Kinogucken, Leben

Blasses Abbild

Thomas Empl

Schreibt seit 2012 für mucbook über Kino, meistens Filmkritiken, hin und wieder auch mal Theater. Als Münchner in Köln unterwandert er im Moment den Westen und arbeitet dort als Schriftsteller. Ist aber trotzdem ständig in München, der besten Stadt der Welt.
Thomas Empl

Die Bücherdiebin von Markus Zusak ist ein phänomenaler Roman. Ein 9-jähriges Mädchen namens Liesel kommt 1938 zu einer Pflegefamilie nach München und wächst dort während des 2. Weltkriegs auf. Seine Geschichte wird erzählt von niemand geringerem als dem Tod selbst. Mit einer Sprache, die sich eigentlich nicht auf ein anderes Medium übertragen lässt. Die nur so wimmelt vor Wortschöpfungen, Personifikationen, kunstfertigen Einschüben oder Passagen, in denen sich der Tod direkt an seine Leser wendet. Ein Buch, das auf jeder seiner fast 600 Seiten mit Ideen und Überraschungen aufwartet. Doch dies ist keine Buchkritik. Dies ist eine Filmkritik.

Liesel-und-Max

Brian Percival hat Die Bücherdiebin verfilmt. Dabei blieb er der Geschichte weitgehend treu: Liesel wird adoptiert, entdeckt ihre Liebe zu Büchern, ihre Familie versteckt Max, einen Juden. Der Brite vergaß aber alles andere, was den Roman – oder einen guten Film – ausmacht. Die kleinen Details, die Geschichten hinter der Geschichte gehen verloren.

– Ein Beispiel –
Liesels bester Freund Rudi, genannt Jesse Owens, rettet ein Buch der Bücherdiebin aus dem klirrend kalten Fluss. Im Roman bleibt er nach dieser Heldentat noch eine Minute dort stehen. „Nach Monaten voller Niederlagen war dieser Moment die einzige Gelegenheit für ihn, sich in seinem Sieg zu sonnen“. Im Film steigt Rudi sofort aus dem Wasser.
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Man könnte auch bei Liesel anfangen. Die Newcomerin Sophie Nélisse stellt nur die leblose Hülle einer glänzenden Hauptfigur dar; sitzt perfekt geschminkt und mit adretter Frisur ausdruckslos im Bombenkeller herum. Jegliche Feinheiten, ambivalente Charakterzüge – etwa, dass es ihr Spaß macht, Bücher zu stehlen: Fehlanzeige. Diese „Bücherdiebin“ borgt sich ihre Bücher.

Der Witz, die Subtilität der Vorlage wird glattgebügelt. Der Erzähler, der Tod, darf vielleicht alle halbe Stunde mal einen Satz einwerfen – wobei man sich dann fragt, warum man ihn überhaupt drin gelassen hat. Klar, die Sprache an sich ist natürlich nicht übertragbar. Doch hätte man gerade durch die Möglichkeiten des Mediums Film daraus auch ein Ideenfeuerwerk abbrennen können. Stattdessen gibt’s ein paar Klischees aus dem Wie-bastle-ich-mir-einen-2.Weltkrieg-Film – Baukasten.

Sowie ein paar nervige Patzer. Liesels Ziehvater (zusammen mit John Williams‘ Musik das beste an dieser Adaption: Geoffrey Rush), Hans Hubermann, bringt seiner Tochter das Lesen bei, indem er zu jedem Buchstaben Beispielwörter an die Kellerwand schreibt. Auf Englisch. In München. Während des 2. Weltkriegs. Hans! Hubermann! Solchen Unsinn sollte es spätestens seit den Inglourious Basterds nicht mehr geben.

Es gibt zu viele dieser Beispiele, an denen sich darstellt, dass Die Bücherdiebin nicht mehr ist, als ein zahmer, oft gesehener Weltkriegsfilm. Ein blasses Abbild. Was – ob der Großartigkeit seiner Vorlage – nicht hätte sein müssen. Dürfen, will man fast sagen.

Liesel-und-Hans

Kinostart ist der 14.03.2014.
Bilder © 20th Century Fox

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