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Zigarette, Bubikopf, Boxring: Wie das Lenbachhaus die Weimarer Republik neu erzählt
Eine Frau mit Bubikopf zündet sich eine Zigarette an. Ein Mann sitzt vor einem Radio und versucht, Sender aus dem Ausland zu empfangen. Auf einer Baustelle wachsen neue Wohnungen in den Himmel Münchens. Die Weimarer Republik erscheint oft entweder als schillernde Partynacht oder als düsteres Vorspiel ihres eigenen Untergangs. Die Ausstellung „Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik“ im Lenbachhaus sucht andere Wege in eine oft verklärte Epoche.
“Wir wollten die Zeit selbst zum Sprechen bringen” sagt Adrian Djukić, Bibliothekar im Münchner Lenbachhaus. Deshalb gibt es in der Ausstellung etwa keine erklärenden Museumstexte an den Wänden, wie man sie gemeinhin kennt. Das Textmaterial besteht ausschließlich aus Zitaten aus der Ära.
Viele bedeutende Werke aus der Weimarer Republik befinden sich bereits in der Sammlung des Lenbachhauses (eröffnet 1929 als städtische Galerie). “Die wollten wir wieder einmal zeigen”, so Djukić. Weitere Leihgaben kamen von einer Privatsammlung, der Berlinischen Galerie und dem derzeit geschlossenen Münchner Stadtmuseum hinzu.
Zwei “Sackgassen” wollte das Kurator*innen-Team (Karin Althaus, Adrian Djukić und Matthias Mühling) dabei vermeiden: Einerseits, nur die unterhaltenden Aspekte der Weimarer Republik aufzufächern – das Nachtleben, den Tanz und die Revuen. Andererseits, sie lediglich von ihrem bitteren Ende her zu verstehen.

“Das verstellt den Blick auf viele tolle Erfindungen und Errungenschaften”, so Djukić. Davon gibt es zahlreiche Motive in der Ausstellung: Das Radio bringt die Öffentlichkeit ins Wohnzimmer, Zigaretten werden zum emanzipatorischen Accessoire für Frauen und der Boxsport zu einem Massenphänomen, das auch in der Kunst nachhallt.
Es ist die Zeit der “Neuen Sachlichkeit”
“Kleine, konkrete Geschichten” sind also repräsentiert, keine überfrachtete Geschichtsdeutung. Das passt zum Understatement der zeitgenössischen Kunst: Vertreter*innen der “Neuen Sachlichkeit” blickten in den 1920ern mit kühler Präzision auf die Gesellschaft der Weimarer Republik — zwischen Großstadtglanz, politischer Unsicherheit und sozialer Realität. Sie tauschten expressionistische Gefühle gegen einen scharfen, oft schonungslosen Blick auf den Alltag.
Neben klassischer Malerei erleben die Besucher*innen auch Zeichnungen, Skulpturen (prominent etwa die von Jahrhundert-Boxer Max Schmeling), Fotografie, Film, Zeitschriften, Musik, Hörspiele, Bücher und ein Puppentheater.
Und was nicht alles neu und aufregend war: Erste Fernsehbilder flimmern über den Äther, das Kino gibt es jetzt auch mit Ton, Schallplatten erzeugen bessere Soundqualität als Schellack und findige Tüftler (oft in Arbeiter-Vereinen organisiert) basteln ihre eigenen Empfangsgeräte. Die Großstädte sind im Bann des Jazz, obwohl man anfangs noch nicht mal so wirklich eine Ahnung hat, wie der eigentlich zu klingen hat. Was sich dann – Schallplatten sei Dank – doch bald ändert.
Dialoge wie ein Kinnhaken
Auch bestehende künstlerische Ausdrucksformen ändern sich unter diesen Eindrücken. Bertolt Brecht etwa versucht sich an Theater-Dialogen, die wuchtig sein sollen wie ein Kinnhaken im Boxring (Rudolf Schlichters berühmtes Portrait von Brecht – zigarrerauchend in Lederjacke gekleidet – ist Teil der Ausstellung). Nutzer neuer Medien werden wiederum zu Motiven für Maler: etwa der konzentrierte, weltabgewandte “Radiohörer” samt Kopfhörer von Max Radler.

Rudolf Schlichter, Bertolt Brecht, um 1926, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © Viola Roehr v. Alvensleben, München
In Großstadtmilieus verwirklichen sich Ideen von Emanzipation und Freiheit. Frauen gehen jetzt auch alleine feiern, – bisweilen schlafen sie sogar miteinander. Schließlich verdienen sie in den neuen Angestelltenberufen (zum Beispiel als Telefonistinnen oder Stenotypistinnen) eigenes Geld. Berlin wird zu einer Metropole amouröser Toleranz – ein Ruf, dem lesbische, schwule, queere Menschen aus ganz Europa folgen.
Zwei Fotografien von August Sander zeigen Motive solcher moderner Frauen. Helene Abelen hat etwas Dandyhaftes und Androgynes – ganz in weiß und nur mit schwarzer Krawatte gekleidet, die Haare nach hinten gekämmt, posiert sie als sogenannte “Frau eines Malers”. Eher wirkt sie aber wie ein vergessenes fünftes Kraftwerk-Mitglied – Jahrzehnte bevor es die Band überhaupt gab.
Die “Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln” wiederum trägt ein Bubikopf-Frisur und blickt mysteriös-kühl in die Kamera. Bei beiden darf nicht fehlen: Der Glimmstängel. Sowas wie die “Zigarre für den Arbeiter” (oder die Arbeiterin) in den 1920er Jahren.
© Die Photographische Sammlung, SK-Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln: bei der VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ein Lieblingsbild
Fragt man Mit-Kurator Adrian Djukić nach einem Lieblingsbild aus “Ferngespräch”, so nennt er Käte Hochs “Neubau” (1927). Es zeigt eine Stadt – vermutlich München – während des Baubooms in den 1920er Jahren.
Zu sehen: eine Baustelle. “Sie kommt aber sehr lebendig rüber – gar nicht wie eine Immobilie oder ein totes Objekt.” Damals entstehen sehr schnell sehr viele Wohnungen in deutschen Großstädten aufgrund des Wohnungsmangels, der seit dem Weltkrieg herrscht.
“Auf dem Bauzaun sind außerdem jede Menge Plakate für Veranstaltungen”. Die Verheißungen des Urbanen: Sie deuten sich hier an. Das Bild sei sehr aussagekräftig für die Zeit, so Djukić. Und es zeigt: Es gab nicht nur Bauhaus in den 20er Jahren. Für die Masse waren die zukunftsträchtigen Ideen von Walter Gropius und Konsorten dann manchmal doch nicht kompatibel oder – ganz einfach – nicht günstig genug.

Käte Hoch, Neubau, 1927, Öl auf Leinwand, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Eine interessante Figur ist Käte Hoch ohnehin: Sie hat sich für die Ausbildung von Künstlerinnen stark gemacht (Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Frauen erst allmählich an öffentlichen Kunsthochschulen angenommen) und auch selbst unterrichtet. Auch gegen den aufkommenden Nationalsozialismus engagiert sie sich in München – verteilt etwa Flugblätter in der Stadt.
Sie werden verbunden
Oft spricht man von den “goldenen Zwanzigern”. Der Blick auf die Exponate im Lenbachhaus zeigt vielmehr eine ambivalente Ära. Den kulturellen Errungenschaften stehen ökonomische Krisen entgegen. Für ein schönes Kleid und kurze Vergnügungen reicht es zeitweise bei vielen – für das Bauhaus-Eigenheim dann doch eher bei wenigen. Die Besitzverhältnisse zementieren sich mehr, als dass sie sich – wie von vielen sozialistischen Künstler*innen erhofft – auflösen.
Die Weimarer Republik war gleichzeitig experimentell und instabil. Im Lenbachhaus spricht sie für einen Moment wieder zu uns.
In aller Kürze:
Was? Ausstellung: “Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik”
Wo? Lenbachhaus, Luisenstraße 33, 80333 München (Haltestelle Königsplatz)
Wann? 12. Mai bis 27. September 2026
Oder hier in den Podcast zur Ausstellung hören:
Bild 1, 2 und 6: Ausstellungsansicht, Ein Ferngespräch. Szenen aus der Weimarer Republik, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, 2026. Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus
Historische Fotografien von August Sander – beide: © Die Photographische Sammlung, SK-Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln: bei der VG Bild-Kunst, Bonn 2026


