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„Als Kinder hat unser Vater uns auf einen 4000er mitgenommen“: Die Huberbuam im Interview

Alexander und Thomas Huber sind das wohl berühmteste Brüderpaar der Bergwelt – und seit mehr als drei Jahrzehnten als Seilschaft unterwegs. Gemeinsam haben sie Rekorde aufgestellt, Erstbegehungen gemeistert und Expeditionen von Alaska bis Pakistan unternommen. Ein neuer Film blickt nun auf die größten Erfolge der beiden zurück und zeigt dabei nicht nur die Höhen, sondern auch die Tiefen ihrer Karriere. Ein Interview über Abenteuer, Alter und eine Schatzkiste.  

Mucbook: Der neue Film über euch trägt den Titel „100 Jahre Huberbuam“. Das klingt ganz schön alt…

Thomas: Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten: Ich bin 51 Jahre alt und Alexander 49, gemeinsam machen wir die 100 also voll. Natürlich ist der Titel aber auch eine Marketing-Idee – wir Menschen sind ja irgendwie darauf geeicht, Jubiläen zu feiern. Für uns beide war der Film einfach ein schöner Anlass, unsere Erlebnis-Schatzkiste zu öffnen und auf über drei Jahrzehnte als Seilschaft zurückzublicken. Ganz abgesehen davon ist das Älterwerden für mich nicht tragisch. Im Gegenteil: Ich bin sehr dankbar, dass ich meinen 50. Geburtstag letztes Jahr groß feiern konnte. Es ist ja alles andere als selbstverständlich, dass ich diesen Tag erleben durfte.

Das stimmt. 2011 hattest du einen Nierentumor, 2016 hast du dir bei einem Abseil-Unfall einen Schädelbruch zugezogen.

Thomas: Diese Ereignisse haben mich sehr verändert, weil sie alles relativieren. Man merkt auf einmal wie wichtig ein gesunder Körper ist, der das alles erst erlebbar macht. Und wie schnell es damit vorbei sein kann. In der Folge wird man achtsamer, dankbarer und demütiger. Das mag etwas widersprüchlich klingen, weil ich ja immer noch in die Berge gehe und das Abenteuer suche. Aber wir müssen das tun, es ist unser Leben. Unsere Art, das zu tun wofür wir brennen und unsere Neugierde auszuleben. Würden wir damit aufhören, würde uns das die Lebensgrundlage entziehen. Das ist einfach keine Option, es würde ein zu großer Teil von mir fehlen.

Bleiben wir noch kurz bei Zahlenspielen. Ihr habt über euch selbst einmal gesagt, dass ihr mehr seid als nur die Summe aus 1+1. Inwiefern?

Alexander: Zwei Personen ergeben eine Seilschaft. Davon gibt es unendlich viele auf der Welt. Von denen unterscheiden wir uns, weil wir Brüder sind. Wir teilen nicht nur unsere Leidenschaft, sondern auch unser Blut.

Thomas: Vertrauen ist der wichtigste Faktor wenn es darum geht, Grenzen zu überschreiten. Bei uns wurde das Vertrauen von Geburt an geprägt. Gemeinsam sind wir stärker als es jeder für sich wäre, wir bügeln unsere Schwächen aus. Manchmal geht das auch schief: Wenn wir uns nicht einig sind, heben wir unsere Stärken gegenseitig auf und nichts geht mehr. Als Brüder gibt es viele Konflikte und Auseinandersetzungen, da knallen mitunter zwei sehr starke und unterschiedliche Charaktere aufeinander. Aber daran wächst man. Man reflektiert, man reift, man respektiert sich. Das hat uns als Menschen sehr geprägt. Und die Grenzen, die wir auf diese Art überschreiten, liegen definitiv jenseits der Zwei. Am Berg sind wir mehr als die Summe unserer Ichs.

Basejumpen von den Drei Zinnen, Speedkletter-Rekorde im Yosemite Valley, exotische Expeditionen und zahlreiche Erst- und Rotpunkt-Begehungen schwierigster Routen auf der ganzen Welt: Hier habt schon eine Menge erlebt. Was sind für euch persönlich Höhe- und Tiefpunkte eurer Karriere?

Alexander: Unser größtes Highlight hat nie Schlagzeilen gemacht, war aber extrem einprägsam: Als wir Kinder waren, hat unser Vater uns mit auf einen 4000er genommen. Ich war gerade 11 Jahre alt, Thomas 13. Als so kleiner Bub kannst du dir nicht vorstellen, solch einen riesigen Berg zu erklimmen. Aber Schritt für Schritt und mit jemandem, der dir Sicherheit vermittelt, geht es. Und auf einmal stehst du am Gipfel und bist komplett überwältigt. Das war ein sehr nachhaltiges Erlebnis und auf jeden Fall ein Höhepunkt, der den Grundstein für vieles gelegt hat, was wir danach gemacht haben.

Thomas: Mein größter Tiefpunkt war eine Expedition, die mein Bruder krankheitsbedingt abbrechen musste. Wir waren im Himalaja unterwegs und als ich die Fixseile vom Berg holen wollte, habe ich Freunde aus der Schweiz getroffen. Sie haben angeboten, mich an Alexanders Stelle zu begleiten. Also bin ich mit Iwan Wolf die Route „Shivas Line“ geklettert. Isoliert betrachtet war das ein geniales Erlebnis und ein großer Erfolg, für den wir sogar mit dem „Goldenen Eispickel“ ausgezeichnet wurden. Trotzdem bereue ich das heute. Ich war so auf den Berg fixiert, dass ich die Tragweite meiner Entscheidung nicht realisiert habe. Ich habe nicht begriffen, was es für Alexander bedeutet hat, krank unten zu stehen während ich das durchziehe. Aufgrund dessen hat sich unsere Seilschaft danach auch erstmal getrennt und jeder ist seinen Weg gegangen. Das war eine harte, aber auch wichtige Erfahrung. Jeder hat sich gefunden. Es hat seine Zeit gedauert, bis wir wieder gemeinsam losgezogen sind.

Im Film geht es um den Rückblick auf eure Karriere. Wie sieht es mit Blick auf die Zukunft aus?

Alexander: Solange wir können, werden wir in die Berge gehen. Natürlich wird das nicht mehr ewig auf diesem Niveau möglich sein, aber da sind wir ganz gelassen. Kurt Diemberger, ein Kollege von uns, ist da eine Art Vorbild. Selbst in seinem hohen Alter hat er immer noch viel zu erzählen. Natürlich kann er nicht mehr wie er mal konnte, aber er lebt immer noch mit voller Inbrunst. Wenn er eine Bühne betritt und von seinen Erlebnissen erzählt, dann ist das wirklich mitreißend. Ich hoffe sehr, dass wir das irgendwann genauso machen können. Wenn das Glück und die Gesundheit mitspielen, kann ich mir nämlich gut vorstellen, dass wir auch in 30 Jahren noch auf Bühnen stehen und von dem erzählen, was wir erlebt haben.

Thomas: Die Bühne ist für uns mittlerweile ein Teil des Bergsteigens. Als Vortragsreferenten erzählen wir nicht nur, sondern machen unsere Abenteuer erlebbar. Wir wollen den Leuten Energie und Aufbruchstimmung vermitteln. Sie sollen rausgehen uns sagen: Hey! Jetzt packe ich die Dinge wieder neu an. Das ist wie ein Kreislauf geworden: Erst gehen wir in die Berge und sammeln Abenteuer, dann gehen wir auf die Bühne teilen das Erlebte. Die Reaktionen der Menschen bringen uns wieder Motivation für neue Abenteuer. So können wir den Menschen etwas Positives zurückgeben, statt nur das eigene Ego zu befriedigen und sich als Held zu fühlen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Hier der Trailer zum Film – er ist hier in der Mediathek von ServusTV abrufbar. Das lohnt sich, weil der Film nicht nur Heldenklischees bedient, sondern den Menschen hinter den Huberbuam sehr nahe kommt.


© Bilder: Servus-TV Timeline Productions

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