Kultur, Nach(t)kritik

Stummes Wunschkonzert

Letzte Artikel von Milena Hassenkamp (Alle anzeigen)

Klinisch rein dirigiert Frau Rasch (Annette Paulmann) ihren letzten Abend – sie hängt das blaue Jackett an die Garderobe, öffnet die Post, liest die Prospekte, isst zu Abend, reinigt ihre Kleidung von Flecken, reinigt ihr Gesicht vom Make up, löst fein säuberlich die Klammern aus ihrer Frisur, weint ein paar Tränen zum Abendprogramm im Radio. Nichts weiter. Das Wunschkonzert des Nachwuchsregisseurs David Heiligers im Werkraum der Münchner Kammerspiele zeigte ein stummes Abschiedsszenario, in dem eine ruhige Annette Paulmann sich fein säuberlich aus dem Leben ausschneidet.

Ebenso klinisch wird sie später Schlaftabletten in zweier Reihen neben einander platzieren und sie eine nach der anderen zu sich nehmen, den Piccolo Wein austrinken, um das Klischee zu erfüllen und sich erschöpft neben den Kühlschrank setzen.

In ihrem Beobachtungskasten, wo Ecke auf Ecke passt, wie in einem Krankenzimmer (Ausstattung: Teresa Vergho) breitet Frau Rasch die Absurdität ihres Lebens vor uns aus, bestehend aus Kreuzfahrtwerbeprospekten und einsam verzehrten Wurstbroten.

Das liebevolle Zusammenfalten der leeren Edekatüte, das Kante auf Kante Legen des gemusterten Tischtuchs sind die aufmerksamen Momente dieser Inszenierung von Franz Xaver Kroetz´ tonlosem Kammerspiel. Die Klischees, die Frau Rasch allesamt zu erfüllen scheint, spiegeln ein Mitten im Leben auf der Theaterbühne wider und wirken sich in einer Art mitfühlender Distanzhaltung beim Zuschauer aus, eine Haltung, die die eigentliche Dramatik des Stückes auszumachen scheint.

– Albert Camus hat über das Absurde des Lebens einmal geschrieben, man müsse sich entscheiden, ob es einen zum Weiterleben oder zum Selbstmord verdamme. Das Absurde begegnet uns hier in Gestalt einer einsamen alten Jungfer, zwischen Fernseher und Abendbrottisch. – Wo das Weiterleben der eigentliche Aufstand gewesen wäre, willigt Frau Rasch in die Sinnlosigkeit ihres Lebens ein und verschwindet nach 75 Minuten Spielzeit so unsichtbar, wie sie in ihrem einsamen Leben war. – Ohne Spuren zu hinterlassen.

Wunschkonzert

Regie: David Heiligers

Münchner Kammerspiele

Weitere Termine:

Mi, 26.06

20:00

Do, 19.07

20:00

Fr, 20.07

20:00

Fotos: Conny Mirbach

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