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Als wäre nichts gewesen

Philipp Bovermann

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Spielart 2013, war da nicht was? Der Fluss des Vergessens trennt in der griechischen Mythologie die Lebenden von den Toten – wer sterben will, muss trinken. Dementia, The Day of My Great Happiness, aufgeführt am Dienstag und Mittwoch in der Muffathalle, gießt sich fleißig das Wasser der Lethe auf die Mühlen, gurgelt damit und erschafft wunderbar entrückte Szenen des Verglimmens; bis es letztlich sozusagen selbst senil in zweiter Ordnung wird und man den allzu gemächlich vollzogenen Verlust seiner Substanz beobachtet.

Das Kapital zieht ein in die Welt der Verrückten, will die Vergessenen austreiben, die wie Gespenster in diesem ehemals größten Irrenhaus Europas noch immer wohnen. Die Geschichte, die der Ungar Kornél Mundruczó hier erzählt, hat sich in seinem Heimatland tatsächlich zugetragen, in der Nähe von Budapest: Eine gewaltige Klinik aus dem 19. Jahrhundert, mit weitläufigen Parks und allem Schnickschnack, mit dem Luxus der Weite, in der die Leere spukt. Im 4. Stock nämlich lebt noch immer eine Gruppe Demenzkranker, die einen Vertrag auf Lebenszeit mit der Klinik abgeschlossen haben – aber was zählt so ein Vertrag auf Lebenszeit, wenn das eigene Leben jeden Tag kleiner und kleiner wird und nur mehr auf sich zurückblickt, und keiner schaut zu? Entsprechend die Verdichtung einer Bühne, in der die Patienten ihren verflossenen Alltag inszenieren für einen Zuschauer, der im Laufe der Jahre verblasst ist, den es deshalb anzurufen gilt. Im Fall eines ehemals genialen Programmierers ist das sogar wörtlich zu verstehen, aber die Vergangenheit außerhalb der Bühne, sie geht nicht dran, seine Frau, so laut er auch nach ihr schreit. In ewiger szenischer Gegenwart gefangen, „geskriptet“ von einem unverfügbar gewordenen Außerhalb, in dem es immer wieder um den Segeltörn am Balaton geht – hier spielen der vom Film kommende Mundruczó und sein „Proton Theatre“ die Möglichkeiten des Theaters voll aus und verleihen der in der Demenz figurierten Abwesenheit eine beklemmende Präsenz, in der Enge eines sich beständig entleerenden Bewusstseins.

Daher die Dichte des Geschehens, die allzu vollgestopfte Bühne, die Tatsache, dass fast immer alle Vergessenen gleichzeitig über die Bühne geistern, wobei sie die meiste Zeit entweder schlafen,  monologisieren – oder singen. Man ahnt, dass ihre Träume lebhafter und bunter sind als die unablässige Widerkehr einer verlorenen Identität, von blitzhaft ergriffener und ebenso schnell wieder verlorener Selbsterkenntnis. Der Verteiler des Schlafmittels ist der behandelnde Arzt, der die Klinik ebenfalls noch nicht verlassen hat und somit an der Schwelle zwischen ihnen und der „gesunden“ Gesellschaft steht, und der überdies sein bester Kunde ist, wenn es um die Zuteilung des medikamentös induzierten Vergessens geht: ein selbst hochgradig manischer Morpheus, der sich einfach nicht beruhigen kann, über die Bühne tobt und rationalisieren will, anstatt seine Schäfchen zu zählen. Wie die Gesellschaft „da draußen“ sich an der Einkerkerung dieser menschlichen Leerstellen aufs Brutalste geistig gesundstößt, zeigt ein Investor, der den Deckel dieses von der Geschichte vergessenen Gebäudes hebt. Er kauft die Klinik, die Irren müssen raus, müssen verschwinden, alles muss EU-normiert werden, am besten sofort. Auch er ist in seiner aggressiven Ungeduld ein Wahnsinniger. Die positivistische Rationalität, die er verkörpert, zeigt sich unmenschlicher und bestialischer als das elysische Vergessen, das rein gar nichts will, deshalb kann sein Wille auch nicht gebrochen werden. Die Vergessenen wollen nicht gehen, also versucht er ihre Unterschrift zu ergaunern, sein Geld hat er mit Webcam-Erotik gemacht.

Es folgt eine beschämende Zurschaustellung der Vereinnahmung dieses menschlichen Leerraums durch eine imperialistisch-zweckgerichtete Rationalität, die den Menschen zum nicht ernst zu nehmenden Halbwahnsinnigen herabstuft und sich am Irren die Hände vom eigenen Irrsinn reinwäscht, ihm zur Not auch ins Gesicht schlägt, wenn er nicht antwortet. Augenscheinlich soll damit spezifisch ungarische Geschichte angedeutet sein – die konkreten Anspielungen, die realhistorischen Bezüge wurden allerdings für die deutsche Bühne herausgeschnitten, da sie hierzulande sowieso nicht verstanden würden. Das etwas knöcherne Gerüst politischer Kritik, das so übrigbleibt, und die über Monitor und Leinwand gleich doppelt eingeblendeten deutschen Untertitel, erzählen in ihrer Dürftigkeit diese Verhältnisse allerdings auf eine andere, weit bestürzendere Art.

Widersprüchlichkeit bildet das wesentliche Strukturmerkmal des Stückes. Und hier liegt schon der erste der Widersprüche, auf die sich das Stück, teils beabsichtigt, teils unbeabsichtigt, einlässt. Denn eine widersprüchliche Bühne wäre dem Irrenhaus ja angemessen, aber in diesem sollen Demenzkranke leben, keine klassischen Wahnsinnigen, wie man sie sich im Theater eben vorstellt. Das in der Tat Beklemmende dieser in sich selbst verschwindenden Welt, der ins Leben verlängerte Tod, nutzt sich nach und nach ab, wo die Grenze zum rein äußerlichen, „unvernünftigen“ Wahnsinn, immer undeutlicher wird. Klar, die Ärzte und Kapitalisten sollen als die eigentlich Wahnsinnigen gezeigt werden, aber was bedeutet dieser Wahnsinn denn, muss er wirklich so laut und blöde, so klinisch korrekt sein? Und so zieht sich das Stück in die Länge, offenbar unschlüssig, wohin sie denn gehen soll, die Reise. Plötzlich selbst von Demenz befallen, verliert es sich in zunehmend belangloserem Geplänkel und der Geste der Kritik und des Opfertums, während es zugleich die von der Demenz vollbrachte Unbewusstheit als wahre Heimat der Philosophie feiert, und diese als die wahre Medizin. Dass das nicht recht gut gehen kann, lässt sich an den Produktionsmechanismen des Stückes illustrieren.

Wie ein selbst demenzkranker Arzt seine Patienten, ließ Mundruczó seine Schauspieler, nachdem Dementia einmal geschrieben war, weitgehend unbeaufsichtigt proben – ein netter Meta-Kommentar intellektueller Anarchie, der da in das Stück eingeht, nur leider nicht durchgängig zu seinem Vorteil. Bloße Unentschiedenheit ist ja noch nicht per se ein poetischer Akt, und die Leere, die sie hinterlässt, wirkt manchmal leider prosaisch. Am Anfang, so Mundruczó, stand die Idee einer Operette, die von einem Selbstmord gekrönt werden sollte. Dann kam offenbar die Idee mit der Demenz. Der kollektive Suizid kehrt, selbst halbtot, in Dementia wieder, aber er wirkt zynisch, weil letztlich unmotiviert, ebenso wie der dabei gegebene Hinweis einer der Schauspielerinnen, in Budapest habe das Publikum an dieser Stelle geweint. Da wir aber nicht in Budapest sind, wurde, wie gesagt, alles Politische weitgehend aufs Formale entkleidet – die zwischendurch abgesungenen Stücke von Richard Strauss‘ Operette „Wiener Blut“, begleitet von einem unermüdlich die Gitarre zupfenden Patienten, wirken demgemäß von dem Vergessen beherrscht, das sie eigentlich anprangern sollen. Schwelgerische Lust am Klang, die ihren Inhalt erleichtert ausatmet, wo der verbindliche Kontext fehlt. Gegen das Publikum schließt sich die Bühne ab.

Wie eine „lebendige Mauer“, in Schillers Worten, wirkt insofern die Musik gegen die europäischen Imperialisten, die da auf die selig und verbissen blödelnden und schimpfenden Irren hinunterblicken. Am Rande der Geschichte, geschichtslos, wie Demenzkranke nunmal geschichtslos sind, ziehen diese auf der Bühne hinter sich die Tür zu. Ihr Schicksal teilen sie mit dem verrückten Arzt, der als sein größtes Manko angibt, er könne kein Englisch. Und so entscheiden sich die mit ihrem Klinik-Gebäude in der Vergangenheit eingeschlossen „Patienten“ sich zusammen mit ihrem Arzt endgültig wohnlich dort einzurichten, ermorden den EU-Normen einfordernden Imperialisten, der sie geohrfeigt hat – der imposante Bühnenaufbau klappt zu und lässt uns auf eine weihnachtlich beleuchtete Fassade starren. Die Verdammten wollen nicht erlöst werden, das Stück hat vergessen, was es will. Gerade das erscheint aber dann doch als politischer Akt. Und so hält es seine Unentschiedenheit wie einen Schild gegen das auf Verbindlichkeit dringende kontinentaleuropäische Publikum hoch, anstatt diesem die Leere zu erklären.

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