Beitragsbild: © Bloomimages für Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT
Aktuell, Kultur

Aus für das Konzerthaus im Werksviertel? – Betroffene und Politik äußern sich zu Söders Kurswechsel

Markus Söder hat durch ein Interview mit der SZ eine große Debatte um das geplante Konzerthaus im Münchner Werksviertel losgetreten. Sein Kernargument: In Zeiten von Corona und Krieg müssen Staatsausgaben überdacht werden. Die Kosten des Prestigeprojekts wurden zwischenzeitlich auf bis zu eine Milliarde geschätzt. Seitdem diskutiert die Stadt. Für viele kam die geforderte „Denkpause“ einer überraschenden Absage an das Projekts gleich. Von Wortbruch war die Rede. Wir haben die Betroffenen – unter anderem das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – sowie Politiker*innen, Kulturtreibende und Münchens Kulturreferenten Anton Biebl um Statements zur Sache gebeten.

„Nirgendwo in der Welt etwas Vergleichbares“ – Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

(Der Konzertsaal im Werksviertel sollte das neue Zuhause des renommierten Orchesters werden. Ihm fehlt als einzigem der drei großen Spitzenorchester in München eine eigene Spielstätte.)

© Tobias Melle

„Wir Musiker*innen des BRSO sind viel auf Reisen, aber nirgendwo in der Welt haben wir etwas Vergleichbares wie das Werksviertel-Mitte in München gefunden. Hier treffen alle Gesellschaftsschichten aufeinander, hier finden sich Clubs und Restaurants, Theater, Geschäfte, edukative und integrative Einrichtungen, Hotels, Startups, Büros und Wohnungen. Wo, wenn nicht hier, ist der Standort eines Konzerthauses ideal?

Das Konzerthaus kommt ins Herz des Areals direkt zu den Menschen und wird Heimat für viel mehr als „nur“ für klassische Konzerte. Ein Erlebnishaus, in dem Musikvermittlung auf höchstem Niveau stattfindet, in dem neue experimentelle Formate entwickelt werden, wo hochrangige Solisten und Ensembles auftreten und international bedeutende Gast-Dirigenten gerne wiederkommen, wo die Hochschule für Musik und Theater neuartige Studiengänge anbieten kann und in dem dank der technischen Ausstattung Live-Übertragungen in Echtzeit jederzeit möglich sind, in dem aber auch Jugendorchester, Laienensembles oder eine Jazz-Combo ihren Platz finden. Das Konzerthaus wird von früh bis nachts mit Musik und Kultur erfüllt sein. Ein Leuchtturm, ein neues Wahrzeichen für Bayern und ein Magnet für die Kulturinteressierten aus aller Welt!“ – BRSO

Gemeinsame Nutzung des Gasteigs laut Gutachten nicht machbar – Georg Randlkofer

Vorsitzender Stiftung Neues Konzerthaus München

(Die Stiftung Neues Konzerthaus München wurde 2016 auf Wunsch der Bayerischen Staatsregierung gegründet, um das finanzielle und ideelle Engagement der Zivilgesellschaft für das neue Konzerthaus zu fördern. Sie wurde mit vertraglicher Vereinbarung offizieller Partner des Freistaats.)

„Eine gemeinsame Nutzung des Gasteig durch die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wurde geprüft und zwei voneinander unabhängige Gutachten kommen zum Ergebnis, dass dies unter keinen Umständen machbar ist. Die Errichtung des neuen Konzerthauses wurde bisher nie grundsätzlich infrage gestellt – dies zeigt auch ein Erbpachtvertrag, der vom Freistaat Bayern frühestens nach 88 Jahren gekündigt werden kann. Obwohl wegen des hinausgezögerten Baubeginns die breit angelegte Spendenwerbung durch die Stiftung noch nicht einmal begonnen hat, hat die Stiftung schon jetzt rund 4 Millionen € gesammelt und Zusagen für eine weitere Million erhalten. Die Zivilgesellschaft hält ihre Zusage ein – ein AUS des Projektes wäre ein extremer Vertrauensbruch und nicht vermittelbar!

Wir verstehen die Sorgen der Staatsregierung im Lichte der Pandemie und des Ukrainekrieges. Gleichzeitig erwarten wir aber eine stabile und langfristig aufgestellte Kulturpolitik, die nicht beim Eintritt von Krisen jahrelang vorbereitete, sorgsam abgewogene kulturelle Jahrhundert-Projekte mit einem „Pinselstrich“ zur Makulatur erklärt. Bayern als Kulturstaat darf den Weg in die Zukunft der digitalen Welt nicht verschlafen! München als eine der bedeutendsten Musikstädte der Welt braucht hier Kontinuität, um seine kulturelle Exzellenz zu sichern!“

„Ich kann verstehen, dass der Freistaat angesichts leerer Kassen nun ins Grübeln kommt“ – Kathrin Habenschaden

Die Grünen München, Aufsichtsratsvorsitzende der Gasteig München GmbH, Münchens 2. Bürgermeisterin

„Die Stadt München wird in den kommenden Jahren den Gasteig sanieren und architektonisch aufwerten. Mit der dortigen Philharmonie und der neuen Isarphilharmonie in Sendling verfügt München über zwei große Konzertsäle mit hervorragender Akustik, hinzu kommt der kleinere Herkulessaal. Brauchen wir einen vierten Saal für über eine Milliarde Euro? Ich kann verstehen, dass der Freistaat angesichts leerer Kassen nun ins Grübeln kommt. Vier Konzertsäle für die zwei großen Orchester – das ist schon fragwürdig, wenn man sich überlegt, wie sehr in anderen kulturellen Bereichen gespart wird. Der Staat muss in den kommenden Jahren viel Geld in Klimaschutz, den Ausbau des ÖPNV oder bezahlbares Wohnen investieren. Es ist deshalb notwendig, Ressourcen zu bündeln statt Überkapazitäten zu schaffen. Die Landeshauptstadt und die Gasteig GmbH sind offen für konstruktive Gespräche mit dem Freistaat.“

„Kultureller Impulsgeber für ganz Bayern“ – Prof. Dr. Bernd Redmann

Präsident der Hochschule für Musik und Theater München

(Für die Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) sind im Konzerthaus München bisher ein „Projektlabor“, also ein Raum für experimentelle Formate, ein Tonstudio sowie die Mitnutzung der Educationräume und der Konzertsäle geplant.)

„Das Konzerthaus München als Gestaltungsort für experimentelle und innovative Kunstformen spielt für uns eine wichtige Rolle. An unserer Hochschule entstehen gerade ein Digital Arts Center mit den Studiengängen Sound Art und Digital Performance und Forschungen im Bereich Creative Artificial Intelligence. Auch der Bereich Musikvermittlung wird an unserer Hochschule gerade gestärkt. Damit integrieren wir zukunftsweisende Entwicklungen in die Ausbildung. Für uns ist das Konzerthaus eine Investition in die Zukunft der Musik und eine starke Herzkammer für die Musik von morgen, ein kultureller Impulsgeber für ganz Bayern. Hier begegnen sich künstlerische Exzellenz des BRSO und junge Musikszene, innovative Kunstformen und Breitenkultur. Diese inhaltliche Strahlkraft macht das Konzerthaus zum Symbol einer selbstbewussten Gesellschaft, die in der Krise an ihre Zukunft glaubt.“

„Wir wünschen uns, dass die Weichen baldmöglichst gestellt werden“ – Julia Schönfeld-Knor

Stadträtin, Kulturpolitische Sprecherin der SPD/Volt-Fraktion

„Es ist müßig zu spekulieren, solange sich der Freistaat nicht entschieden hat, wie er weiter vorgehen möchte. Wir wünschen uns, dass die Weichen baldmöglichst gestellt werden. Mit unserer Isarphilharmonie haben wir im Herbst ein international anerkanntes Konzerthaus mit vorbildlicher Akustik eröffnet. Wir können uns durchaus vorstellen, den Interim länger zu betreiben. Zudem haben wir im Stadtrat die Sanierung des Gasteigs beschlossen. Dort haben beiden Orchester – das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker – lange Jahre gemeinsam gespielt. Wenn die Staatsregierung hier Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit hat, sind wir für Gespräche offen. Besonders freuen würde uns darüber hinaus, wenn der Freistaat den Herkulessaal in der Residenz modernisieren und barrierefrei gestalten würde.“

Angesichts der Kosten Alternativen diskutieren – Anton Biebl

Kulturreferent der Landeshauptstadt München

© Tobias Hase

„Mit der Isarphilharmonie und der sanierten Gasteig-Philharmonie werden wir zwei herausragende städtische Konzertsäle in München haben. Daneben gibt es das Nationaltheater, den Herkulessaal und das Prinzregententheater. Nach meinen Informationen sind mindestens zwei weitere Konzertsäle in ganz unterschiedlichen Größenordnungen und Spezifizierungen geplant – Es tut sich also einiges in der Musikstadt München.

Wichtig wäre mir, das alle Initiativen für München gut mit- und aufeinander abgestimmt sind und ich halte es auch für richtig, wenn angesichts der Kosten und der wirtschaftlichen Gesamtsituation Alternativen diskutiert werden. Für diesen Prozess stehe ich selbstverständlich zur Verfügung. Wir sollten gemeinsam erörtern, was am besten trägt – für unsere Spitzenorchester, die Kulturstadt München, die Stadtentwicklung und im Sinne einer Vermittelbarkeit in die Stadtgesellschaft.“

Freie Szene und Konzerthaus nicht gegeneinander ausspielen – Tom Wilmersdörffer

HIDALGO Festival – Künstlerische Leitung & Regie, Sänger, Freie Musikszene

© Max Ott

„Markus Söder argumentiert gegen das neue Konzerthaus mit dem Hinweis auf die Bedürfnisse der Freien Szene, also der freischaffenden Künstler*innen und nicht staatlich getragenen kulturellen Einrichtungen. Er hat absolut recht, dass der Freistaat Bayern diese Freie Szene dringend stärker unterstützen muss. Eine stärkere Förderung für die Freie Szene darf aber kein Strohfeuer oder politisches Kampfmittel sein.

Seine Argumentation ist der durchschaubare Versuch, kulturpolitische Akteure gegeneinander auszuspielen, um größere Einsparungen an der Kultur insgesamt durchsetzen zu können. Wenn es dem Ministerpräsidenten wirklich um die Unterstützung der Freien Szene geht, muss er nachhaltige Reformen anstoßen. Notwendig ist eine feste prozentuale Kopplung der Förderungen für die Freie Szene an die Etats der Staatstheater, die gesetzlich zu verankern ist. Mit einem einmaligen Bonbon auf Kosten des Konzerthaus-Neubaus wäre niemandem gedient.“

Ausgang ungewiss

Wie es mit dem „Jahrhundertprojekt“ weiter geht, ist noch nicht entschieden. Mit Blick nach Hamburg zur Elbphilharmonie: Vielleicht gehört die jüngste Wendung der Landesregierung zur ganz normalen Dramaturgie eines solchen Konzerthausbaus. Die Hamburger*innen sind nach jahrelangem Streit und Planungspannen – unter anderem wegen stetig steigender Kosten – inzwischen recht glücklich mit ihrem neuen Wahrzeichen. Allerdings fiel dessen Planungs- und Bauphase auch nicht in Kriegs- und Pandemiezeiten. Für die Diskussion in Bayern wäre mehr Transparenz hinsichtlich der Kulturetats des Landes wünschenswert.

Visualisierung Konzerthaus innen – © Bloomimages für Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT

Mehr Hintergründe zur Diskussionen lest ihr unter anderem auch in diesem Beitrag vom BR.


Beitragsbild: © Bloomimages für Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT

Florian Kraus
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