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Mucbook-Kinoküche #1: Terrence Malicks “Song to Song”

Thomas Empl

“Es wird immer schwieriger, über Terrence Malicks Filme zu schreiben”, setzte meine Filmkritik zu dessen letztem Werk Knight of Cups ein. Jetzt gibt es schon wieder einen neuen Malick: Im Alter ist der Mann, einer der größten Regisseure unserer Zeit (The Thin Red Line, The Tree of Life), wahnsinnig produktiv geworden – und immer unverständlicher. Song to Song (Kinostart: 25.05.17) ist eine Dreiecksliebesgeschichte in der Festivalszene Austins, voll von Malicks typischen Voice-Overn, Sonnenuntergängen und ausschweifenden Kamerafahrten. Um nicht redundant die letzte Kritik zu wiederholen, war es Zeit für etwas Neues. Zwei Mucbook-Autoren, Josy Musil-Gutsch und meine Wenigkeit, hocken wenige Minuten nach dem Abspann zusammen in der Küche und diskutieren einfach drauflos.

Hören kann man das hier:

 

Der Trailer zum Film:

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Wer mehr Zeit mitgebracht hat, der kann das komplette Gespräch auch nachlesen:

Josy: Wie fandest du den Film?
Thomas: Ich fand, es war der schönste Softporno der Welt.
J: Ich fand’s auch krass, wie oft sie über Dinge gestrichen haben ganz langsam mit ihren Fingern. Drei Stunden lang waren sie so „Aaaah, ein Baum“ oder…
T: Er hatte auch keine viel besser ausgearbeitete Handlung [als ein Softporno]. Sie ist ja zum Beispiel auch spazieren gegangen und hat dann eine gassigehende Frau getroffen und ist mit ihr nach Hause gegangen und daraufhin folgte dann die Lesbenszene. Es gab immer keine Motivation, warum irgendjemand irgendwas tut.
J: Am Ende hab ich dann schon gedacht, das hatte jetzt einen Sinn. Also zum Beispiel dass er und sie wieder zusammenkommen.
T: Spoiler.
J: Das dürfen wir nicht spoilern, oder?
T: Doch bei dem Film, klar. Der hat ja keine Handlung.
Mara L
J: Ich dachte immer, das wechselt sich so ab, dann kommt mal der eine, dann der andere, dann hat sie aber irgendwann in so einem Voice-Over gefragt: Who am I? und Whose am I? Das fand ich eigentlich ganz schön.
T: Ja, aber gleichzeitig wird doch nie erklärt, warum die sich trennen und wieder zusammenkommen.
J: Nee, es wird überhaupt nichts erklärt.

T: Die begegnen sich immer so und dann lächelt Ryan Gosling, dann machen alle Purzelbäume und tanzen umeinander rum, und langen sich gegenseitig an’ Bauchnabel und liegen so bisschen voll angezogen aufeinander drauf und dann sind sie wieder zusammen und es sagen irgendwelche Leute, sie passen nicht zusammen, dann sind sie doch nicht zusammen. Dazu sagen Leute irgendwas im Voice-Over.

J: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal mit nem anderen Menschen so lange einfach nur eine Gardine gestreichelt habe, so wie die das da machen. Also dieses stille sich gegenseitig die ganze Zeit Antatschen, dass das vielleicht sowas ist, wie so eine Innensicht von einer Beziehung, die man sonst, wenn man selbst in ‘ner Beziehung ist, nie so kriegt. Oder eine Draufsicht? Dass man sie immer so von oben gesehen hat, als würde ihnen eine Mutter / ein Vater zukucken.
T: Aber gleichzeitig erfährst du ja über die Emotionen rein gar nichts. Du hörst vielleicht mal, der Michael Fassbender der ist besitzergreifend, Ryan Gosling fragt, ob sie schonmal mit ihm geschlafen hat und daraufhin trennen sie sich. Das ist alles irgendwie sehr vage.

J: Die Frage ist, ob der Film emotional ist. Ich finde, er ist extrem emotional.

T: Ich finde nicht. Ich find, es ist jetzt schon der dritte Film in Folge von Terrence Malick, bei dem schöne, reiche Menschen durch schöne Landschaften bei schöner Kamera durch die Gegend laufen, und mir total egal sind. Und alle fünf Minuten kommt wieder ein schöner Mensch und ein schöner Schauspieler und hält ein bisschen seinen Bauchnabel in die Kamera…
J: Warum sind die eigentlich nicht mal n bisschen dick oder so?
T: Wenn er das jetzt das erste Mal gemacht hätte, würd ich sagen, cool, das ist einzigartig, aber ich würd gerne mal sehen, dass er einen Film über hässliche Menschen und in einer abgefuckten Detroit-Stadt macht.
J: Und auch mit dieser Ästhetik. Das wär doch viel stärker, weil das funktioniert doch extrem gut – es wär auch extrem deprimierend, zum Beispiel die Einstellung mit der alten Bettlerfrau, wäre die ein bisschen länger gegangen, hätte mich total fertig gemacht. Und wenn du so nen Film in dieser Intensität mit Hässlichkeit machst, funktioniert das zwar extrem gut, aber ich glaub, es haut dich halt um, so Salz der Erde – mäßig.
T: Wäre besser gewesen, wenn’s einen umgehauen hätte, weil mir war’s diesmal halt einfach total egal und ich hab zehnmal auf die Uhr geschaut, wann es endlich vorbei ist.

J: Das Ding ist halt, wenn man Ryan Gosling gern sehen will auf der Leinwand und nur das, was man bei den schnellen Romantic Comedies halt vermisst, dass er halt ewig mit dem Mädel rumknutscht, da siehst du mal richtig ausführlich, wie’s wäre, wenn Ryan Gosling dein Freund wär.

T: Sold.
Gosling Mara
J: UND was auch ziemlich sweet ist, dass Patti Smith sich selbst dort spielt. Patti Smith ist ja so bisschen mein favourite animal und dass sie so ein guardian ist, der Absolution erteilt, das fand ich gut.
T: Aber auch ihr gegenüber ist er [Malick] nicht so respektvoll. Auch als sie anfängt zu spielen und zu singen, kommt sofort wieder der nächste Schnitt. Er lässt sie da auch nicht richtig zuende singen. Weil er einfach zu sehr in seinem eigenen Schnitt-Ding drin ist.
J: Er gibt den Schauspielern halt keinen eigenen Raum, finde ich. Nur als Puppen, als Marionetten, die da halt rumtanzen.
T: Ja, jein, oder? Er läuft ja zum Beispiel mit seinen Schauspielern auch ganz viel rum über diese Festivals und da sind ganz viele Sachen drin, die man in einem normalen Film rausgeschnitten hätte. Und er lässt sie einfach improvisieren und rumtanzen und machen, was sie wollen. Deshalb ist es auch manchmal so anstrengend.
J: Ich glaube, das ist auch voll geil für die Schauspieler, oder?
T: Klar, die wollen ja alle mit dem arbeiten.
J: Und dass es mal nicht so hollywood-mäßig. Es ist ein schönes Portfolio für einen Schauspieler, oder? Schau, so seh ich aus und das sind meine Maße, so wehen meine Haare im Wind, wenn ihr die und die Einstellung habt. So ist der Film eigentlich. Und bei Ryan Gosling könnte ich mir sowas – also ich hätte mir den Film auch angeschaut, wenn ich wüsste, es passiert nichts, weil ich auch Ryan Goslings Portfolio 15 Stunden lang anschauen würde.
T: Ja…
J: RYAN GOSLING RYAN GOSLING RYAN GOSLING – Ryan Gosling.
T: Man muss in der Stimmung für diese ganze Schönheit sein. Jede einzelne Einstellung könnte man in ein Museum hängen oder an die Wand…
J: Ja, die Bilder sind extrem schön…

T: Aber ich finde, es ist ein bisschen, wie so ein Sandwich mit nix drinnen. Alles außen rum, das Brot und so, ist das beste Brot der Welt, superperfekt durchgebraten…

J: Also eigentlich ist es Brot, wenn du’s so sagst…
T: Supergroßartiges Brot, aber es ist überhaupt nix drin. Du beißt rein und bist total enttäuscht. Es sieht voll geil aus und es ist nichts drin.
J: Ja! Außer halt Ryan Gosling.
T: Auch die emotionalen Momente sind so verschwendet. Es wird mal ein Vater erwähnt, der ganz kurz auftaucht, eine Mutter, die Probleme hat, eine Mutter, die ihr Kind verloren hat-
J: Das hab ich schonmal gar nicht mitbekommen. Weil wenn du diese Voice Over, mit der extrem einschläfernden Stimme, zuhörst, da sind schon Details drin versteckt, aber wenn dir jemand die ganze Zeit ins Ohr flüstert…
T: Und die eigentlichen Dialoge sind extrem leiser gedreht. Die sind ihm ja scheißegal. Teilweise stimmen die nicht mal mit den Lippenbewegungen überein. Ich finde, dieser Regiestil kann super funktionieren wie bei The Tree of Life, weil er da auch noch wirklich was zu sagen hatte, aber hier überdeckt das alles, was irgendwie interessant sein könnte. Klar, du schaust dir nen Terrence Malick – Film an und du weißt, du kriegst ‚nen Terrence Malick-Film und keiner macht so Filme und das ist auch irgendwie cool, aber in dem Fall fehlt mir halt komplett die Substanz. Sind wir uns da einig?
J: Ja.
T: Ist ja langweilig, wenn wir uns beim Filmgespräch einig sind.

J: Ich kann ja nix hypen, wo’s nix zu hypen gibt. Ich fand halt mal wieder total scheiße, dass alle magersüchtig waren. Das nervt mich halt total. Du musst ja kein Statement setzen, du kannst einfach eine normale Frau zeigen. Wenn du jetzt eine extrem schwabbelige Person in dieser Intensität gefilmt hättest, wär’s ein Wow-Body-Positive-Statement.

Dance

Foto-Credit: © 2017 Broad Green Pictures, StudioCanal

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