Kultur, Live

Nackt, laut, böse

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Bässe, Wahnsinn und viel, viel nackte Haut: im Münchner Volkstheater präsentiert die Regisseurin Lilja Rupprecht mit Albert Camus‘ Caligula die wohl beste Inszenierung der Saison.

© Arno Declair

Max Wagner © Arno Declair

Gut, mit Nacktheit kann man eigentlich niemanden mehr schocken. Allenfalls die älteren Damen in der ersten Reihe gucken etwas pikiert, als sich die transparente Trennwand hebt und Max Wagner dahinter auftritt – nur mit etwas Schlamm bedeckt. Diesmal passt die sonst auf deutschen Bühnen so übermäßig beanspruchte Entblößung allerdings sehr gut. Caligula ist am Boden, zerfressen von Kummer, durchtränkt von Bitterkeit – seine Schwester und Geliebte Drusilla ist gestorben. Das wirft den ehemals so lebendigen Hoffnungsträger Roms vollends aus der Bahn. Mit einer Pistole in der Hand irrt er durch den verrottenden Palast, meidet selbst seine engsten Berater. Untermalt von zittrigen Violinenklängen, bahnt sich der Wahnsinn Schritt für Schritt an.

© Arno Declair

Ensemble, Max Wagner © Arno Declair

Mit dem Ziel, so mächtig wie die Götter selbst zu werden, verwandelt Caligula die Welt in eine düstere Dystopie der Macht. „Ich will euch lachen sehen!“ fordert er, während Bässe im Hintergrund wummern und seine gedemütigten Untertanen im Staub neben ihm kauern. Es ist eine erschreckend unheimliche Performance, die sich dort auf der Bühne abspielt; fast schutzlos fühlt man sich, auch wenn man im sicheren Zuschauerraum sitzt. Vor dem macht Caligula allerdings nicht Halt: „Bring mir deine Frau!“, fordert er seinen Berater Mucius (Sohel Altan G.) auf, der auch sofort loseilt – und sich einen Zuschauer schnappt. Ob der junge Kerl, der sich nun für ein paar Minuten von Wagner antanzen lassen muss, eingeweiht war, bleibt offen; begeistert sieht er jedenfalls nicht aus.

© Arno Declair

Max Wagner, Constanze Wächter © Arno Declair

Ausgerechnet am Mond wird Caligula am Ende scheitern. La lune, den hätte er so gerne gehabt. Unerreichbar am Himmel schwebend, symbolisiert er das Glück, dass der römische Kaiser niemals erfahren wird – und glücklos wird er sterben. In einem letzten, größenwahnsinnigen Atemzug ermordet er grausam jeden einzelnen seiner Gefährten und am Ende sich selbst. Für Max Wagner ist es nicht die erste Hauptrolle am Volkstheater, wohl aber seine wichtigste: mit Feinsinnigkeit, Einfühlungsvermögen und Aufopferungsbereitschaft portraitiert er den Wahnsinn des Caligula und beweist ein weiteres Mal, dass er viel mehr sein kann als der obligatorische Bühnenschönling, als den ihn Christian Stückl so gerne einsetzt.

Die junge Regisseurin Lilja Rupprecht hat etwas Großartiges vollbracht: sie hat dem Volkstheater den komfortablen, Brandner Kaspar-gedüngten Boden unter den Füßen weggezogen und auf diesem Platz für eine neue Art des Theaters geschaffen: wild, verstörend, unbequem und vor allem sehr, sehr eindrucksvoll. Mehr davon, bitte.

 

Weitere Vorstellungen am 02., 06., 12. und 21. Mai, Karten ab 8,50€
Informationen und Spielplan unter www.muenchner-volkstheater.de

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