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Viviana D´Angelo

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Der österreichische Choreograf Chris Haring und seine Gruppe Liquid Loft kommentieren mit dem Tanzprojekt „Talking Head“ den Kommunikationswahnsinn in den Fängen von Facebook, Twitter und Co. Viviana war für uns gestern in der Muffathalle dabei.

TalkingHeadFoto credit: Michael Loizenbauer

Man kommt rein, in den großen, kahlen Raum der Muffathalle, steigt die Metalltreppe hoch, nimmt Platz, schaut sich um. Sechs Neonröhren belichten die Bühne, hinten eine Leinwand, links und rechts je ein PC. Am Boden, wie ein Teppich aus Karton, mit vorgefalteten Linien, quasi ein braunes Riesen-Origami. Daraus schlüpfen sie, Stephanie Cumming und Luke Baio, die zwei Tänzer, die uns unter der künstlerischen Leitung von Chris Haring begleiten werden, auf eine Reise durch die Social-Network-Welt mit Blick auf unseren alltäglichen Kommunikationswahnsinn.

Irgendwie sehen sie gar nicht so richtig aus wie zwei Tänzer, sie in ihrer Jeans und Rollkragenpulli, er im T-Shirt. Aber sie tanzen ja nicht nur. Sie erzählen uns eine Geschichte, zeigen uns einen Spiegel, besser gesagt, eine Webcam in Spiegelfunktion, deformiert ist das Bild das sie widergibt, jedoch nur weil es selbst schon verzerrt ist, in seinen tausend Facetten die kein Ganzes ergeben.

Er setzt sich hin, an den PC, schaut rein, schaut sie an, wie sie mit dem Rücken zu ihm hockt, vier Meter weiter weg im gleichen Raum, beide auf den eigenen PC glotzend, in die Webcam die sie uns zeigt, auf die große Leinwand im Bühnenhintergrund projiziert, zwei große, verzerrte Gesichter mit riesiger Stirn, gigantischen Zähnen, starrenden Augen.

Hi, sagt sie.

Hi, hehe, antwortet er.

Peinliche Stille. Wie geht’s?

Mhm, und dir?

Geht schon.

Hmhm, hehe, hm. Hi. Also geht’s dir gut, ja?

Wieder diese Stille, verschämtes Lächeln und Hüsteln, einem selbst wird das irgendwie nervig unbequem.

Hey Leute ihr seid ein Paar, ihr seid weit weg, sprecht doch miteinander, sagt doch was, man möchte aufstehen, hin gehen, sie an der Hand nehmen und zu ihm zerren, hallo, benehmt euch doch mal normal, kommuniziert, möchte man sagen.

Und dann tut er was. Er richtet seine Kamera in Spiegelfunktion auf seinen Bauch, holt etwas von unter dem T-Shirt hervor, ein Stück Hand? Ein Daumen? Ein Stück von seiner anderen, in der Mitte gespiegelten Hand, und fängt an, von links und rechts daran zu zerren, zu formen, zu kneten, es entstehen Gebilde, ein klobiger Vogel, ein Fleischknäuel, ein Hautgesicht aus Daumen und Knöcheln, man sieht es nicht gut, er bemüht sich wahnsinnig, aber was macht er da? Endlich schafft er es: ein Herz. Ein Herz, einfach nur das, ein schönes, perfektes Herz,  das schwebt hoch, ist weg, und es ist Stille. Aber, hat sie es gesehen?

Das machen sie die ganze Zeit, die beiden von Liquid Loft, zerren aneinander, basteln an sich selbst, werkeln an ihrem Image, schaukeln sich hoch in Unterhaltungen aneinander vorbei, die Stimmen einander erstickend, immer lauter, immer mehr, und man versteht kein Wort, er ist ein Künstler, hätte was zu sagen, sie interviewt ihn aber lässt ihn nicht reden, sie ist eine Flut von sprechendem Spam, mit ihrer Riesenstirn und equalisierter Quietsch Stimme. Er zappelt sich ab, ihre Worte kommen nur noch fragmentiert durch das Mikro, sie bemühen sich wahnsinnig, schwitzen, aber es kommt nichts raus. Immer wieder geht der Sound aus, wieder füllt verkniffene Stille den Raum.

Und irgendwann tanzen sie. Zuerst die zackigen Linien des Origami-Kartons entlang, zackig auch ihre Bewegungen, aber immerhin, sie tanzen, sie sehen sich an, sind sich gegenüber und kommen einander immer näher, und jetzt, sieh an, sie tanzen miteinander, verschlungen und doch aneinander vorbei, sie berühren sich nicht, sie haben sich den ganzen Abend lang nicht berührt, aber vielleicht schaffen sie es ja diesmal, denn ja, es blitzt etwas durch von dem, was eigentlich in ihnen steckt, wie mit dem Herz in er Spiegelwebcam; man kann ahnen, was sie eigentlich bewegt, jetzt, jetzt endlich, sie kommen sich näher, gleich ist es soweit!

Nein.

Und dann geht das Licht aus. Sie haben es tatsächlich geschafft, sich nichts zu sagen.

Mit „Talking Head“ von Liquid Loft eröffnete sich gestern Abend in der Muffathalle die Veranstaltungsreihe „Lost in Translation? Ein Zwischenruf in Tanz, Performance, Kunst und Theorie zur aktuellen gesellschaftlichen Kommunikation“.

Es folgen Alex Deutinger und Marta Navaridas, heute Abend, mit „Your Majesties“, die Performancegruppe Ligna mit ihrem interaktiven „Oedypus der Tyrann“, schliesslich „The Fault Lines“ mit Meg Stuart, Philipp Gehmacher und Vladimir Miller.

Vorträge von Theoretikern und Wissenschaftlern eröffnen die jeweiligen Vorstellungen und befassen sich mit verschiedenen Fragen zum Thema Kommunikation.

Mehr Infos hier.

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