikzimmer blieb sie stehen. Ich  klopfte. Wir warteten still. Dann nickte das Hausmädchen, wies auf die Klinke und verschwand.

Meine Lehrerin lag auf dem Sofa, ihr Körper in den Kissen verstreut. Sie hob den Kopf, als ich eintrat. Ihr Blick, ein noch unentschlossenes Farbgemisch, folgte mir in den Raum. Ich stellte den Koffer zwischen Tisch und Klavier, packte aus zwischen grün und blau und unzähligen Notenstapeln. „Wie geht?“, fragte meine Lehrerin, „Geübt?“ Schweigend stimmte ich die Saiten.

Mein Platz war in der Mitte des Zimmers. Eine gläserne Vitrine stand hinter mir. Es waren Vodkaflaschen darin, unterschiedliche Sorten, einige klar und edel, andere trüb. In der größten schwamm eine tote Schlange. Manchmal, während der Etüden, spürte ich ihren leblosen Blick. Es kam vor, dass sie sich bei den Tonleitern um meinen Knöchel rankte. Ich ließ mir nichts anmerken, fuhr mit Dreiklängen fort, spielte Terzen, Oktaven, die Schlange zischelte scharf. Zu den Quinten erreichte sie meist meinen Oberschenkel. Ihre Haut war ledern, sie stank nach Schnaps. Irgendwie hatte sie ihrem gläsernen Gefängnis entkommen können.

Meine erste Lehrerin geriet bei der Sonate in Bewegung. Sie glitt vom Sofa, Russisches murmelnd. Auf ratternden Wortketten durchquerte sie den Raum. Ihre Glieder umschlangen meine, sie legte mir Finger an die Stirn, strich über Schläfen und Hals und zerrte an meinem Kragen. In den Rücken drückte sie mir und stupste prüfend gegen Schultern und Ellenbogen, versetzte Stand- und Stützbein, strich mir über die Wangen und schlug mir auf das Gelenk der Bogenhand. Ich wusste nie, wo sie sich befand, hörte nur den russischen Silbenstrom mich umkreisen, spielte und zuckte lediglich, wenn sie mir Haare ausriss.

Für den abschließenden Konzertsatz trat sie zurück. Ich spielte, wie ich zugerichtet war. Das Stück gelang mir selten. Erst nach dem Schlussakkord sah ich auf. Meist waren die Augen blau geworden, dann schimpfte sie noch in den Nachhall, lief fluchend, sich selbst bruchstückhaft übersetzend hin und her und notierte, woran ich zu arbeiten hätte. Nur selten war ihr Blick grün. Dann nickte sie, als hätte sie es geahnt, dann ließ sich erschöpft aufs Sofa sinken, „Moladjez“, seufzte sie leise, was, wie sie erklärte, „Prachtkerl“ hieß.

Manchmal begleitete mich Vater zum Unterricht. Dann war von dem Hausmädchen nichts zu sehen. Meine Lehrerin öffnete uns. Mich zog sie herein, Vater fauchte sie an und gelegentlich biss sie in seine zur Begrüßung ausgestreckte Hand.

Ihm wurde ein Stuhl neben der Vitrine zugewiesen. Ich spielte wie gewohnt mein Programm. Meine Lehrerin nahm auf dem Sofa Platz, doch fand sie keine Position, in der sie verharren konnte. Schon während der Etüden sortierte sie ihre Gliedmaßen beständig neu. Bereits bei den Tonleitern begann sie zu murmeln. Ich spielte Dreiklänge, spielte Terzen, Oktaven, meine Lehrerin knurrte und warf Kissen durch den Raum. Mitten in der Sonate sprang sie auf, riss Vater vom Stuhl und schleifte ihn aus dem Zimmer. Die Tür fiel ins Schloss. Ich hatte weiter zu spielen. Den Konzertsatz gab ich allein für die tote Schlange, die reglos in ihrer Flasche blieb. Von Zeit zu Zeit fuhr meine Lehrerin herein, kniff mich härter als gewöhnlich, drückte und schob gegen meinen Körper und verdrehte mir den Arm, dass ich vor Schmerz keuchte, dann stürmte sie wieder hinaus.

Am Ende dieser Stunden war sie zufrieden mit mir. Sie sagte „Moladjez“, sie fasste mich an den Schultern. Ihre grünen Augen ruhten auf Vaters wirrem Lockenrest. Ich zog meine Jacke an, er gab ihr die Hand, diesmal griff sie danach und ich sah, dass er fest zudrückte.

Tilman Strasser liest am Dienstagabend um 19.30 Uhr im Literaturhaus. Ãœber seinen neuen Roman sprach er mit mucbook auch in einem Interview.

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