Stadt

„Die Polizei kann mit dem neuen Phänomen schlecht umgehen“

Julia Serdarov

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Die geplatzte Party in der U6 am Wochenende hatte eines zum Ziel: Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Auch die urbanauten wollen die Stadt zurückgewinnen, als Spielwiese und Bühne. Dabei sind sie auch schon öfters an die Grenzen der obrigkeitlichen Toleranz gestoßen. Urbanaut Robert Baude im mucbook-Interview.

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mucbook: Die Party-Guerilla veranstaltet Partys mit dem Anspruch, sich einen Teil des öffentlichen Raumes zurückzuerobern. Was lief am Freitag in der U6 schief?

Baude: Ich war am Wochenende nicht da, aber ich kenne die Party-Guerilla. Es geht darum, seinen alltäglichen Raum zu einem Partyraum zu transformieren. Vielleicht vergessen da einige Leute, dass sie in der U-Bahn sind und lassen sich total auf diese Party-Atmosphäre ein, und können dann nicht unterscheiden, ob sie in einer Abriss-Party sind, oder in einem Club oder in der U-Bahn.

Wie könnte man so eine Eskalation vermeiden?

Es kommt ganz darauf an, wie es aufgemacht ist. Die Teilnehmer sollten gegenseitig auf sich aufpassen. Wenn einige schwarze Schafe oder betrunkene Teenies ausflippen, wirft das ein schlechtes Licht auf die ganze Idee, die dahinter steht, die aber nichts mit randalieren sondern mit Rückeroberung auf symphytische Art und Weise zu tun hat.

Es gibt ja auch in Berlin Leute, die den öffentlichen Raum wieder zu ihrem Privatraum machen wollen. Die haben die U-Bahn dann mit Teppich ausgelegt, wie ein Wohnzimmer geschmückt und ein Bücherregal reingestellt. Die haben den öffentlichen Raum so auf eine ganz vorsichtige Art zurückerobert.

Habt ihr bei euren Aktionen schon Erfahrungen mit der Polizei gemacht?

Die urbanauten haben ja im Rahmen des Spielart-Theaterfestivals die „urbanen Schwärme“ organisiert. Das heißt, dass sich viele Leute getroffen haben, ohne sich vorher zu kennen, an einem spontanen, vorher nicht bekannten Ort und dann ungewöhnliche Sachen machen. Nach der ersten Aktion haben uns dann Zivilpolizisten angesprochen, die da mitgelaufen sind und sich das angeschaut haben. Ich glaube die Polizei kann mit diesem neuen Phänomen nur schlecht umgehen. Es wird nicht klassisch von einem Hauptorganisator organisiert, sondern eher mit so einem viralen Schneeballsystem. Also jeder schickt eine E-Mail an seine Freunde, die wiederum eine E-Mail an ihre Freunde schicken. Es ist außerdem sehr schnell und flexibel. Die Polizei hat bestimmt großen Respekt vor solchen Veranstaltungs- und Organisationsformen, die man nicht einfach unterbinden kann, indem man Hauptorganisatoren festnimmt.

Bei dem zweiten Schwarm haben wir mit Absperrbändern die Kreuzung am Altstadtring zwei bis drei Minuten komplett blockieren lassen, als symbolischen, künstlerischen Akt. Danach wurde Benjamin David (urbanaut und Initiator des Schwarms, Anm. d. Red.) verhaftet. Die Polizei schien vor allem an dem System und der Methode interessiert zu sein, um vielleicht für die Zukunft zu lernen, wie man so was unterbinden kann. Ihm wurde dann Anstiftung zur Nötigung zur Last gelegt, weil der Verdacht bestand, wir hätten die Absperrbänder bereitgestellt und es offensichtlich war, dass wir das organisiert haben, aber bis heute ist da nichts gekommen.

Ist die Polizei in anderen Städten toleranter?

Eigentlich nicht, in Braunschweig wurde über eine Studi-VZ-Gruppe ein Picknick-Flashmob angekündigt, da hat die Polizei dann mit der IP-Adresse zurückverfolgt, wer das ist, weil es eben eine unangemeldete Veranstaltung gewesen wäre. Dann sind die zu ihm nach Hause gekommen und haben zum ihm gesagt, dass er das unterbinden muss. Das hat in den Flash-Mob-Foren eine gehörige Portion Empörung hervorgerufen, weil es eben eine ganz harmlose Aktion gewesen wäre, also dass sich Leute einfach zusammen auf Picknickdecken setzten und brunchen. Aber durch das harte Vorgehen der Polizei wurde das dann nur noch erfolgreicher.

Wie erklärst du dir, dass Flashmobs immer beliebter werden?

Es ist ein unsteuerbares System, in dem man plötzlich selber Schauspieler werden kann und kleine Aktionen provozieren kann. Es ist einfach spannend, bei sowas mitzumachen. Es hat sicher auch was mit der Entwicklung der Kommunikation zu tun. Es ist die Faszination daran, dass es sich auf Facebook zum Beispiel so schnell weiterverbreiten kann. Und natürlich hat man das Gefühl, Teil eines großen Netzwerks zu sein.

Underground- und Nachwuchskünstlern bieten die urbanauten derzeit in der „Repüblik“ einen Ausstellungs- und Veranstaltungsraum.

Fotos: blog.urbanaut.org

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