Künstler:innen im Kreativquartier
Aktuell, Kultur

Ärger mit Ansage: Kreativquartier auf dem Weg zum Business-Park

Myriam Zeh

Drei Monate. Drei kurze Monate hatten Asta von Unger und fast 300 weitere Künstlerinnen und Künstler Zeit, um zu entscheiden, ob sie im Kreativquartier bleiben oder die in Jahren zusammengewachsene Atelier-Gemeinschaft am Leonrodplatz für immer verlassen.

Der Druck kam mit den neuen Mietangeboten im Herbst 2025: Statt bislang 249 Euro sollte das Atelier von Asta von Unger künftig 659 Euro kosten.  Hinzu kommt eine Erhöhung für das Lager von 119 auf mehr als 300 Euro. Obwohl Asta von Unger seit Jahren etablierte Künstlerin ist, weiß sie nicht, wie sie die Mieterhöhung für die Räume im im Kreativlabor, einem der drei städtisch verwalteten Künstler:innen-Häuser im Kreativquartier, finanzieren soll. Vielen Kolleg:innen von ihr, die bisher im städtischen Kreativquartier ihren Arbeitsplatz haben, geht es ähnlich. Die neue von den Münchner Gewerbehöfen (MGH) festgelegte Miete ist für sie nicht leistbar. Die Kündigung der bisher sehr günstigen Mietverträge stellt Existenzen infrage. Die Folgen erschüttern aus Sicht der Kreativen das Selbstverständnis einer Stadt, die sich gern als Kulturmetropole versteht.

„Es geht hier nicht nur um Räume“, sagt die Malerin Asta von Unger. „Es geht um die kulturelle Identität dieser Stadt.“ Auch aus Sicht anderer Betroffener steht mehr auf dem Spiel als nur die Zukunft der Künstler:innen aus den Atelierhäusern. „Wo man seine Kunst- und Kulturorte sterben lässt, lässt man auch den demokratischen Schutzwall sterben“, sagt Sara Gómez, freie Autorin im Leonrodhaus. Orte wie das Kreativlabor seien Räume für Solidarität, Vielfalt und gesellschaftlichen Austausch und ihr Verlust hätte Folgen weit über die Kunstszene hinaus.

Atelierhaus im Kreativquartier

Foto: Open Studios 2025, Foto: Gregor Hanewacker

Ärger mit Ansage: Was wie ein plötzlicher Bruch wirkt, hat jedoch eine längere Vorgeschichte. Die Saat wurde von der Schwarz-Roten-Rathaus-Koalition vor Jahren mit einem bereits damals umstrittenen Beschluss gelegt:

Der Kommunalausschuss des Stadtrats hat am 6. Februar 2018 die Weiterentwicklung des Kreativquartiers in der Nähe des Leonrodplatzes beschlossen.Für das Kreativlabor, einem Teil des Quartiers, ist eine behutsame Transformation geplant, die die heutigen Zwischennutzungen berücksichtigt”, heißt es damals. Bis 2019 vermietete die Stadt München die Räume im Kreativquartier als Zwischennutzung zu günstigen Konditionen. 2020 übertrug der Stadtrat das Areal der Münchner Gewerbehöfe GmbH (MGH). Das heute entstandene Problem kam – zumindest für Politik und Verwaltung – nicht überraschend: Die MGH ist laut Satzung verpflichtet, marktübliche Gewerbemieten zu verlangen.

Im Interview mit dem Merkur zeigt auch MGH-Chef Rudolf Boneberger Verständnis für den Frust der Künstler:innen. Allerdings sieht der Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft keinen Handlungsspielraum. Das städtische Bewertungsamt habe ein Gutachten für das Quartier erstellt und die neuen Mieten für die Gebäude entsprechend hoch festgelegt.

Ende 2023 hatte die MGH das städtische Bewertungsamt mit einem Mietgutachten beauftragt. Das Ergebnis: Die bisherigen Mieten galten als deutlich unter dem Marktwert. Auf dieser Grundlage wurden Ende September 2025 vorsorglich Kündigungen für die bisherigen Verträge ausgesprochen – und zugleich neue Mietverträge mit drastischen Erhöhungen angeboten.

Künstler:innen im Kreativquartier

Asta von Unger (links) auf den Open Studios 2025, Foto: Gregor Hanewacker

“Wir brauchen Ateliermietverträge, keine Gewerbemietverträge”

Unterdessen hat die Diskussion eine Neid-Debatte in den sozialen Medien losgetreten: Einigen Gewerbetreibenden anderer Branchen, die bei Münchens Mietpreisspirale selbst kaum mehr hinterherkommen, fehlt offenbar das Verständnis für die Subventionierung der Künstler:innen-Mieten: „Auch ich muss für meine Büros Miete zahlen und so wirtschaften, dass das Geld da ist“, so und so ähnlich heißt es in einem Kommentar unter einem Artikel der Abendzeitung.

Asta von Unger kennt diese Stimmen. Sie erklärt den Unterschied entsprechend anschaulich: „Kunst ist kein Gewerbe, sondern eine freiberufliche, schöpferische Tätigkeit. Deswegen ist sie aus der Gewerbeordnung ausgenommen“, erklärt sie. „Wir arbeiten oft unbezahlt für Ausstellungskonzeption, Auf- und Abbau, Künstlergespräche und andere ehrenamtliche Aufgaben. Wir bewegen uns in einem schlecht bezahlten Kultursektor – das wiegt besonders schwer in einer so teuren Stadt wie München.“

Für die Künstler:innen im Kreativquartier steht daher fest: Kunstschaffende brauchen andere Mietmodelle als Gewerbetreibende: „Wir brauchen Ateliermietverträge, keine Gewerbemietverträge mit 23 Seiten plus drei Anlagen, die die freie Kunstszene mit bis zu dreifachen Mieterhöhungen aus der Stadt vertreiben“, so Asta von Unger.

Künstler:innen im Kreativquartier

Foto: Open Studios 2025, Foto: Gregor Hanewacker

Erst Erleichterung, dann ein neuer Schock

Durch den offenen Protest der Künstler:innen fand das Thema ein breites Echo in den Medien. Und übte kurz vor den Wahlen großen Druck auf die Politik aus. Um die Entwicklung zu stoppen, wurden von dem Stadtrat drei Lösungswege diskutiert: eine Rückübertragung des Kreativlabors in den direkten Zuständigkeitsbereich der Stadt, eine Satzungsänderung der MGH, die eine Subventionierung kultureller Flächen ermöglicht oder ein finanzieller Ausgleich der Mieterhöhungen durch die Stadt direkt an die Künstler:innen im Sinne einer Atelierförderung. Letzteres schloss der Kulturausschuss des Stadtrats Anfang Dezember mit Verweis auf die angespannte Haushaltslage und fehlende rechtliche Voraussetzungen aus.

Nach wochenlanger Kritik aus der Kulturszene reagierte der Münchner Stadtrat am 17. Dezember 2025 mit einem Aufschub. Mit einem Beschluss wurden die drastischen Mieterhöhungen nicht zurückgenommen, jedoch für das Jahr 2026 vorübergehend gedämpft: Die neuen Mieten sollen zunächst nur zur Hälfte greifen. Zusätzlich hat die Stadt angekündigt, den Betroffenen über Förderinstrumente helfen zu wollen, darunter erhöhte Zuschüsse und Zukunftsfonds für Konzeptentwicklungen.

Ein politischer Kunstgriff. Aber offenbar noch lange kein Grund zum Durchatmen. Im Gegenteil: Als die neuen Mietverträge kamen, stockte den Atelier-Mieter:innen erneut der Atem: Die neue Mieten bedeuteten weiterhin eine Vervielfachung der bisherigen Beträge. Die angekündigte Minderung war kaum sichtbar. Asta von Unger rechnet vor: Trotz Zuschüssen liege die Gesamtmiete in manchen Fällen fast auf dem Niveau der ursprünglich angekündigten Erhöhung.

„Der Schock bleibt“, sagt Asta von Unger. „Die Kaltmiete ist nicht das Hauptproblem. Es sind die hohen Betriebskosten, die Mehrwertsteuer und die Berechnung der Flächen – selbst Wände und Lagerräume ohne Strom werden mitgerechnet.“ Für Asta von Unger summiert sich die Belastung trotz Zuschuss auf fast 1.000 Euro im Monat, also ein Vielfaches der bisherigen 368 Euro. Der kommunale Zuschuss verpufft damit zu einem großen Teil in der neuen Kostenstruktur. „Der Zuschuss wird faktisch von der Miete aufgefressen“, sagt sie.

Die Lage bleibt angespannt. Viele Künstler:innen haben die neuen Verträge bis heute nicht unterschrieben. Stattdessen zahlen sie derzeit ein Nutzungsentgelt, während juristische Schritte vorbereitet werden. Ob das Kreativlabor in seiner heutigen Form bestehen bleibt, ist offen und dürfte auch vom Ausgang der Kommunalwahlen im März abhängen.

Die alten oder neuen politischen Entscheider:innen werden sich dann unvermeidlich der Frage widmen müssen: Was ist Kunst wert? 

Foto: Open Studios 2025, Foto: Gregor Hanewacker

Aufmacherbild ganz oben: Open Studios Ende November 2025 / Foto: Bettina Warnecke