Aktuell, Leben, Lecker, Münchenschau, Stadt

Darum ist das Gasthaus am Domagkpark ein Gasthaus für ganz München

Mit Renata Neukirchen spricht man nicht ungestört. Wir sitzen direkt neben der Tür des Gasthauses im Domagkpark, durch die gerade eine junge Frau mit Kind auf dem Arm Richtung Straße geht. Dunkelroter Lippenstift, Vintage-Kleid, Pelzmantel. Mir als ehemalige Secondhand-Laden-Betreiberin fällt sie sofort auf – solch ein Outfit ist eine Wohltat für meine Augen, im modischen Einheitsbrei der Stadt. Freudestrahlend bedankt sie sich bei Renata Neukirchen, das Interview pausiert. – „Sie hat hier gerade ihre standesamtliche Hochzeit gefeiert und ich habe während des Essens auf ihr Kind aufgepasst“, erklärt mir die Neukirchen. Für die Restaurantleiterin offenbar eine Selbstverständlichkeit. Mir beweist sie gleich zu Beginn meines Besuchs: Das hier ist kein gewöhnliches Gasthaus.

„Für mich ist ein Gasthaus ein Ort, wo Essen anregt und schmeckt, wo eine natürliche Behaglichkeit existiert, wo es genug Raum gibt, dass man sprechen kann miteinander, wo Kinder und Senioren sich gleichermaßen wohlfühlen, wo die Mitarbeiter zusammenhalten und das Gefühl haben: Das ist unser Gasthaus.“

Renata Neukirchen hat hohe Ansprüche an Gastronomie. Mit der Gründung des Verein „Cooperative Beschützende Arbeitsstätten“ hat sie bereits 1985 gastronomische Qualität mit sozialem Anspruch verbunden. In den Conviva-Gaststätten finden Menschen mit geistigen, körperlichen oder psychischen Einschränkungen eine Anstellung und ein wertschätzendes Arbeitsumfeld. Jahrelang leitete sie so die Kantine in den Kammerspielen. Dann ging sie in Rente…

Ein Gasthaus als Treffpunkt

…das war zumindest der Plan. Denn zeitgleich tat sich im Domagkpark eine Gruppe von Anwohner*innen zusammen, die in einem Haus der Wagnis-Genossenschaft ein Restaurant gründen wollten. Es sollte kein gewöhnliches Restaurant werden, sondern eines, das Treffpunkt, genossenschaftliches Projekt, Kunst- und Kulturraum sein würde. Die gastronomische Expertise fehlte allen Beteiligten. Und so kam Renata Neukirchen ins Spiel. Sie leitet das Gasthaus Domagk seit Beginn – ehrenamtlich.

Renata Neukirchen ist die ehrenamtliche Restaurantleitung im Gasthaus Domagk.

Das Prinzip: Genossinnen und Genossen sorgen für wirtschaftliche Planungssicherheit. 500 Euro ist die Einlage, die schon 150 Menschen getätigt haben. Dafür können sie sich kreativ einbringen, die Räumlichkeiten für eigene Veranstaltungen mieten und bekommen 10 Prozent Rabatt auf alle Speisen und Getränke. 150 sind allerdings noch viel zu wenig. Die Betreiberinnen kämpfen in einem Wettbewerb, bei dem ökologische und soziale Nachhaltigkeit Nachteile sind.

Teamgeist und Qualität statt Gewinnmaximierung

Das Gasthaus ist ein Gasthaus der Mitarbeiter*innen, das betont Renata Neukirchen ebenso wie die hohe Qualität der Speisen. Angeboten werden regionale Produkte, wenn möglich in Bio-Qualität, zu fairen Preisen. Jeder solle sich gutes Essen leisten können, das ist den Betreiber*innen wichtig. Ein Mittagstisch mit zwei Gängen kostet 8,90 Euro, abends gibt’s das Schwäbisch-Hällische Schweineschnitzel für 13,50 Euro. Auf der Karte: Immer auch Vegetarisches und Veganes.

Heute hat die Genossenschaft 16 Mitarbeiter*innen, der freundliche Service fällt mir sofort auf. Auch Geflüchtete und ältere Menschen, die als Bewerber*innen auf dem Arbeitsmarkt oft benachteiligt werden, sind Teil des Teams.

„Das habe ich unterschätzt, welche Herausforderungen das mit sich bringt. Die Mitarbeiter, die aus ihren Heimatländern geflohen sind, haben teilweise große gesundheitliche Probleme… bei den älteren Frauen, die hier ihre Rente aufbessern, habe ich anfangs eine größere Agilität und Schnelligkeit erwartet, das gebe ich zu“, erzählt Renata Neukirchen. Als letztens alle vier Küchenhilfen ausgefallen waren, halfen nur die alten Kontakte.

Dem wirtschaftlichen Druck nachgeben und nur die einstellen, die in rein profitorientierter Logik die Leistungsstärksten sind? Am Nebentisch sitzt ein Mann, der wegen einer Krankheit nicht mehr sprechen kann. Er wird neuer Mitarbeiter der Genossenschaft.

Auf in den Domagk-Park!

Gemütlichkeit ohne Schnickschnack: Die Einrichtung beweist Liebe fürs Detail. Für die wechselnden Kunstausstellungen gibt es bereits eine Warteliste für Künstler*innen. Momentan hängen schwarz-weiß Fotografien aus New York.

Die für ein Gasthaus essentielle Behaglichkeit ist nicht leicht herzustellen in einem Neubaugebiet, das noch immer an vielen Orten Baustelle ist. Nicht gewachsen, sondern geplant, mit viel Beton und wenig Geschichte. Im Innern des Gasthauses fühle ich mich dennoch sofort wohl. Ein warmes Licht bestrahlt die neuen Tische, die von Stühlen aus einem alten Theaterverleih umrahmt werden.

„Setz dich dazu“, sagen die Schilder, die die Genoss*innen gerade entworfen haben. Sie sollen dazu animieren, dass Menschen ins Gespräch kommen – aus der Nachbarschaft, aber auch darüber hinaus. „Ich wohn‘ dann ja doch recht weit weg“, gebe ich entschuldigend als Grund dafür an, noch nie da gewesen zu sein. Zu weit? In einer Stadt wie München?? Ich schäme mich ein bisschen. Und kündige mich wegen meiner Begeisterung gleich zum Abendessen an.

Renata Neukirchen verabschiedet mich: „Geben Sie unbedingt Bescheid, damit ich auch da sein werde.“ – Ein GASThaus. Ein echtes.


Infos in aller Kürze:

Was? Gasthauses im Domagkpark
Wann?  Öffnungszeiten (im Winter): Mo-Fr 11:30-15:00 Uhr (Küche bis 14.00 Uhr), Do, Fr, Sa 18:00-22:00 Uhr, Warme Küche abends bis ca. 21:30 Uhr, Ruhetag: Sonntag

Wo? Fritz-Winter-Straße 12, 80807 München

Zur Speisekarte als PDF geht es hier entlang

 

No Comments

Post A Comment

Das Heft über „Wohnen trotz München“

Simple Share Buttons
Simple Share Buttons