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Bookclub and Friends – ein moderner Buchclub in München

Leila Herrmann

Das Klischee von Bücherwürmern, die sich alleine in ihren Zimmern verkriechen und über ihre Lieblingscharaktere grübeln ist passé. Denn: Wir leben in einer Zeit, in der Lesen wieder cool ist! Die Münchnerin Julia Loibl trägt dazu bei: Im März 2019 hat sie einen Buchclub gegründet, bei dem einmal pro Monat ein Buch gelesen und sich im Anschluss bei einem Treffen darüber ausgetauscht wird. Dafür wählt sie immer einen Roman der neuen Belletristik aus, der sich mit dem Zeitgeist befasst. Auf diese Weise liest jeder für sich alleine, im Anschluss findet jedoch ein intensiver Austausch statt.

Wie man dazu kommt, einen Buchclub zu gründen

In ihrem Beruf als Kulturredakteurin hat Julia täglich mit all jenen Themen zu tun, die auch in Büchern eine Rolle spielen: Politik, Gesellschaft, Kunst. Als die Kollegin, mit der sie sich regelmäßig über Bücher austauschen konnte, in Elternzeit gegangen ist, fehlte ihr plötzlich die Ansprechperson. Gleichzeitig wurden Buchclubs auf Instagram in den USA groß. Hier bieten Celebrities wie Reese Witherspoon mit ihrem Buchclub „Reese’s Bookclub“ oder Emma Watsons feministischer Buchclub „Our shared Shelf“ eine Plattform, um über Themen wie Gleichstellung, Aktivismus oder soziale Verantwortung zu diskutieren. Als Julia dann auffiel, dass es in und aus München keine vergleichbare Plattform gibt, dachte sie „Okay, dann mache ich das!“. Auf ihrem Instagram-Account @bookclubandfriends veröffentlicht sie Rezensionen und gibt Tipps. Sie geht aber darüber hinaus: Mit einem persönlichen Treffen an den verschiedensten Locations. 

Bookclub and Friends in der Galerie Thomas

Wir treffen uns um 20 Uhr in der Galerie Thomas in der Türkenstraße und schlendern durch die Räume mit den hohen Decken und den modernen Kunstwerken. Eine unerwartete und beeindruckende Szenerie für einen Buchclub. „Ich mag, wenn es anders ist. Wenn man nicht sofort einen Buchclub an hinter einem Ort erwarten würde.“, sagt Julia. Wir sitzen in einem großen Stuhlkreis mitten in der Galerie und halten das Buch, das heute besprochen wird in der einen und ein Glas Wein in der anderen Hand – eine gute Kombination wie ich finde.

Während des Lockdowns wurde das Treffen einmal über Zoom gemacht. Julia habe aber gemerkt, dass die Leidenschaft da etwas verloren ging. Es sei auf eine Weise unpersönlicher und auf eine Weise persönlicher gewesen. Zum einen sehe man bei jedem das Zuhause, das macht es persönlicher. Aber: Man falle sich auch nicht ins Wort. Die Leute seien leider viel gehemmter. Umso schöner, dass nun endlich wieder ein persönliches Treffen stattfindet.

Von der Liebe zu Büchern und dem Wunsch sich auszutauschen

Wir machen eine lockere Vorstellungsrunde. Einige der Buchclubber*innen waren schon häufiger dabei. Wir haben alle unterschiedliche Hintergründe, ein unterschiedliches Alter und unterschiedliche Berufe. Aber eines haben wir alle gemeinsam: Die Liebe zu Büchern und den Wunsch uns darüber auszutauschen. Julia leitet ein: „Es gibt keine Regeln. Ich will einfach nur, das wir einen guten Abend haben und uns über das Buch austauschen.“ Besprochen wird heute „Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina. Ihr Debütroman handelt von dem Schicksal zweier Schwestern, deren Mutter versucht hat, sich umzubringen und deren Vater früh abgehauen ist. Aber es geht nicht nur um die konkrete Geschichte des Romans, sondern auch um die Themen, die das Buch aufgreift: Es geht um Familie, um Verlust und um Schuld, um äußere Einflüsse, Machtlosigkeit, menschliche Abgründe und um Liebe und Kunst.

Zeitgeist-Themen: Zwischen Gesellschaftskritik und den eigenen Emotionen

Julia wählt die Bücher für den Buchclub immer nach kontroversen Themen aus, die den Zeitgeist aufgreifen. Themen, die sie interessieren und berühren. Im Buchclub wurden zuvor beispielsweise schon Frauengefängnisse, Abtreibung oder Rassismus thematisiert. Wenn man kontrovers darüber sprechen kann und es in der Gesellschaft eine wahnsinnige Schwere gibt, dann sei es ein Buchclub-Buch. Sie wolle durch diese Bücher Awareness schaffen.

Der Abend ist mittlerweile ein Selbstläufer. Von der anfangs eher zurückhaltenden Art der  Teilehmer*innen ist nichts mehr zu spüren. Die Stimmung ist ungezwungen, fast schon wie unter Freunden. Ein Schmunzeln, ein Nicken, Stirnrunzeln – die Meinungen zu dem Roman gehen auseinander. „Ich fand spannend, dass die Autorin aus 11 Perspektiven und zwei unterschiedlichen Zeiten erzählt. Das ist ihr erstes Buch, echt sensationell!“, sagt eine Teilnehmerin, während ihr eine andere widerspricht: „Für mich war es ein Pageturner. Und doch wollte ich, dass es bald vorbei ist.“. Julia sagt: „Durch die unterschiedlichen Perspektiven kam so stark zum Ausdruck, dass alle das Gleiche erleben und die Momente trotzdem anders empfinden. Das ist heute Abend ja nicht anders.“ Wir schweifen ab zu Nabokov’s Klassiker „Lolita“ und vergleichen deren Vater-Tochter-Beziehung mit der aus dem Buch, ziehen weiter zu Picasso’s Kunst und dem Zitat des Buches „Kunst ist ein Messer. Du musst bluten“.  Wir fragen uns: Kann man nur ein wirklich guter Künstler sein kann, wenn man Schmerz erlebt hat?

Und wie geht es weiter?

Abschließend erzählt Julia von ihren Plänen für das kommende Jahr. Es wird am Januar ein Buchclub-Abo geben. Sie hat sich mit ihrer Lieblingsbuchhandlung Moths zusammengetan. So müsse man sich nicht immer darum kümmern, woher man das Buchclub-Buch bekommt. Und was ihr ganz wichtig ist: So unterstütze man die Buchhandlung vor Ort. Man kann sich dann aber überlegen, ob man dann zusätzlich auch bei dem Treffen teilnimmt.

Julia meint, sie sei zwar zwar ein digitaler Mensch, habe aber oft das Bedürfnis das Handy wegzulegen und das echte Leben zu spüren. Außerdem sei die Meinung einer fremden Person so viel wert. Nach diesem Abend können wir ihr da wohl alle zustimmen. Wir haben uns gegenseitig neue Denkanstöße gegeben und andere Perspektiven aufgezeigt. „Wenn du ein Buch zu Ende gelesen und ein schweres Herz hast, dann hat alles gestimmt.“, sagt Julia und klappt das Buch zu.

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Das Buch für den Oktober wird „Meine dunkle Vanessa“ sein. Der Ort wird kurz davor bekannt gegeben. Die Anzahl der Plätze ist begrenzt auf 25 Personen und erfolgt über ihre Webseite www.bookclubandfriends.de.

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