Nach(t)kritik

Wenn sich alles um dich dreht

Juliane Becker

Sie nimmt sich alles, ohne Rücksicht auf Verluste, stets auf der Suche nach dem Stückchen Glück: Seit dieser Woche ist Madame Bovary im Marstall zu sehen.

Hätte Emma Bovary (Sophie von Kessel) einen ordentlichen Psychotherapeuten gehabt, so hätte der ihr höchstwahrscheinlich eine manische Depression diagnostiziert. So aber fristet sie, unverstanden von Mann und Familie, ein einsames Dasein. Warum sie denn immer so traurig sei, will ihr Gatte Charles (René Dumont) wissen, es fehle ihr doch an nichts. Und tatsächlich, Materielles ist genug da. Emma scheut auch nicht davor, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Ihr Ehemann ist Arzt, eigentlich mehr ein Viehdoktor, er behandelt aber auch die feine Gesellschaft der Gegend. Zumindest so lange, bis er eine Operation verhunzt und kurz vor dem Ruin steht.

Sophie von Kessel, Bijan Zamani. (c) Thomas Dashuber

Sophie von Kessel, Bijan Zamani. (c) Thomas Dashuber

Um den tristen Charles schert sich Emma allerdings herzlich wenig. So versinkt in ihrem Selbstmitleid, weint viel, hat Atemnot. Zwischendurch kauft sie beim zuvorkommenden Monsieur Lheureux (Wolfram Rupperti) ein, auf Rechnung, versteht sich. Hätte diese Frau nicht so ein dramatisches emotionales Innenleben, könnte man meinen, bei einer neuen Folge Sex and the City zuzuschauen. Schwer vorstellbar, dass die Basis dieses Stücks, der Roman von Gustave Flaubert, bereits 1856 erschien.

Irgendwann beschränkt Emma sich nicht mehr nur aufs Shopping. Sie sucht sich Liebhaber, eingenommen von der Vorstellung, endlich mit Leidenschaft erfüllt zu werden. Anfangs scheint das auch zu funktionieren: Rodolphe Boulanger (Bijan Zamani) ist passionstechnisch optimal ausgestattet, er vergöttert sie geradezu. Aber Emma will mehr. „Entführen“ soll Rodolphe sie, weg von Charles, weg von ihrem (nicht auf der Bühne zu sehenden) Kind, hin zu einem Leben, wie sie es sich vorstellt.
Rodolphe kneift. Einen Brief hinterlässt er ihr noch, dann ist sie wieder allein. Und der ach so nette Monsieur Lheureux möchte auch endlich sein Geld haben, mit Zinsen und sofort. Niemand kann oder will ihr einen Kredit geben, die Schwiegermutter (Gabriele Dossi) will sie nicht mehr im Haus haben, selbst Charles wendet sich von ihr ab.

Es kommt, wie es kommen muss – der tragische Selbstmord der weiblichen Hauptfigur, tausendmal gesehen. Emma stiehlt Arsen aus dem Schrank des Hausapothekers Monsieur Homais (Thomas Gräßle) und findet ihre blutige Erlösung.

Dennoch ist diese Inszenierung von Mateja Koležnik ganz anders als das klassische Gesellschaftsroman-Geschwurbel von Fontane und Co. Hauptsächlich dürfte das an einer exzellenten Sophie von Kessel liegen, die Emmas Facetten der Verzweiflung so authentisch und einfühlsam verkörpert, wie es kaum eine andere Schauspielerin am Staatsschauspiel könnte. Zudem hat Henrik Ahr eine Bühne zusammengezimmert, die neue Möglichkeiten der räumlichen Gestaltung ermöglicht.

(c) Thomas Dashuber

(c) Thomas Dashuber

Das drehbare obere Element gibt die Sicht auf einen Raum unter der eigentlichen Bühne frei, aus dem die Schauspieler heraussteigen und in den sie wieder hinabkraxeln. Schlichtes, weißes Design fügt sich unaufdringlich in das Regiekonzept, während sich alles um Emma dreht – bis sie das Gleichgewicht verliert.

Viel Applaus für eine stille, dennoch kraftvolle Inszenierung mit einer herausragenden Hauptdarstellerin.

 

Weitere Vorstellungen am 07. und 17. Dezember. Karten ab 8 Euro
Informationen und Spielplan unter www.residenztheater.de

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