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Spielart: Sinnliches Erleben mit Jeremy Nedd und Louis Vanhaverbeke

Lara Schubert

Lara, liebt Theater, Tanz, Essen und diese Stadt. Ein Münchner Lockenkopf, der seine Nase in alle (Kultur-) Angelegenheiten steckt und sie hier gerne mit euch teilt.
Lara Schubert

Ein kalter Abend im späten Oktober beim SPIELART Festival: Jeremy Nedd lässt die Kammer 2 mit energetischem Pantsulatanz warm werden und bei Louis Vanhaverbeke heißt es wieder „Choosing is Losing“ – deswegen macht er alles gleichzeitig und das macht Spaß!

THE ECSTATIC

Foto: © Philip Frowein

Die weißen Tuchsegel hängen von der Decke der Kammer 2, ineinander verknotet und statisch, wie die Schals der verfrorenen Zuschauer. Die Borte ist grün eingefärbt, farbige Sprenkel deuten einen Gebrauchszustand an. Drei an der Zahl bilden eine Einheit, eine Wand. Es gibt ein Dahinter und es gibt ein Davor. Davor sind die Performer, sie laufen spielerisch über die Bühne während sich ca. zweihundert Mantelgestalten einen Platz in den Reihen suchen.

Langsam wird das konstante Murmeln des Publikums weniger und die Pfiffe und Zurufe der Performer lauter. Das klingt fremd und doch bekannt, nach Straße, nach draußen sein, nach Rumhängen und Bällen die gekickt werden, nach Müßigkeit, Hitze und einem „Jeder kennt Jeden“. Kleidungsstücke liegen zunächst auf der Bühne und werden dann angezogen, die Bewegung fängt im Kleinen an, im Zueinander-Verhalten, die ein oder anderen Schritte werden eingebaut. Diese zeugen von Wendigkeit und Virtuosität. Und dies soll sich auch bewahrheiten, in einer ekstatischen Steigerung der Bewegung und deren Schnelligkeit.

Jeremy Nedd ist Choreograph aus Brooklyn, New York, der erst kürzlich seinen Master in „Expanded Theatre“ an der Hochschule der Künste Bern abschloss. In The Ecstatic arbeitet Nedd nun mit der Tanzkompanie Impilo Mapantsula zusammen, eine professionelle Organisation, die das lebendige Erbe des südafrikanischen Pantsulatanzes und seiner Kultur erhält und in die Welt trägt. Pantsula entstand während der Apartheid in südafrikanischen Townships und hat sich über die Zeit als spezieller Tanzstil mit seinem eignen Sound weiterentwickelt, einer Mischung aus House und Dancehall kombiniert mit afrikanischen Klängen und Samples. Pantsula erzählt eine Geschichte, nicht nur die des Landes und derer, die sie tanzen, sondern auch die individuelle, kraftvolle Geschichte des Tanzenden. Auch ein bestimmter Dresscode ist für diesen Tanz vorgesehen: weite Hosen, Turnschuhe (Converse) und Hemden. Der Tanzstil und der Dresscode unterscheiden die Pantsula-Gruppen im südafrikanischen Raum voneinander.

Foto: © Philip Frowein

In seiner Arbeit steigert Nedd diese schnellen, rhythmischen Fußbewegungen bis zum Bruch. Die Kombination mit dem „Praise Break“, der tänzerischen und musikalischen Ektase im Gebet der afroamerikanischen Pfingstgemeinden, vereint den Moment der Losgelöstheit, des sich Vergessens mit dem des Innehaltens. Diesen Break versteht Nedd aber auch als ein Nachspüren der Bewegung. Und so wird der Abend zu einem wilden Erleben aus körperlicher Virtuosität, die einen in Kombination mit rhythmischen Klängen kaum selbst ruhig sitzen lässt, und stillen Momenten, die durch zeitlupenhaften Bewegungsminimalismus eine spürbare Verletzlichkeit in sich tragen. Eine Art von Verletzlichkeit, die auf einer solch impliziten Ebene funktioniert, dass es hier auch keine Erklärungen braucht.

Und am Ende, man hat es beinah vergessen, dass es hier noch etwas zu lösen gibt, wird der Knoten gelöst und die Segel wallen befreit in der aufgewirbelten Luft der bewegten Körper.

MIKADO REMIX

Foto: © Leontien Allemeersch

Ortswechsel; von den Kammerspielen schlendern wir in die Muffathalle , oder eher: gehen im Stechschritt. Wer schneller da ist, ist schneller wieder warm.

Für diejenigen, die bereits bei der letzten Spielart-Ausgabe fleißige Zuschauer waren, ist der Name Vanhaverbeke kein Neuer. Mit Multiverse hat er im Muffatstudio gezeigt, wie er als Multifunktions-DJ alles einsetzen kann, um auf der Bühne eine kleine, kreisförmige Welt für sich zu erzeugen. Wenn man so will, ist Vanhaverbeke der Fynn Kliemann der Theaterwelt. Er singt, bastelt und integriert Sound und Video auf innovative Weise in den Bühnenraum. Er sitzt in seinem eigenen Konzept, lässt sich dabei jedoch nie davon einsperren.

Und so entsteht bei Mikado Remix auch das erste Bild: Vier Bauzäune, zu einem Rechteck zusammengestellt, halten den Performer in sich drin gefangen, auf Projektionsfolien wird das Bild eines Eingeschlossenen projiziert, der singt:

„Please let me in,
your home what u protect, i want to be, simply there being part of your sphere.“

Er lässt sich dann schlussendlich selbst hinein, bzw. tritt heraus durch die Folie, löst die Zäune auf und breitet sich auf der Bühne aus. Es entfaltet sich eine Welt aus Kisten, in Kisten und Stangen in Stangen und Waffeleisen
auf Bauzäunen. Diese Überraschungsmomente sind voller Humor und geprägt vom puren Erstaunen des Publikums. Die Frage, die sich hier stellen: was ist normal, was ist konform? Welche Restriktionen erlegen wir uns selbst auf und wie einfach ist es, aus ihnen auszubrechen? Fragen, die sich bei Vanhaverbeke über den Theaterraum hinaus stellen, sowohl metaphorisch als auch körperlich.

„In Theatre don’t speak, don’t move, talk later.

Don’t be on your phone, even if hidden.
Don’t instagram this, pictures are forbidden.

Know the right people, don’t be shy. Look hip but make it look you don’t try. Keep cool when meeting a gaze,
if it’s appropriate, just wave.“

Diesem Abend gelingt es nicht nur, die Raffinesse des umgebauten Bühnenraums auf eindrückliche Weise erfahrbar zu machen, sondern ebenso selbsterzeugt und virtuos ist die auf der Bühne selbst komponierte und beinah nebenbei gerappte Begleitmusik. Die entwickelt durch ihren Inhalt und dessen Wichtigkeit für die Botschaft des Abends eine perfekte Symbiose mit dem Geschehenen auf der Bühne, steht aber auch für sich und zeugt von beeindruckendem Handwerk. Man muss dem Reflex widerstehen, danach nach einer Merchandise-Ecke mit dem neuen Vanhaverbeke-Album zu suchen. Das gibt es leider noch nicht…

Kommt man schließlich aus der Muffathalle, in diese erste Andeutung eines kalten Winters, ist man sich der Unterschiedlichkeit des Gesehenen durchaus bewusst, aber auch in welch wunderbarer Weise diese beiden Perfomances miteinander korrespondieren; energetisch, innovativ und fesselnd.


Das Spielart-Festival geht noch bis zum Samstag, 9. November – hier ist das gesamte Programm

Beitragsbild: © Leontien Allemeersch

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