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Kinoküche #2: Mit der Co-Autorin von „Einmal bitte alles“!

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, hin und wieder auch mal Theater. Als Münchner in Köln unterwandert er im Moment den Westen und arbeitet dort als Schriftsteller. Ist aber trotzdem ständig in München, der besten Stadt der Welt.
Thomas Empl

Einmal bitte alles ist eine Komödie darüber, wie sich das Leben in München mit Mitte/Ende 20 anfühlt. Wenn man auf einmal nicht mehr so richtig jung ist. Die anderen erfolgreich oder wenigstens schwanger werden, aber man selbst kommt nicht vorwärts, mit dem was man liebt.

Das Drehbuch dieses wunderschönen, traurigen, einfühlsamen Films hat Madeleine Fricke zusammen mit Sina Flammang geschrieben. Einmal bitte alles ist ihr Kinofilmdebüt. Für die zweite Ausgabe unseres Mini-Podcasts gesellt sie sich zu Josy und Thomas in unsere Kinoküche und spricht übers Älterwerden, Verzweifeln … und Ankommen.

Einmal bitte alles läuft in München im Monopol-Kino sowie am 01. August bei Kino, Mond und Sterne im Westpark.

Der Trailer zum Film:

Wer das Gespräch mitlesen oder nur lesen will:

Thomas: Es geht um den Film Einmal bitte alles, der das Münchner Lebensgefühl mit Mitte/Ende 20 einfängt und dafür haben wir krasserweise die Co-Autorin dieses Films bei uns: die Madeleine!
Madeleine: Hallo.
T: Ich hab gelesen, dass ihr schon alle in dem Alter wart, als ihr den Film gemacht habt und dass ihr ein Gefühl von diesem Alter widerspiegeln wolltet.
M: Ja, auf jeden Fall.
T: Auch mit dem ursprünglichen Titel, wie war der, Generation Y?

M: Nee, der war nur Y. Why. Warum muss ich durch die ganze Scheiße durch?

06_EBA_Isi beichtet Lotte_copyright by filmschaft maas & füllmich GmbH
[zum finalen Titel:] M: Man geht generell ins Leben und sagt „Einmal bitte alles“, oder?
Josy: Ich glaube, man sagt das nicht, man kriegt es einfach.
T: Ich weiß gar nicht, ob sie [Isi, die Protagonistin] es gerne hätte, oder ob sie es halt einfach kriegt. Vorgesetzt. Sie kann gar nichts machen, außer sie kriegt halt einfach „Einmal bitte alles“.
M: Sie kriegt einmal bitte alles, aber nicht einmal bitte alles, was nur gut ist, sondern einmal alles, durch die Bank weg. Also ob sie es will oder nicht.
J: Was war denn die Inspiration fürs Drehbuch?
M: Da war ich noch gar nicht dabei, die hatten die Regisseurin Helena Hufnagel und meine Co-Autorin Sina Flammang. Die haben zusammen gearbeitet, so einen Nebenjob gehabt und hingen da dann immer ab und haben sich gefragt, wann sie jetzt endlich mal dran sind, wollten einfach mal mitspielen nach weißichnicht wie vielen Jahren Filmhochschule. Sie wollten genau dieses Gefühl, dieses Wasmachenwollen, mal die Chance bekommen, endlich etwas machen zu können und mitspielen zu können, in einen Film verpacken. Und dann bin ich dazu gekommen und hab mich da sehr wiedergefunden. Ich hatte das Gefühl, dass sie diese Geschichte für mich erfunden haben.

J: Für mich war es schon so nah dran, dass es fast schon schmerzhaft war, zu sehen.

Das war nicht nur „Ach lustig, da sind zwei Mädels in München und die fahren über dieselben Brücken wie ich“, sondern „Oh mein Gott, die haben dieselben Probleme, da geht es um dasselbe Freundschafts-Ding, das ich auch schon durchhatte“. Und dann liegen sie auch noch zusammen in genau der Bettwäsche, die ich hab, und schauen genau die Katzenvideos, die ich schau‘.
Man wünscht sich ja auch, dass es irgendwann wieder bergauf geht, und dann passiert das einfach nicht. Und viele haben auch gelacht, über die Absurditäten, die da passieren, aber so ist es einfach. Und irgendwann hatte ich gar nicht mehr Mitleid mit Isi, sondern dachte, „Man, du blöde Kuh“.
T: Warum würdest du sagen, „du blöde Kuh“?
J: Weil sie sich manche Probleme auch selber schafft. „Musst du dir schon früher überlegen…“

M: Das muss man sich früher überlegen, aber manchmal tut man es einfach nicht, weil man so überfordert ist mit allem, mit sich, seinen Träumen, seiner Trauer, mit seinem Willen, alles hinzukriegen und seiner Wut gegen sich selbst, gegen die Welt und gegen andere, dass man es nicht hinkriegt. Und klar lachen da viele und es ist ja auch eine Komödie, aber es ist eine Komödie, die aus einer Melancholie heraus entsteht.

J: Ja. Ich glaube, für manche, die jetzt so ganz gesettlet sind in ihrem Leben und gerade in München, wo man sich oft keine Schludrigkeit leisten kann, so wie das oft ist für Leute, die TUM-BWL studieren und dann bei BMW anfangen, ist es lustig zu sehen. Und ich glaube aber, genau für die, die eben in diesem Film vorkommen, ist es nicht ganz so lustig. Weil sie sich denken „Whoa, mein Leben wird grad auf der Leinwand gezeigt, wie so ein schlechter Scherz“. Aber es ist tatsächlich so.
M: Ich glaube, das hat auch viel damit zu tun, ob man noch mittendrin ist oder ob man schon raus ist. Ich glaub jetzt nicht, dass da nur TUM-Leute drüber lachen.
Genau das ist der Grund, warum der Film in Berlin nicht funktionieren würde. Da ist es nicht so konzentriert wie hier. Hier sind wir alle jeden Tag konfrontiert mit diesen krassen Leuten, die ihre Karriere hinlegen und wir sind 24 und sind gefühlt noch ein Jahrzehnt von unserem Bachelor entfernt, während die schon 40 000 im Jahr verdienen.

08_EBA_Isi im Club_copyright by filmschaft maas & füllmich GmbH
J: Für mich war mit 14 „Die fetten Jahre sind vorbei“ so prägend und auch wenn ich natürlich nicht der radikale Linke [im Film] bin, habe ich mich aber da wiedergefunden. Weil es ein Lebensgefühl war, das ich angestrebt habe, aber gar nicht hatte. Hier war es aber ein Lebensgefühl, was genau den Nagel auf den Kopf trifft.

T: Ich finde, der Nagel, der da auf den Kopf getroffen wurde, der hatte noch wochenlang Kopfschmerzen, weil er so hart getroffen wurde.

Ich hätte es davor gar nicht für möglich gehalten, dass es möglich ist, dieses Alter so einzufangen in ganz vielen Facetten. Es geht einem ja auch oft so, dass man irgendwelche YouTuber nicht kennt. Also ich hab zum Beispiel nicht gewusst, wer das im Film [PewDiePie] ist. Ich wusste bis vor zwei Wochen nicht, wer Bibi ist. Und ich wünschte, ich hätte es nie erfahren.
M: Unser kompletter Freundeskreis besteht aus Menschen, denen es irgendwann im Leben mal so ging. Also das sind auch viele echte Geschichten. Das wirklich realitätsnahe am Buch ist die Dramaturgie. Das hat viel damit zu tun, dass es keine Hollywood-klassische Drei-Akt-Struktur hat. Es geht da um einen Menschen, der nichts macht, aber viel machen will und sich so verstrickt.
T: Ich hatte erwartet, dass es viel mehr so Schema-mäßig ablaufen würde, weil du ja noch eine relativ junge Autorin bist und dann gleich so etwas Radikales zu machen, erwartet man vielleicht nicht unbedingt. Ich hab dann immer auf den dritten Akt gewartet, in dem sich alles zum Guten wendet. War das ein harter Kampf, diesen dritten Akt, der ja dann nur noch fünf Minuten geht, so weit nach hinten zu schieben? Habt ihr darüber diskutiert?
M: Wir haben da viel drüber diskutiert. Logo haben wir auch versucht, da eine mega-klassische Struktur hinzuhauen am Anfang, aber das hat einfach nicht gepasst. Das war nie aus der Figur raus.

J: Was war denn deine Lieblingsszene?
T: Ich mag es, als sie kein Geld abheben kann, den Papa anruft und er sie auch nicht versteht. Ich mag diese ganze nicht funktionierende Kommunikation zwischen ihr und ihren Eltern, die immer aneinander vorbeireden.
M: Ich mag auch die Szene sehr gerne, als sie ihre Kartons bringen [die Eltern haben ihr Kinderzimmer aufgelöst]. Weil das ist so ein Stich ins Herz, und gleichzeitig so logisch von allen Seiten aus. Und sie bleibt stark, sie versucht’s alleine. Das ist nochmal so ein Stoß, „krieg’s alleine hin!“
T: Und der Vater sagt „Ja, du stehst ja jetzt ganz gut auf deinen eigenen Beinen, du kriegst das ja hin“ und eigentlich schafft sie es grad überhaupt nicht. Das ist eigentlich viel besser, als wenn man eine Motivationsszene hätte, wo er ihr sagt: „Reiß dich zusammen, Mädchen“.
M:
Ja. Er sagt auch viele wahre Sachen, zum Beispiel: „Eigentlich bist du dafür überqualifiziert“ und „ich versteh nicht, warum die dich nicht übernehmen“. Das hat jeder von seinen Eltern schonmal gehört. „Warum bist du so schlecht bezahlt?“, „warum musst du dein viertes Praktikum machen?“. Da sind Sachen, die kennen die nicht.

T: Das sind wirklich wir. Diese ganzen Münchner Leute, die wir durch die Bubble, in der wir leben, kennen, die Kunst machen oder was Eigenes machen, auf jeden Fall das machen, was sie lieben und die einfach merken: Wenn man das macht, was man liebt, dauert es ganz schön lange, bis man irgendein Resultat sieht. Funktioniert der Film auch für, sagen wir mal, 50-jährige Chiropraktiker?
M: Wenn sie Kinder haben in unserem Alter, dann schon. Es gucken viele Ältere und viele Ältere mögen den Film auch und haben das Gefühl, dass sie ihre Kinder verstehen – zum ersten Mal. Weil es sehr schwierig zu verstehen ist als Außenstehender, was eigentlich das Problem ist.
Aber man ist so bei ihr, bei Isi, man spürt es die ganze Zeit mit und dadurch kann man es nachempfinden, dass ich hoffe, dass all diese Eltern, die den Film gucken, vielleicht nicht mehr so viel zweifeln. Sondern einfach mal akzeptieren, wie’s uns geht und ein bisschen mehr Verständnis zeigen.

T: Für mich ist ja der Schlüsselsatz „Ich mach ja so viel“, während Isi auf einer Brücke sitzt und raucht und eigentlich gar nicht so viel macht. Kanntest du jemanden, den du als Vorlage hattest oder wie hast du das gemacht, dass du eine doch sehr unterschiedliche Figur von dir so verstanden hast?
M: Es ist eine Kombination. Einmal kenne ich das schon in Teilen. Dass ich das schon kenne, dass ich vor lauter Überforderung Katzenvideos gucke. Das ist nicht, weil man keinen Bock hat, was zu tun, sondern weil man nicht mehr kann. Das ist Prokrastination.

Man putzt nicht, man guckt sich Katzenvideos an, man hängt auf Facebook rum, weil man Angst hat vor’m weißen Blatt. Es hat ganz viel mit Angst zu tun. Mit Angst, es nicht zu schaffen. Das kenne ich schon sehr stark.

Das sind auch meine Freunde. Auch nicht alle und auch nicht immer, und keiner von denen ist Isi. Aber alle zusammen sind Isi.

07_EBA_Isi mit Hitlerbart_copyright by filmschaft maas & füllmich GmbH
J: Ich finde die Namen auch wundervoll. Isi Jung, das ist super.
T: Und Lotte! Viel mehr Filmfiguren sollten Lotte heißen!
J: Lotte Schön! Das ist auch wundervoll.

[Zur Kunst im Film:] Für uns ist Musik wichtig, die Kunst und Literatur, lauter solche sinnstiftenden Produkte der Kultur sind in dem Film. Jeder von uns hat zu dem einem oder anderen Medium mehr Beziehung, das hat das alles ganz gut in sich aufgenommen.

[zum Fitzgerald-Hörbuch „Die Schönen und Verdammten“, das Isi im Film hört:] M: Wenn sich am Ende das erste Zitat wiederholt, dann will ich weinen. Vor Glück und Erleichterung und Wundenlecken.

J: Ganz praktisch gesehen, war’s ja eher Low Budget, oder?
M: Wir hatten eine Filmförderung von 200 000, nicht viel. Wir haben alle am Limit gearbeitet.
T:: Was man, finde ich, auch die ganze Zeit merkt, dass es ein Projekt aus Liebe war.

[zu München:] J: Oh man, allein dass die erste Einstellung auf sie zu sehen war, und ich wusste sofort, das ist das Kosmos! Es gibt schon auch andere schäbige Wände, wo der Putz abbröckelt in München, aber dass ich sofort wiedererkenne, wo der Putz wie abbröckelt, und das muss das Kosmos sein. Boah, das ist auch schon echt…
M: Nirgends gibt’s Bier so billig.
T: Ich hab auch die ganze Zeit meine Sitznachbarn angestoßen und ihnen gesagt, „Hey, das ist da, wo ich wohne!“. Ich hab auch so einen krassen Münchenpatriotismus gekriegt in dem Film. Das passt auch richtig gut, weil so viel Melancholisches passiert und gleichzeitig ist alles außenrum wahnsinnig schön.
M: Wir sind alle drei eigentlich keine Münchnerinnen. Ich bin aus Mannheim, Sina ist aus Ulm und Helena ist aus Bonn. Wir sind alle drei nach München gekommen.

Ihr seid ja aus München, deswegen wisst ihr’s wahrscheinlich nicht, aber es ist sehr schwer anzukommen in München.

Wir sind alle drei sehr heimataffin und man will ja dann auch ankommen und sich eine Stadt zueigen machen. Dafür haben wir alle ganz lange gekämpft und genau das München wollten wir zeigen.

T: Ich hab mir überlegt, dass der Film für mich eine Kerbe in meinem Zeitstrom ist. Weil, ich glaube, dass ich, wenn ich in zehn Jahren jemandem zeigen will, wie sich das damals angefühlt hat, dann kann ich genau auf diesem Zeitstrom nachfühlen, wo dieser Film war und kann mir diesen Film anschauen und weiß wieder genau, wie sich das angefühlt hat. Das ist krass, dass ihr es geschafft habt, so einen Moment irgendwo reinzuhauen.
01_EBA_Isi und Lotte im Bett_copyright by filmschaft maas & füllmich GmbH


Fotos: © Der Filmverleih, Copyright by filmschaft maas & füllmich GmbH und cocofilms GmbH

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