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Wie ich verlernte, Fleisch zu essen

Josephine Musil-Gutsch

Schreibt am allerliebsten ausschließlich über das, was ihr wirklich am Herzen liegt.
Josephine Musil-Gutsch

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Ein Bekenntnis

Ich liebe Fleisch. Ich liebe Grillwürstl, esse jede Woche Döner und mein Lieblingsgericht sind Fleischpflanzerl. Für mich sind Vegetarier und Veganer Genussverweigerer. Wann immer ich einen Vegetarier treffe, bin ich auf Krawall gebürstet. Auf meine provokanten Fragen erhalte ich meist nur Herumgedruckse und ein „Weil mir die Tiere so leid tun“. Das kann ich nur spöttisch abtun. Tiere sind dazu da, gegessen zu werden. Ihre Bestimmung ist es, Backhendl, Schweinebraten und Steak auf meinem Teller zu sein. So war es mein Leben lang.

Der Norden Deutschlands, die Ostsee, ein Naturschutzgebiet. Ich besuche Lena, eine Freundin, die für den Naturschutzbund arbeitet. Vor uns auf dem Tisch stehen vegane, gluten- und gentechnikfreie Bioprodukte – und Speck, den sie für mich gekauft hat. Lena isst vegetarisch, ich bin ignorant und stolz darauf. Lena hat Filme wie „We Feed the World“ und „Food, Inc.“ und das Buch „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer förmlich aufgesaugt, sie kennt sich aus. Natürlich habe ich auch Tierkadaver in Schlachtereien und Hühner in Legebatterien gesehen, aber
deswegen Vegetarier werden? Halte ich für übertrieben. „Was glaubst du, wie lange lebt ein Masthuhn?“, fragt Lena mich. Ich zucke die Achseln.
„Ein paar Jahre?“ „37 Tage. Sie sind so überzüchtet, dass sie nicht laufen können.“ Ich bin angeekelt. Sie fängt an, mir von Hühnern zu erzählen. Auf engstem Raum, zusammengepfercht, tot, platt getrampelt. Ihre Argumente sind vielschichtig und sie kann sie belegen. Sie macht mir klar, was ich nie wahrhaben wollte: Fleisch essen schadet. Und: Vegetarier haben recht. Ich kann nicht gegen sie argumentieren. „Was ist denn mit gutem Fleisch aus artgerechter Tierhaltung?“, frage ich sie. Ich bin naiv, wenn ich an eine Kuh denke. Für mich steht sie auf einer Wiese und frisst ihr Gras, bis sie bereit ist zu sterben, irgendwann tut sie das sowieso. Danach kommt sie für 7,80 Euro auf meinen Teller. Lena schüttelt den Kopf.
Es gibt kein „glückliches“ Fleisch. 99 Prozent des Fleisches, das wir essen, stammt aus Massentierhaltung. Eigentlich hätte ich das wissen müssen. Fleisch ist omnipräsent, dazu lächerlich billig, das riecht doch nach möglichst effizienter, billiger und deshalb grausamer Verarbeitung. Es ist einfacher, kein Fleisch zu essen, als gut produziertes Fleisch zu finden.

Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung trägt 40 Prozent mehr zur globalen Erwärmung bei als der gesamte Transportverkehr weltweit –
sie ist die Ursache Nummer eins für den Klimawandel.

„Man kann heutzutage kein vollkommener Gutmensch sein, aber man kann
das Schlechte ein wenig eindämmen“, sagt Lena. Für mich heißt das, weniger Fleisch zu essen. Ich fasse einen Entschluss: Ich werde es versuchen.

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Ich lese „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer – die Vegetarier-Bibel: Ich verspüre Stolz, Scham und Wehmut. Mir wird bewusst: Ich hatte bisher alle Gewissensbisse unterdrückt und umso lauter meine Lustauf Fleisch herausposaunt. Wehmütig winkt mein fleischverwöhntes Ich dem Burger und der Currywurst nach. Mir ist klar, dass ich in diesem Moment mein altes Essverhalten über Bord werfe.

„Wenn man uns anbietet, uns einen
Film darüber zu zeigen, woher
unser Fleisch kommt, wissen
wir, dass es ein Horrorfilm
sein wird.“
(Foer in „Tiere essen“)

Ich sehe alle Filme, die ich finden kann, hintereinander an einem Tag an. Fakten prasseln auf mich ein. 83 Prozent des Hühnerfleisches sind zum Kaufzeitpunkt mit Bakterien wie Salmonellen infiziert. An den meisten geschlachteten Tieren sind Fäkalienspuren. In den USA werden pro Jahr 1,4 Millionen Kilo Antibiotika an Menschen ausgegeben, aber acht Millionen Kilo an Tiere. Fast ein Drittel der Landoberfläche unseres Planeten
wird für Viehzucht genutzt. „Seit Bestehen der Menschheit hat es kein derartiges Maß an Tierquälerei gegeben, sowohl quantitativ
wie qualitativ, wie heute“, sagt ein Geflügelexperte in die Kamera. Fleisch essen ist ein größeres Thema, als ich dachte. Es geht nicht nur um Tiere. An jedem Aspekt der Fleischproduktion hängt ein Rattenschwanz negativer Folgen. Alle führen sie zu fünf der größten Probleme der Menschen: gesundheitliche Risiken, Hunger in der Dritten Welt, Klimawandel, Artensterben, Wasserverschwendung. Ein Beispiel: Aufgrund von Massentierhaltung wird zu viel produziert. Daraus folgt der Export von Fleisch in die Dritte Welt, wobei Exportsubventionen die Fleischpreise auf dem Weltmarkt senken. Das billige Fleisch zerstört örtliche Märkte, Fleischverkäufer verlieren ihre Lebensgrundlage. Die Konsequenz:
Hunger. Und Familien, die keine wirtschaftliche Grundlage haben und ihre Kinder nicht ernähren können. Eine von vielen Ursachen, weshalb alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger stirbt. Diese Sprüche klingen so plakativ und anstrengend nach Weltverbesserer, dass ich, bevor ich sie in Zusammenhang mit Fleisch gebracht habe, immer nur genervt abgewunken habe. Jetzt weiß ich, dass ich der Konsument bin, der
mitverantwortlich ist. Es beschleicht mich ein Gefühl von Schuld. Aber wir schneiden uns auch ins eigene Fleisch. Hoher Fleischkonsum begünstigt nach Expertenmeinung Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Natürlich ist Massentierhaltung auch schlecht für die Tiere: Wenn sie nicht artgerecht gehalten werden, tendieren sie zu Kannibalismus und Stress, sie erleiden Verletzungen oder werden krank. Medikamente werden eingesetzt, meist schon bevor das Tier überhaupt krank ist. Mit unseren Lebensmitteln verspeisen wir immer mehr Medikamentenrückstände, mahnen Kritiker.
Sowohl Tiere als auch Menschen entwickeln Antibiotika-Resistenzen, wodurch es zu Seuchen kommen kann.

Nach meiner Recherche fühle ich
mich, als hätte ich eines der größten
globalen Verbrechen aufgedeckt,
bei dem jeder fröhlich mitmacht. Fleisch essen.

Ich will Verantwortung übernehmen und nicht weiter der Fleisch- und Pharmaindustrie helfen, ihre Gewinne zu maximieren. Auf einmal werden mir die gleichen Fragen gestellt wie anderen Vegetariern. Ich finde mich in der Rolle der Herumdrucksenden wieder. Fleisch essen, beziehungsweise es nicht zu tun, ist ein großes Thema. Ich könnte ausholen, weiß aber nur zu gut, dass es keinen Sinn hat, wenn jemand es eigentlich nicht hören will. Außerdem will ich mich für diese persönliche Entscheidung nicht wieder und wieder rechtfertigen müssen.
Um mich in der fleischlosen Community umzuschauen, gehe ich zum „Green Tunes Festival“, einem Festival, das von den Münchner Grünen organisiert wurde, „für einen besseren Umgang mit den Tieren und Ressourcen unserer Welt“. Das Festival ist schlecht besucht, man kann Kräuter in Pappbechern anpflanzen und es gibt veganen Döner zu kaufen. Die Vegetarier, Veganer und Tierschützer sehen alle aus, als wollten sie
die Welt verbessern und das ist auch gut so. Leider sehen sie auch so aus, als würde das nicht wirklich Spaß machen. Für mich gibt es allerdings nichts Nervigeres, als Vegetarier, die ihr Gutmenschentum anderen aufzudrängen versuchen. Ich versuche die Welt nicht noch mehr zu verschlechtern, weniger ignorant zu sein und mein Gewissen mit meinem Handeln zu vereinbaren. Aber ich muss niemanden missionieren. Essen ist ein großer Teil des Lebens, man macht es dreimal am Tag. Eine solche Einstellung wie meine muss gewollt sein. Wer anfängt, kein Fleisch mehr zu essen, wird feststellen, dass das nicht einfach ist. Es kann vorkommen, dass im leckeren Thaicurry ein wenig Huhn war oder dass ich zum Essen eingeladen bin und es nur Lasagne Bolognese gibt. Allerdings achte ich darauf, dass meine Ernährung fleischfrei ist und bleibt. Natürlich zwingt mich der Geruch von Grillfleisch an warmen Sommerabenden beinahe in die Knie, aber ich esse keine Wurst, ich esse gegrillte Zucchini. Denn um es mit Lenas Worten auszudrücken: „Ich fühle mich besser, wenn ich es nicht esse, als wenn ich es esse.“

Josephine Musil-Gutsch, 20, Komparatistik- und Geschichtsstudentin, ist während der Arbeit an dieser mucs-Ausgabe Vegetarierin geworden.

Deutsche essen in ihrem Leben 1094 Tiere: vier Kühe und Kälber, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner.
Fakten

MVHS-Vortrag
„Viel zu viel Vieh!“
Wie unsere Fleischeslust das Klima und die Sicherung der
Welternährung bedroht. Mit Spezialist für nachhaltige
Ernährung Karl von Koerber. 15.10.2012 / Gasteig /
Rosenheimer Str. 5 / 18 – 20 Uhr / Eintritt frei

MVHS-Film
We feed the World
Der österreichisch Regisseur Erwin Wagenhofer verfolgt
die Wege unseres Essens . 13.12.2012 / Gasteig / Rosenheimer
Str. 5 / 20 Uhr / Eintritt frei

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