Kinogucken

Im Zwiegespräch mit einer Möwe

Sein Schiff kentert auf hoher See. Alles bricht zusammen. Überall um ihn herum ertrinkt die Besatzung. Erfriert in der eisigen Kälte des Atlantischen Ozeans. Versucht verzweifelt zum schon versunkenen Rumpf zu tauchen, um Freunde und Familie zu retten. Mittendrin klammert sich Gulli an ein Brett. Und beginnt zu schwimmen. In Richtung der meilenweit entfernten Küste.

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Der Isländer Baltasar Kormákur stellt diese beeindruckende Sequenz gleich so ziemlich an den Anfang seines auf einer wahren Begebenheit basierenden Films The Deep. Kaum hat er seine wortkargen isländischen Fischer eingeführt, schon schickt er sie mitsamt ihres Schiffs in den eiskalten Abgrund. Naturalistisch und in James Cameron-Manie(r) ganz ohne Spezialeffekte. Land und See in ihrer ewigen Nacht so düster und authentisch inszeniert, dass man schon vom Zuschauen seekrank wird.

All das ist stark gefilmt und visuell mitreißend – muss es auch sein, denn Gulli ist kein Held, sondern ein gewöhnlicher, etwas übergewichtiger junger Mann aus einem normalen isländischen Fischerdorf. Auf seinem sechs Stunden langen Weg durchs eisige Wasser sinniert er – im Zwiegespräch mit einer Möwe – über alltägliche Dinge, die womöglich im Angesicht des Todes jedem von uns in den Kopf kämen. Er erinnert sich, dass er noch Schulden zu bezahlen hat und fragt sich, warum er sich nie getraut hat, das Mädchen, in das er verliebt ist, anzusprechen.

Dass Gulli trotz seines übermenschlichen Überlebenskampfes nicht heroisch verklärt wird, verleiht Kormákurs Drama eine Authenzität, die vielen der „wahren Geschichten“ im Kino abgeht. Leider hat The Deep durch diesen realistischen Grundton aber auch mit dem „Cast Away“-Problem zu kämpfen. Wie soll das Leben danach nur irgendwie so spannend sein wie der existenzialistische Kampf gegen die Naturgewalten?

Zumindest in einem Spielfilm ist es das nun mal eher nicht. Nach einer Stunde ist der emotionale Höhepunkt vorbei, was folgt wirkt wie ein (zu) langer Epilog, der Film flaut ab. Reduziert auf uns Jedermann-Menschen gab’s halt wohl, ohne die Kraft der Natur, nicht mehr viel zu sagen.

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(„The Deep“ lief gestern an und ist im Moment jeden Tag um 21:15 Uhr im Monopol-Kino zu sehen, dienstags in der isländischen Originalfassung.)

Thomas Empl

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, selten auch mal Theater. Liebt München, beste Stadt der Welt.
Thomas Empl
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