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Wenn Schlafstädte aufwachen – Erkenntnisse des Barcamps auf dem Ponyhof der Pioniere

Ende Juni versammelten sich im MUCBOOK CLUBHAUS Ponyhof der Pioniere in Inning am Ammersee Macher*innen, so wie Expert*innen aus der Forschung, der Politik und der Wirtschaft, um sich über die Transformation von Wohnen, Arbeiten und Mobilität in der ländlichen Post-Corona-Welt auszutauschen. Ziel der Veranstaltung war es, einen umfassenden Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse, neue Initiativen und geplante Projekte in der Europäischen Metropolregion München (EMM) zu schaffen und Akteure aus unterschiedlichen Regionen und Feldern zu vernetzen.

Silicon Vilstal – Um zu lernen, muss man es erst einmal tun!

Wie kann zukunftsfähiger Wandel in ländlichen Regionen vorangetrieben werden? Für Helmut Rammsauer, der als Geschäftsführer von Silicon Vilstal im Namen der gemeinnützigen Innovationsplattform auf dem Barcamp sprach, brauche es dafür nicht initiativ Geld, eine Rechtsform oder ein von vornherein durchskaliertes Gesamtkonzept. Vielmehr müsse man die Chancen der Region durch spielerisches Ausprobieren sichtbar machen und aus diesem Prozess heraus Learnings für das weitere Vorgehen hier und anders wo ziehen.

Als Beispiel dafür bezog er sich auf die Entstehungsgeschichte von Silicon Vilstal. Ausgangspunkt für die Innovationsplattform war ein Festival, das Rammsauer mit einem kleinen Team 2016 als „spielerischen Piloten“ auf die Beine stellte. Ziel war die Vernetzung gesellschaftlicher Akteure, sowie die Aktivierung und Sichtbarmachung der Möglichkeiten, die sie im ländlichen Raum Niederbayerns identifiziert hatten. Erst in den folgenden Jahren etablierte sich Silicon Vilstal durch ein kreatives Zusammenspiel verschiedener Akteure; erst überregional, dann europäisch, fand eine Rechtsform und besteht mittlerweile aus einem Kernteam von etwa 20 Mitarbeitenden. Mittlerweile ist Silicon Vilstal als Social Economy Cluster bei der EU-Kommission anerkannt und zudem Partner der Programme Neues Europäisches Bauhaus und UpdateDeutschland.

Ortsmitte 2.0 – Social Innovation Hub

Zudem sprach Rammsauer auch von einem aktuellen Projekt. Im Sommer 2021 startete in der Marktgemeinde Geisenhausen in Niederbayern die Pilotphase einer Zukunftsvision aus dem Hause Silicon Vilstal für ländliche Ortsmitten. Anstelle des Leerstandes im Ortskern, in diesem konkreten Fall ein ehemaliges Schulhaus, trat die Ortsmitte 2.0. Auch hier war die Devise erst einmal anzufangen, Learning by Doing im Reallabor. So entstand ein Space für New Work, Vereine, Meetings, Pop-Up Stores, Abholservice für regionale Hersteller*innen; kurzum ein begehbarer Werkzeugkasten in einer revitalisierten Gemeindemitte als vernetzender Begegnungsort.

Unter dem Motto „Zukunftsfreude“ findet vom 22. bis zum 25. September das 7. Silicon Vilstal Erlebnisfestival statt.   

Potenzial Landraum – Weckruf Home-Office

Ein Grund, sich aktuell in dem Maße über die ländliche Transformation auszutauschen, liegt auch an den Auswirkungen der Pandemiejahre auf das, sich im Wandel befindende Verhältnis von Arbeit und Wohnen. Insbesondere der Einfluss von Alternativen zum Büro ändert den Stellenwert ländlicher Wohngegenden. Diesem Phänomen haben sich Johannes Moser, Fabian Wenner und Alain Thierstein von der TU München angenommen. Die Experten für ländliche Entwicklung betrachten das Home-Office als Faktor im Trade off von komfortablem Wohnen und der Länge des Arbeitsweges. Auf dem Ponyhof der Pioniere sprach Moser über die Effekte der „Work from Home“ auf die EMM. Dabei ging es ausschließlich um das Home-Office und die Wohnstandorte von Arbeitnehmer*innen. Firmenstandorte oder Third Places, wie etwa Coworking Angebote, wurden nicht miteinbezogen. (Link zur Studie hier.)

Ausschlaggebend sei das Verhältnis der „Home-Office-Tage“ zu den „Bürotagen“ pro Woche, so Moser. Mit der Reduktion der Büropräsenz steigere sich das Potenzial ländlicher Regionen. Hätten Arbeitnehmende beispielsweise nur noch einen Präsenztag pro Woche, so ist eine längere Pendelstrecke kein Ausschlusskriterium bei der Wahl des Wohnsitzes mehr. Vom Home-Office profitieren auch ländliche Gemeinden. Die eingesparte Zeit durch den wegfallenden Arbeitsweg, wird nun wieder zunehmend in der unmittelbaren Nähe des eigenen Wohnsitzes investiert. Zu Gunsten der lokalen Dienstleister*innen, des Einzelhandels und der Gastronomie. Was passiert nun, wenn die Schlafstädte aufwachen?

Mobilitätschancen in Kommunen

Am Beispiel der Marktgemeinde Dießen am Ammersee, werden die kurzfristigen Folgen dieser Entwicklung sichtbar. Darüber sprach der zweite Bürgermeister Dießens, Roland Kratzer (CSU). Zunächst sei es wichtig, die Bürger*innen der etwa 10.000 einwohnerstarken Gemeinde einzubinden und mitzunehmen. Um dabei alle Stimmen zu berücksichtigen, läuft aktuell eine Bürgerumfrage. Dabei geht es um den Arbeitsort, sowie die Inanspruchnahme von Home-Office oder Coworking, aber auch, um die Möglichkeiten vor Ort, den in den Kinderschuhen steckenden ÖPNV in Dießen, sowie das Einkaufsangebot vor der eigenen Haustüre.

Bis zur Auswertung der Studie, kann nur gemutmaßt werden. Bis dahin sieht Kratzer die größte Herausforderung in der Mobilität. Insbesondere das sogenannte „First-and-Last-Mile-Problem“ mache den regionalen Bahnverkehr im Vergleich zum PKW unattraktiver. Geplant sei daher ein regelmäßiger Shuttleverkehr zum Bahnhof, mit der Einschränkung, dass ÖPNV gelernt sein muss. Funktionierende Konzepte aus der Stadt lassen sich nicht ohne Weiteres auf dem Land kopieren. Daher steigere sich aktuell der Stellenwert von On-Demand-Mobility im ländlichen Raum. Am Beispiel Dießen zeigt sich, dass die „großen“ Sharing-Anbieter ihren Fokus auf die Stadt lenken. Carsharing und Miet-Lastenräder gibt es in der Marktgemeinde, doch die werden durch Bürgerinitiativen zur Verfügung gestellt.

Menschen in den Mittelpunkt stellen: Die Huber-Häuser in Dießen

Auch Jana Hartmann (TUM) sprach auf dem Barcamp über die Gemeinde Dießen. Ähnlich der Ortsmitte 2.0 von Silicon Vilstal, soll sich auch der Ortskern Dießens verändern. Im Zentrum dieser Pläne stehen die Huber-Häuser, eine ehemalige grafische Druckanstalt. Mittlerweile sind die leerstehenden Gebäude im Besitz der Gemeinde. Aktuell wird der Boden und die Bausubstanz auf dem Grundstück nach Altlasten, wie Ölrückstände oder Schwermetalle untersucht. Sobald es politisch das „Go“ gibt, soll hier ein offener und gemeinwohlorientierter Raum für Kunst, Kultur und Jugend entstehen. Geht es nach den Kreativschaffenden in Dießen, die sich für die Revitalisierung der Huber-Häuser engagieren, sollen die Flächen durch die Gemeinde per Erbbaurecht vergeben werden. Somit bliebe der Boden im Besitz der Gemeinde. Das sei eine Chance, denn grundsätzlich sei der Gedanke das Gebäude-Ensemble unter Denkmalschutz zu stellen und den industriellen Bau als flexibel nutzbares Ortszentrum zu reaktivieren.

Geht es dann um die konkrete Nutzung der Fläche, schlägt Hartmann eine genossenschaftliche Lösung vor. Dabei sollen lokale Akteure aktiv eingebunden werden, um die Sinnstiftung und Finanzierung auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Die Huber-Häuser solllen Menschen in den Mittelpunkt stellen. Auch Roland Kratzer sieht das große Potenzial der Huber-Häuser, solche Pläne seien die logische Konsequenz von Leerstand. Allerdings bremst er auch die Euphorie. Zunächst müsse man den Handlungsspielraum der Gemeinde abstecken, sei es nun der Verkauf oder eine Erbbaurechtliche Lösung. Außerdem fehle es in der Verwaltung noch an Know-How über solche Prozesse. Doch dafür könne man sich an die Kreativwirtschaft wenden, so Hartmann.

Gewerbegebiete der neuen Generation: Billerberg

Positiver Impact vor Ort, sinnhafte Projekte durch gemeinsame Visionen mit Partnern in Mind, so präsentiert der Euroboden Geschäftsführer Stefan Höglmaier, seinen Ansatz als Immobilienentwickler. In Inning am Ammersee auf dem Grundstück, das aktuell als Ponyhof der Pioniere zwischengenutzt wird, plant Euroboden aktuell das Projekt Billerberg. Höglmaiers Ausführungen über dieses „Gewerbegebiet der neuen Generation“ zeigen auf wie ein solches Projekt durch baugemeinschaftliche Zusammenarbeit von Anfang an einen Mehrwert für alle schaffen kann.

Die Gegend um den Ammersee ist im Wandel. Noch stehen hier der Tourismus und das hochqualitative Wohnen ganz oben auf der Agenda. Die Arbeitsplätze liegen hauptsächlich im Münchner Stadtgebiet und für das Home-Office sind die Bodenpreise oft zu hoch. Doch durch New Work und die Mobilität von Arbeit ändern sich die Ansprüche. Darauf möchte Euroboden eine bauliche Antwort geben, so Höglmaier. Am Billerberg soll ein sichtbares, flexibles und gemeinschaftliches Gewerbegebiet entstehen. Aktuell wird die Baugemeinschaft kuratiert. Der Einkaufspreis in den Billerberg liegt bei 4000€ pro Quadratmeter Gewerbefläche, dafür entscheiden die Beteiligten aktiv mit in der Planung. Schwarmintelligenz nutzbar machen von Anfang an.

Die wachsende Baugemeinschaft setzt sich zusammen aus Handwerker*innen, einer Heilpraxis, Softwareentwicklung, Künstler*innen, Coaches, Architekt*innen, einer Steuerberaterung, einem Yogastudio, sowie Paartherapie. In Planung können so von Anfang an Prozesse gebündelt werden. Wer kann neben wem arbeiten? Wo gibt es Überschneidungen in den Ansprüchen? Im Ergebnis soll ein Gewerbegebiet entstehen, dass von Beginn an auf Vernetzung setzt. Dabei versteht Höglmaier seine Architektur als Begegnungsraum, urbane Dichte auf dem Land als Antithese zur abgezäunten Langeweile – Durchwegung statt Abkapslung. Offen soll das Gewerbegebiet sein und somit auch Chancen für die Gemeinde bieten. Die flexible Nutzbarkeit des Billerbergs lässt Raum für Fitnessstudios, Werkstätten, Büros, Kitas oder Ateliers.

Sinnhafte Gewerbegebiete der gwt Starnberg

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch Christoph Winkelkötter, der Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung Starnberg (gwt Starnberg). Gewerbegebiete im ländlichen Raum können Antworten auf dringende Fragen bieten. Dafür müssen allerdings die lokalen Ansprüche gehört werden. Außerdem appelliert Winkelkötter an die Kommunalpolitik, „Kirchturmdenken“ müsse überwunden werden, um gemeinwohlorientierte Lösungen zu finden. Vorbildcharakter hat dabei das Gewerbegebiet Inning/Wörthsee. Obwohl so Arbeitsplätze aufgebaut werden konnten, ohne dabei neue Gewerbeflächen auszugeben, findet sich in Inning am Ammersee das erste und bislang einzige interkommunale Gewerbegebiet in Bayern.

Der Aufbau von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum ist für Winkelkötter eine logische Konsequenz aus den letzten Jahren. „Nur“ 25% der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Landkreis Starnberg arbeiten auch in der näheren Umgebung. Daraus schließe sich, dass der Standort nicht die passenden beruflichen Perspektiven für die Anwohnenden bietet. Klar kann man in Starnberg München nicht kopieren. Vielmehr müsse man sich hier die Frage stellen: Was kann München nicht? Für Winkelkötter liegt die Chance in Gewerbeflächen für Betriebe, die die gesamte Wertschöpfungskette eines Produktes anbieten. Im Gewerbegebiet Inning/Wörthsee finden Betriebe Raum für Forschung, Entwicklung, Produktion, Lager und Vertrieb an einem Ort.

Zudem verstärke sich der Trend zur Einbindung der Mitarbeitenden, durch Arbeitgebende in mittelständischen Strukturen.  So sei aktuell zu beobachten, dass regionale Betriebe wachsen und weiter expandieren werden, sich dabei aber möglichst nah an den Mitarbeitenden ansiedeln, die in den meisten Fällen in der Region verwurzelt sind. Winkelkötter sieht in Starnberg eine krisenfeste Struktur aus mittelständischen produzierenden Betrieben, die bereits 2008 und 2020 nachweislich als Anker wirkten.

Qualität des ländlichen Raumes für New Work nutzbar machen

Für Sabine Sauber bietet der ländliche Raum an sich Potenziale, die durch neue Arbeitskonzepte ausgeschöpft werden können. Diese Erfahrung machte Sauber wieder und wieder als sie mit ihrem ehemaligen Unternehmen Design Offices aufs Land einlud. Auf die anfängliche Skepsis ob der Länge der Anreise folgte meistens positive Überraschung. Nach dem Verkauf von Design Offices wollte Sauber mit ihrem Bruder diese Euphorie nutzbar machen und sinnhafte New Work Modelle im ländlichen Raum etablieren. Den Anfang machten sie in einem ehemaligen Gasthof im fränkischen Neuhof an der Zenn. Dort eröffneten die beiden in der umgebauten Scheune ihren ersten „Macherort“. Mittlerweile expandiert NEUE HÖFE und ist stetig auf der Suche nach verlassenen Immobilien, die früher das Landleben in seiner Qualität maßgeblich bereichert haben.

Gerade für Unternehmen, deren Mitarbeitende auf dem Land wohnen, ist eine vollständige Rückkehr ins Büro nicht attraktiv. Gleichzeitig ist das Home-Office auch keine langfristige Lösung. Sabine Sauber setzt daher mit NEUE HÖFE auf sog. Landbüros, die sie über Coworking-Plattformen vermittelt. Insbesondere wird das interessant, wenn sich Firmen auf solche Konzepte einlassen. Vorreiter sei dabei der Nürnberger IT-Dienstleister Datev, der über NEUE HÖFE Arbeitsflächen auf dem Land an die eigenen Mitarbeiter vermittelt.

Ausblick – neue Konzepte auf der IBA

Die Schlafstädte wachen also auf. Die ländliche Transformation erlebt durch den gesellschaftlichen Wandel unseres Arbeitsverständnisses ein neues Hoch. Innovation geschieht gerade in diesem Augenblick. Die ganze Europäische Metropolregion München (EMM) stellt sich zukunftsfähig auf. Wie gerufen kommt daher die Internationale Bauausstellung (IBA) nach München und schließt die komplette EMM mit ein, also insgesamt 27 Landkreise. Darüber sprach Wolfgang Wittmann auf dem Barcamp, der sich seit neun Jahren als Geschäftsführer der EMM e.V. für die positive Entwicklung der Region einsetzt. Dabei sei die Konkurrenzfähigkeit der EMM das ausgesprochene Ziel, während die Erhaltung der Lebensqualität und die Gewährleistung der Nachhaltigkeit stets im Vordergrund stehen sollen.

Bei der IBA gehe es nicht nur darum, neue Infrastruktur zu bauen, sondern neue Konzepte ausprobieren. Bis zum Ausstellungjahr 2033 brauche es nun die breite Zusammenarbeit der Gemeinden und Landkreise, der „jungen Wilden“ aus Start-Ups und Kreativszene und den Input aus den Hochschulen Noch gibt es keine „IBA-Projekte“. Absehbar sei allerdings, dass die drei neuen Bahnhöfe in München, Ingolstadt und Augsburg präsentiert werden, sowie der Hyperloop zum Flughafen. Doch auch kleinere Vorhaben der Gemeinde sollen im Rahmen der IBA ihren Platz finden. Jetzt sei der Zeitpunkt zum radikalen Umdenken. Wittmann plädierte zum Abschluss für mehr Miteinander und dafür, den Egoismus einzelner Akteure zu überwinden, um gemeinsam die Region zukunftsfähig gestalten zu können. Zum Beispiel zusammen mit dem EMM e.V., der seine Türen für alle offen hat.

Vielen Dank an alle Speaker*innen und Gäst*innen. Bis zum nächsten Mal auf dem Ponyhof!


Sei nächstes Mal mit dabei:

Was? Barcamp

Wann? 08. Oktober 2022

Wo? Ponyhof der Pioniere, GWP, 82266 Inning am Ammersee

Anmeldung: Mail an clubhaus@mucbook.de


Beitragsbilder: ©Manuel Boskamp

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