Kultur, Stadt

Bitte etwas mehr Gebrüll

Hakan Tanriverdi

separatisten marienplatz

Wie gerne hätte die freie Theatergruppe „Separatisten“ mit ihrer Frage „Geld oder Kultur“ provoziert. Hakan Tanriverdi war auf dem Marienplatz dabei und meint: Das Vorhaben scheiterte nicht am schlechten Wetter, sondern an der Konturlosigkeit des Konzepts.

Man muss Position beziehen können. Gerade in München. Erst recht am Marienplatz. Und vor allem, wenn es kurz vor 12 Uhr ist. Sonst helfen auch schlecht formulierte Werbesprüche nicht weiter. „Priceless Munich Begins Here“ steht auf ihrem Schild, doch die Touristenführerin, die das Stück Kartonage hochhält, fällt nicht weiter auf in der Menschenmasse, sie scheint zu versinken. Sie müsste sich inszenieren, etwas vorgehen, keine 20 Schritt geradeaus, schon stünde sie wie eine Dirigentin vor ihrem Orchester. Direkt vor ihrem Zielpublikum, das sich gerade vor dem Rathaus aufgestellt und ihre Digitalkameras gezückt hat. Aber die Touristenführerin entscheidet sich dafür, in der Masse zu bleiben. Und damit bleibt sie unsichtbar. Da hilft auch das Schildchen nichts mehr. Der Schäfflertanz im Turm beginnt. Sie geht unter.

Gleiche Szene, 30 Meter weiter links, am S-Bahnausgang Weinstraße. Dort ist eine Bierbank aufgestellt, die sich als Infostand entpuppen wird. Ein paar Leute stehen dahinter und führen Gespräche untereinander, kaum einer schaut in ihre Richtung. Man muss schon näherkommen, wenn man entziffern will, was auf der kleinen Banderole steht: „Geld zu verschenken“. Na hoppla, Geld zu verschenken? Das scheint sich aber noch nicht herumgesprochen zu haben, denn vor dem Tisch herrscht die absolute Abwesenheit von interessierten Personen. Dabei stehen die „Separatisten“ bereits seit 9 Uhr am Marienplatz und warten auf Menschen, die sich für ihre Aktion interessieren könnten.

Das Anliegen der freien Theatergruppe ist schnell erklärt. „Sollte Geld eine so große Rolle spielen?“, fragt Felix Kruis, der Regisseur des Separatisten-Projektes. Die Antwort? Geschenkt! Genauso wie er auch Geld zu verschenken hat.  Sollte sich ein Mensch an den Infostand heranwagen und sich nach Scheinen erkundigen, so wird er von den Separatisten vor die Wahl gestellt. „Kultur oder Geld?“

Die Botschaft ist ein Nullsummenspiel: Links das Geld, rechts die Kultur: Wo das eine obsiegt, kann das andere nur verlieren. „Wir wollen provozieren“, sagt einer der Aktivisten. Und tatsächlich, als fünf Minuten später ein Jugendlicher vor der Bierbank steht und „Das große Haus [gemeint ist das Rathaus; Anm. d. Red.] hier am Marienplatz sieht ganz schön cool aus“ in sein Handy brüllt, ist man versucht, ihm die Entscheidung abzunehmen und ihm nicht den Geldschein, sondern das sogenannte „Kulturticket“  in die Hand zu drücken.

Das Kulturticket ist ein Synonym für „Eintrittskarte“, welche es z.B. für das Haus der Kunst gibt. „Die Theater- und Museumskarte ist mehr Wert als das Geld (5 Euro)“, erklärt die Separatistin Charlotte, denn in den Augen der Theatergruppe muss die Kultur einen Bildungsauftrag erfüllen. Einen Satz, den man in den Münchner Kultureinrichtungen wohl nur allzu gern gehört hat. Diese seien regelrecht begeistert gewesen von der Idee und haben die engagierte Truppe durch das Bereitstellen von Eintrittskarten unterstützt. Und auch ansonsten überzeugt der Aktionismus der Separatisten auf den ersten Blick. Neben dieser Aktion am Marienplatz führen sie u.a. auch ein Theaterstück auf. Von den Konsumenten verlangen sie aber keinen fixen Eintrittspreis – „Zahl, was du kannst“ – das ist eine noble Geste. Ärgerlich hingegen ist die klaffende Lücke zwischen Aktionismus und Reflexion.

Dabei beziehen sich die Separatisten sogar explizit auf eine Art Manifest. „Neue Tat“, nennt sich das Blog, auf dem diese in Essayform geschriebene Anklageschrift an die Gesellschaft zu finden ist, passenderweise gleich unter dem pathostriefenden Schlagwort „Revolution“ abgespeichert. Ein Text, in dem es wörtlich heißt: „Die Regierung muss sich […] im Klaren darüber sein, dass wir neue Wege finden werden, um gegen Ungerechtigkeit vorzugehen. Wir werden kämpfen! Ohne technische Waffen!“ Hat man es hier mit verkappten RAF-Romantikern zu tun? Nein, bloß nicht! Mit Marxisten? Niemals! Mit Anti-Kapitalisten? Nein!  Jede Nachfrage ergibt neue Abgrenzungen. Antworten oder Positionierungen gibt es keine.

Die Separatisten betonen zwar, dass die ökonomischen Prozesse nicht von der Politik zu trennen seien, aber eine Erklärung, ganz grundsätzlich einen Standpunkt, liefern sie nicht. Sie sagen zwar, dass sie mit dem Zeigefinger auf einen Missstand deuten, aber wie genau sich dieser Missstand ausbuchstabiert und wie ihm zu begegnen ist, das erfährt man nicht. Sie fragen zwar nach, wie viel Radikalität notwendig ist, um in einer Demokratie etwas zu bewegen – eine Gelegenheit, die man z.B. nutzen könnte, um die Selbsterhaltungstendenz technokratischer Strukturen kritisch zu hinterfragen -, aber was genau bewegt werden soll, etwas Brauchbares ist nicht zu destillieren. Als eine aufgeweckte Schülerin sich vor die Truppe stellt und „Aber mit Kultur kann man Geld verdienen“ sagt, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Die Willkürlichkeit des Konzepts „Kultur vs. Geld“ ist in sechs Worten offengelegt. Es wäre an den Separatisten, die theoretische Argumentationsebene auszuweiten, denn auch die nächste Schülerin findet eine Schwachstelle, wenn sie sagt: „Ich nehme die 5€, Bildung kriege ich doch in der Schule“. Hier helfen keine inhaltsleeren Abgrenzungen mehr, hier müssen Argumente her.

Konturlosigkeit kann durchaus eine Pointe sein, gerade wenn sie sich als Fundamentalopposition versteht. Und dass es Sinn machen kann, sich erst mal nur auf das Fragenstellen zu beschränken, das weiß bereits der Volksmund. Sich aber hinzustellen, den Zeigefinger zu erheben und dann den Satz nicht auf den Punkt bringen zu können, das ist beileibe nicht die Provokation, als die man sich gerne inszenieren würde. Es ist allerhöchstens ein schlechter Werbespruch. Und damit droht man unterzugehen. Das haben die Separatisten mit der Touristenführerin gemeinsam. Aber auch hier gilt: Ein paar Schritte gerade aus und auf die Menschen zugehen, die Bierbank nicht als Abgrenzung verstehen. Die Konturlosigkeit nicht als Flucht vor einer notwendigen Auseinandersetzung mit theoretischen Standpunkten missinterpretieren. Ansonsten ist es keine Provokation, sondern lediglich ein guter Ansatz, den man in in dieser einmaligen Aktion zu leichtfertig verspielt hat. Auf ihrer Facebook-Seite kündigten sie diese Aktion bereits  am 27. Mai an und versprachen ihren Fans: „Mit Gebrüll“. Davon war leider nichts zu hören. Wie gerne hätte man.

Am 05. Juli findet die Premiere der Separatisten statt, im Puerto Giesing. Natürlich kostenlos. Hier bewegen sich die Studenten, drei von ihnen studieren Theaterwissenschaften, in einem für sie sicheren Terrain. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich in diesem Umfeld umso eindrucksvoller positionieren.

Einen Beitrag zu der Aktion auf dem Marienplatz gibt es auch auf München TV (Foto).

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