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Wieder nur Weltpremieren: 3 Empfehlungen zur Jubiläumsausgabe der Münchener Biennale
Die Münchener Biennale wird 2026 zum Labor der Zukunft: Zehn Uraufführungen, internationale Künstler*innen und radikale Ideen treffen in München aufeinander. Zum 20. Jubiläum zeigt das Festival, wie Musiktheater heute klingen, aussehen und wirken kann mit Produktionen, die uns sinnliche, politische und ästhetische Expeditionen in neue Klangwelten bieten.

Premiere auch für die neue Leitung der Münchener Biennale: Katrin Beck (li.) und Manuela Kerer (re.), Foto: Astrid Ackermann
Wenn sich im Mai 2026 die internationale Szene des zeitgenössischen Musiktheaters in München versammelt, steht ein besonderes Jubiläum an: Die Münchener Biennale feiert ihre 20. Ausgabe. Seit ihrer Gründung gilt sie als weltweit einziges Festival, das sich ausschließlich Uraufführungen im neuen Musiktheater widmet – und damit als Seismograf für künstlerische Entwicklungen der Gegenwart.
Zehn Produktionen bilden in diesem Jahr das Programm. Sie eint ein gemeinsamer Anspruch: die Auseinandersetzung mit einer komplexen, widersprüchlichen Welt. Die eingeladenen Komponist*innen entwickeln gemeinsam mit ihren Teams Arbeiten, die Wahrnehmung verschieben, gesellschaftliche Fragen verhandeln und neue Formen des Erzählens erproben. Es entstehen Räume, in denen Klang, Körper, Bild und Technologie ineinander greifen.
Das künstlerische Leitungsteam, bestehend aus Katrin Beck und Manuela Kerer, beschreibt die eigene Aufgabe so: „Es geht darum, Orte zu schaffen, an denen Begegnung möglich wird – zwischen Kunstformen, Perspektiven und Menschen.“ Unterstützt werden sie von einem Netzwerk internationaler und lokaler Partner, das neue Zugänge zum Musiktheater eröffnet und gezielt auch ein neugieriges Publikum anspricht.
Neben den Produktionen umfasst das Festival Installationen, Interventionen im Stadtraum, Workshops sowie erstmals auch Angebote für Kinder. Die Biennale versteht sich damit nicht nur als Aufführungsort, sondern als Plattform für Austausch und Entdeckung.
Zwischen Ahnen, Identität und Klang: „Isithunzi“
Eine der zentralen Produktionen des Festivals ist „Isithunzi“ von Komponist*in Monthati Masebe. Der Titel stammt aus dem Zulu und bedeutet „Würde“, kann aber auch als „Geist des Todes und der Erneuerung“ gelesen werden. Im Zentrum steht die Idee, dass jeder Mensch mit seinen Vorfahren und einer universellen Energie verbunden ist.
Auf Grundlage eines Textes der Autorin Shanice Ndlovu entfaltet sich die Geschichte von drei Figuren, die sich auf die Suche nach ihrer Herkunft und Identität begeben. Dabei verschränkt die Inszenierung kulturelle Perspektiven und musikalische Traditionen: Westliche Instrumente treffen auf südafrikanische Spieltechniken, elektronische Klangwelten verbinden sich mit performativen Elementen.
Masebe steht selbst auf der Bühne und wird Teil des musikalischen Geschehens. „Isithunzi“ wird so zu einer vielschichtigen Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und zu einer Reflexion über kulturelle Zugehörigkeit in einer globalisierten Welt.
Besonders interessant ist auch die Mitwirkung der Münchner Künstlerin Mariella Maier, auf deren Bühnenbild wir uns freuen können. Hierfür wird sie mit organischen Materialien experimentieren, um einen prozessualen Raum darzustellen, der sich während des Stückes von abstrakt in konkret verwandelt.
“Besonders an dem Stück ist für mich, dass ich in einen anderen Kulturkreis und eine andere Art des Denkens eintauchen durfte,” sagt Mariella Maier. “Außerdem interessiert mich der Clash zwischen der klassischen Oper des Westens und der Afrikanischen Oper, die gleichzeitig eine Performance ist und Instrumente integriert, die im klassischen Kanon nicht vorgesehen sind.”

Komponist Monthati Masebe / Foto: Kagiso Mluleki Sithole
Mythos und Erinnerung: „Xochiyaoyotl“
Mit „Xochiyaoyotl“ widmet sich eine weitere Produktion einem historischen und zugleich imaginären Raum. Der Titel bedeutet „Blumenkriege“ und verweist auf rituelle Kampfpraktiken der Azteken, die im Zuge der spanischen Eroberung verschwanden.
Das Künstlertrio David Camargo, Amauta García und Maximiliano Soto Mayorga entwickelt daraus ein Musiktheater, das sich zwischen Mythos und Rekonstruktion bewegt. Ausgangspunkt ist die Vorstellung einer Welt, in der Menschen ihre Götter durch Opfer am Leben erhalten – ein Gedanke, der existenzielle Fragen nach Glauben, Gewalt und Gemeinschaft aufwirft.
Die Inszenierung verzichtet bewusst auf eine klassische narrative Struktur. Stattdessen entstehen Klang und Bewegung aus der physischen Präsenz der Performer*innen: Körper in kämpfenden Posen werden zu Trägern von Musik, Raum und Bedeutung.
„Xochiyaoyotl“ wurde im Rahmen eines internationalen Open Calls aus 85 Einreichungen ausgewählt und von einer hochkarätig besetzten Jury ausgezeichnet. Die Uraufführung wird zudem weltweit als Livestream zugänglich gemacht – ein Zeichen für die wachsende digitale Öffnung des Festivals.

Keramik aus dem Stück Xochiyaoyotl / Foto: Amauta Garcia
Zwischen Geistergeschichte und KI: „crypt_“
Einen völlig anderen Zugang wählt „crypt_“ von Komponist Yuri Umemoto. Die Produktion bewegt sich an der Schnittstelle von Oper, japanischer Erzähltradition, Anime-Ästhetik und künstlicher Intelligenz.
Im Mittelpunkt steht ein Komponist, der nach „mehr“ strebt – mehr Erfolg, mehr Anerkennung, mehr Leben. Seine Begegnung mit drei geisterhaften Adligen zwingt ihn jedoch, seine eigenen Wünsche zu hinterfragen. Konfrontiert mit Themen wie Glaube, Herkunft und familiären Bindungen entsteht ein vielschichtiges Porträt künstlerischer Identität.
Die Erzählung greift Motive der klassischen japanischen Geistergeschichte „Hoichi the Earless“ auf und transformiert sie in ein zeitgenössisches Musiktheaterformat. Visuelle Elemente im Anime-Stil treffen auf elektronische Klänge und klassische Gesangstechniken.
„crypt_“ zeigt exemplarisch, wie die Münchener Biennale traditionelle Stoffe mit aktuellen Technologien verbindet und daraus neue ästhetische Formen entwickelt.

Anime / Illustration: Kanji Okai
Musiktheater als Resonanzraum der Gegenwart
“An der Biennale ist für mich besonders, dass sie experimentelle Formate zulässt und Künstler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenbringt,” sagt Künstlerin Mariella Maier.
Die ausgewählten Produktionen machen deutlich, wie breit das Spektrum des Festivals angelegt ist: von kulturellen Identitätsfragen über historische Rekonstruktionen bis hin zu technologischen Visionen. Dabei geht es nicht um fertige Antworten, sondern um Prozesse des Fragens und Suchens.
Die Münchener Biennale positioniert sich damit als Ort, an dem gesellschaftliche Themen nicht nur verhandelt, sondern sinnlich erfahrbar werden.
Musiktheater wird hier zum Resonanzraum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinander treffen und neue Denkweisen entstehen können.
Gerade im Jubiläumsjahr wird dieser Anspruch besonders sichtbar. Die Uraufführungen und das begleitende Programm sind Ausdruck eines künstlerischen Selbstverständnisses, das Mut zum Experiment mit einer klaren Haltung verbindet: Kunst soll berühren und zum Dialog anregen. Und alle sind herzlich eingeladen, sich dementsprechend berühren zu lassen und sich in die Gespräche einzubringen, oder auch einfach nur Musiktheater in München zu genießen.
Auf einen Blick:
Was: Münchener Biennale – Festival für neues Musiktheater
Wann: 8. bis 20. Mai 2026
Wo: München, verschiedene Spielorte
Programm: 10 Uraufführungen, Installationen, Workshops, Stadtraum-Projekte, Angebote für Kinder