Kultur, Live

Von Backstagetoiletten, Hipstertum und Technikwehen – Wilhelm Tell Me im Interview

A Short Story For The Road“ heißt die neue EP der Hamburger Indiepop-Band Wilhelm Tell Me. Letzte Woche waren sie im Münchner STROM zu Gast und nahmen uns mit auf einen musikalischen Roadtrip. Am nächsten Tag traf mucbook Henning (Gesang/Gitarre), Matthias (Bass) und Paul (Schlagzeug) zum leicht verkaterten Gespräch. Interview von Sophie Mathiesen und Isabelle Karlsson

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(von l. nach r.) Paul, Henning und Matthias von Wilhelm Tell Me. Foto: Verena Knemeyer

mucbook: Wie hat’s euch gefallen im Strom?

Henning: Gut! Also ich hatte zumindest Spaß (lacht). Wir waren ziemlich heiß darauf. Erstes Konzert der neuen Tour mit neuer Setlist, da hat man natürlich nochmal extra Bock.
Matthias: Es war entspannt, weil wir einen Tag früher angereist sind. Am ersten Tag gleich noch zu spielen ist immer bisschen schwierig.

Ihr seid ja alle aus dem Norden. Ist es da schöner als im Süden?

Paul: Ist halt anders.
Henning: Ja genau! Alles ist irgendwie schön, der Norden, der Süden.
Paul: Osten und Westen sind auch gut.
Matthias: Also ich finde den Süden schon sehr schön, weil der Norden nur da toll ist, wo man Meer hat. Hamburg ist natürlich auch super, aber wenn man jetzt durch Schleswig-Holstein fährt, dann ist alles sehr flach und dröge.
Henning: Du kommst aber auch aus Hessen!
Matthias: Hier ist es doch schön, oder? Man hat die Berge gleich vor der Tür.
Henning: Wir haben heute schon überlegt wandern zu gehen.

Habt ihr denn schon einen Eindruck von München bekommen können oder steigt ihr immer nur im Hotel ab?

Henning: Also auf Tour hat man wirklich keine Zeit, da kommt man an und baut alles auf. Aber dadurch, dass wir eben schon einen Tag früher hier waren, hatten wir tatsächlich bisschen Zeit durch die Innenstadt zu schlendern, einzukaufen und die Atmosphäre zu schnuppern. Ist fast wie Urlaub.

So manches Klischee über München hat sich doch sicher bis nach Hamburg durchgesprochen. Welche haben sich bewahrheitet?

Matthias: Ein schönes Klischee, das sich absolut einlöst, sind die vielen Biergärten. Das ist grundsätzlich schon nett. Was man aber auch sagen muss: Als wir gestern nach der Show noch was trinken gehen wollten, waren wir bisschen angefressen, dass alle um eins zugemacht haben. Wir sind nicht die totalen Hamburgfans..
Henning: .. aber in Hamburg kann man immer versacken, wenn man möchte.
Matthias: Das ist schon ein Unterschied. Sorry München, ..
Henning: ..aber da müsst ihr noch ein bisschen Gas geben. Und wenn’s nur für Bands ist am Mittwochabend.

Ihr habt gestern während des Konzerts mehrfach erwähnt, dass man eure Musik auf Spotify hören oder bei i-tunes kaufen kann. Kaufen eure Fans überhaupt noch CDs?

Henning: Wir wissen durch den Vergleich zwischen CD-Verkauf und der Anzahl unserer Streams ziemlich genau, dass fast alle unsere Hörer zu Spotify oder anderen Streaming-Plattformen emigriert sind. Spotify ist mittlerweile einfach mega da und wir finden das super, denn man verdient kontinuierlich Geld an der EP oder an dem Album. Und es ist ein riesiger Motivationsschub zu sehen „Ja okay, das interessiert jemanden, was man macht“.
Matthias: Also von der Grundidee find ich es einfach gut, weil es als kleine Band wirklich schwierig ist CDs an den Mann zu bringen, beziehungsweise flächendeckend in die Läden zu bekommen. Das können eigentlich nur die Majorlabels.
Henning: Oder Pappaufsteller!

Wie klingt Wilhelm Tell Me?

Henning: Das ist immer so eine Frage…

Wir können euch ein bisschen Inspiration geben. Wir haben uns umgehört und unsere Testpersonen haben eure Musik unter anderem mit folgenden Stichwörtern beschrieben: Gute Laune..

Henning: Perfekt!

..Pop..

Henning: auf jeden Fall.

..Teenie..

Henning: Schön wär’s!

..Seicht..

Henning (entgeistert): seeeicht?? Das hätte ich gerne näher erläutert.
Matthias: Nee, finden wir nicht.

..und hip?

Henning: Natürlich, das sieht man sofort.

Könnt ihr euch mit dem klassischen Hipstertum identifizieren?

Henning: Ich weiß nicht mehr, was das sein soll. Außer, dass in irgendwelchen Werbespots Typen mit Holzfällerhemden und Bärten abhängen. Keine Ahnung, was das ist. Darum kann ich mich damit auch nicht identifizieren.
Matthias: Also ich hab meinen Bart ja schon länger, als es das gibt.

Seid ihr auf einen Radio-Ohrwurm aus?

Henning: So ein Radio-Ohrwurm ist ja meistens ein Song, den Leute gerne um sich haben, der einen gerne durch den Tag begleiten soll. Und wenn das die Defintion eines Radio-Ohrwurms ist, dann ja!

Was macht ihr neben der Musik?

Einstimmig: Neben der Musik machen wir Musik. Jeder hat ein paar Sideprojekte. Viel mehr, als noch mehr Musik, gibt es nicht.
Henning: Ich bin auch als Songwriter für andere tätig oder komponiere mal eine Werbemusik.
Paul: Ich spiele auch mit anderen Bands, gebe mit denen Konzerte oder bin im Studio.
Matthias: Ich mache tatsächlich auch ganz viel Management für andere Künstler.

Henning, kannst du vielleicht etwas erzählen über den Prozess des Schreibens?

Henning: Musen sind natürlich sehr von Vorteil (lacht). Ansonsten entsteht jeder Song auf eigene Art und Weise. Manchmal fängt das mit einem Beat an. Sonntag waren wir zum Beispiel noch im Studio und haben nur Beats gesammelt. Ganz oft baut man auf Textfragmente auf. Ein bis zwei Zeilen, von denen man denkt „daraus könnte ein Song werden“.
Matthias: Wenn wir mal ruhiger werden und gerade keinen Mist labern, holt Henning sofort sein Buch raus und fängt an zu schreiben.
Henning: Ich bin einer der wenigen, die das nicht ins i-phone tippen. Ich hab ein kleines Ledernotizbuch, richtig oldschool. Schreiben passiert, wenn’s passiert oder eben auch nicht, das kann man nicht erzwingen. Die aktuelle EP ist auf einem Roadtrip entstanden, den ich Anfang des Jahres gemacht habe. Das sind fünf Songs in einem Rutsch, die eine Geschichte erzählen. Total schön, wenn man ein Ding hat, das abgeschlossen ist und in sich funktioniert, so ganz ungezwungen.

Könnt ihr dann zum Schluss reinhören und vollkommen zufrieden sein oder gibt es immer was, das man im Nachhinein besser machen würde?

Henning: Nichts ist niemals fertig. Davon muss man sich beim Musikmachen verabschieden. Du wirst nichts zur Perfektion treiben können. Entweder du hast nicht genug Zeit oder du kannst es gerade nicht besser. Kann ja auch sein. Das ist immer eine Momentaufnahme.
Matthias: Man ist fertig, gibt ab und denkt „Um Gottes willen!“ Dann hat man erstmal eine schwierige Phase. Aber  drei Monate später mit ein bisschen Abstand hat man ein objektives Bild. Wenn sich dann beim Hören ein positives Gefühl einstellt, kann man auch so etwas wie Stolz empfinden. Das klappt nicht immer.

War das immer klar für dich, dass du auf englisch singen möchtest?

Henning: Witzig, dass das so viele Leute fragen! Für mich hat sich die Frage nie gestellt.
Matthias: Ich finde, wenn man deutsche Texte hat, dann muss die Musik anders instrumentiert werden. Die Musik, die ich auf deutsch höre, ist eine andere Musik. Und die Musik, die wir machen, ist englische Musik.
Henning: Alleine so ein Sprachduktus gibt einem vor, wie man Songs arrangiert und auch, wie man Melodien schreibt.

Kann man auf englisch seine Gefühle besser ausdrücken?

Matthias: Ich glaube, dadurch, dass man mit dieser Sprache im musikalischen Bereich aufgewachsen ist, bekommt man den emotionalen Aufzug besser hin, weil man die Ausdrücke kennt. Ich könnte mich auch in musikalischen, textlichen Dingen besser auf englisch ausdrücken als auf deutsch, obwohl ich natürlich deutsch besser spreche.

Wir haben hier nochmal ein paar Stichworte, und ihr könnt einfach sagen, wie ihr dazu steht, random! Erstens: Vodka Bull.

Henning: Kopfschmerzen.
Matthias: Trink ich nicht. Vodka Mate!
Henning: Also doch Hipster!
Matthias: Auch das hab ich früher schon getrunken! (alle lachen)

Festivals.

Henning: Immer schön, wenn man trotzdem ein Hotelzimmer hat.
Paul: Laut.
Matthias: Backstagetoilette.
Henning: Schwieriges Thema!

Kannst du das näher ausführen?

Matthias: Man spielt am Anfang seiner Karriere auch auf ein paar Festivals, wo man als Künstler auf die normalen Toiletten gehen muss. Deswegen lernt man dann sehr schnell die Backstagetoiletten schätzen!
Henning: Weil die meistens dann nämlich von Robyn abgesperrt sind, weil die drei gleichzeitig braucht! (lacht) Beruht auf einer wahren Begebenheit.
Matthias: Da haben wir schön auf dem MELT! gespielt, dann sind wir da angekommen und haben gefragt: ‚wo ist denn unsere Umkleide?‘ – ‚Ne, ihr habt keine! Die wurden gerade abgerissen!‘  Und dann haben wir gesehen, dass Robyn eben fünf für sich alleine hatte. Dachten wir uns: ‚Danke! Wir fühlen uns sehr gut behandelt.‘ (lacht)
Henning: Willkommen auf dem Boden der Tatsachen.

Hattet ihr schon viel Austausch mit Bands, die ihr früher bewundert habt, und die jetzt quasi eure Kollegen sind?

Henning: Weiß ich nicht. (überlegt) Also mit Robyn haben wir nicht gequatscht, weil die echt in einem Paralleluniversum unterwegs ist, aber klar ist man Backstage und labert genau so Quatsch wie im Tourbus!
Matthias: Es ist eher so, dass man mit den Bands, die zur gleichen Zeit auf den gleichen Festivals spielen – die also auf einem Level sind wie man selbst – über die Jahre am meisten Kontakt hat. Ich denk da an Abby, und an I Heart Sharks, und an Fuck Art Let’s Dance
Henning: Naja also mit denen haben wir ja Streit!

Wieso?

Henning: Wo war das? (Matthias und Paul lachen laut) Bei Bock am Inn wurde es mal handgreiflich. Aber naja.

Foto: Verena Knemeyer

Foto: Verena Knemeyer

Die waren doch neulich auch mal im P1. Hättet ihr mal Lust, ins P1 zu gehen?

Henning: Wir haben gestern ungefähr noch vier Stunden darüber geredet, dass wir noch ins P1 gehen. Ich hab aber keine Ahnung, was das ist! Wir waren dann nicht mehr dort. Das ist eine Disco, oder was?

So ein Schickerialaden. Bekannt dafür, dass da die ganzen C-Promis hingehen. Ist halt teuer und „Sehen und gesehen werden“ lautet das Motto.

Henning: Wir als B-Promis können dann da nicht hin.
Matthias: Wir würden ja definitiv da nicht reinkommen oder?

Wahrscheinlich nicht. (alle lachen) Wir ja aber auch nicht.

Matthias: Oli Kahn war da ja mal. In Trainingssachen!
Henning: In Trainigssachen?! Ey wie bescheuert.
Matthias: Hab ich im Fernsehen gesehen.
Henning: Und auch in der GALA, wahrscheinlich.

Habt ihr ein Zeitschriften- oder Zeitungsabo? Irgendein Printmedium?

Henning: Ist jetzt uncool, aber ich hab ein Spiegelabo. Das ist auch ehrlich gesagt das Einzige Printmedium, das ich lese.
Matthias: Nee, da bin ich komplett umgestiegen auf Online und Apps. Spiegel Online natürlich, und auch ganz viel Tagesschau.

Lest ihr dann den Kulturteil?

Henning: Wir sind absolute Kulturbanausen.

Lest ihr, was über euch geschrieben wird?

Henning: Alles! Alles. Und weinen manchmal.
Matthias: Ich glaube, dadurch, dass die Zeitungen nicht mehr da sind, liest man tatsächlich weniger Feuilleton. Dass man bei der App oder Online zum Kulturteil runterscrollt – das macht man, glaube ich, nicht.
Henning: Echt? Ich les immer das faz.net-Feuilleton und finde es eigentlich ganz geil.
Matthias: Du bist ja auch Philosoph!
Henning: Ich hab mal Philosophie studiert. Nützt einem auch nichts, kann ich euch sagen.

Man könnte ja drüber diskutieren, ob das Smartphone das Leben einfacher oder schwieriger macht.

Matthias: Ich weiß noch, wie ich das erste Smartphone bekommen hab, das war erstmal ziemlich schlimm. Und noch immer bin ich sehr viel am Handy.
Henning: Beim Soundcheck so eine Hand am Bass und die andere am Smartphone.
Matthias: Viele Sachen erleichtern einem ernsthaft das Leben. Aber man muss einen Weg für sich finden, nicht ständig seine Mails zu checken, und auf diesem Weg bin ich noch.
Henning: Mal ganz ehrlich: Google Maps macht schon Sinn!
Paul: Aber wir haben das auch nicht vermisst, als es das nicht gab. Haben wir halt eine Karte genommen! Wusstest ja nicht, was dir fehlt.
Henning: Also ich hab geahnt, dass es das irgendwann gibt, und hab tief in mir drin schon gedacht ‚aaaw‘…
Paul: Du hattest richtige Technikwehen!

Wir danken Wilhelm Tell Me fürs Gespräch!

Weitere Tourdaten:

2014 / 10 / 23

Hamburg at Uebel & Gefährlich

2014 / 10 / 24
Berlin at Frannz Club

2014 / 10 / 25
Leipzig at Täubchenthal

2014 / 10 / 26
Bremen at Lagerhaus

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